Wie Europa Gesicht und Stimme bekommt (II)

ÖGfE: Policy Brief von Waldemar HummerIm zweiten Teil des "Policy Brief" der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) präzisiert der Europarechtler Waldemar Hummer seinen Vorschlag für ein Europa-Ministerium. Bloß Kompetenzen zu verschieben, reicht demnach nicht. (Der erste Teil der Analyse erschien gestern auf EURACTIV.de.)

Im Bundeskanzleramt zu Wien hängen prächtige Luster. Warum nicht auch in einem Europaministerium? Foto: BKA
Im Bundeskanzleramt zu Wien hängen prächtige Luster. Warum nicht auch in einem Europaministerium? Foto: BKA

ÖGfE: Policy Brief von Waldemar HummerIm zweiten Teil des „Policy Brief“ der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) präzisiert der Europarechtler Waldemar Hummer seinen Vorschlag für ein Europa-Ministerium. Bloß Kompetenzen zu verschieben, reicht demnach nicht. (Der erste Teil der Analyse erschien gestern auf EURACTIV.de.)

Der Autor

" /Univ.-Prof. DDDr. Waldemar Hummer (70) ist emeritierter Professor für Europarecht und Völkerrecht am gleichnamigen Institut der Universität Innsbruck.

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Sinnvoll wäre ein Europa-Ministerium nur dann, wenn es nicht für eine bloße Verschie­bung bestehender Kompetenzen und Monopoli­sierung derselben in einer einzigen Zentralstelle – unter gleichzeitiger "Austrocknung" der europa­rechtlichen Ressourcen in den einzelnen Ministe­rien –, sondern vor allem für deren bessere Koordi­nierung stünde.

Diesbezüglich müsste es sich aber einem Effizienzvergleich mit der gegenständlichen Besorgung der Europaagenden durch das BMeiA bzw. deren Koordinierung durch das Bundeskanz­leramt stellen.

Finanzkrise muss besser erklärt werden

Wie immer man sich in dieser Frage auch entscheidet, es sollte rasch geschehen, da es integrationspolitisch "Fünf vor Zwölf" ist. Die ge­genwärtigen existenziellen Probleme in der EU, die im Gefolge der schwierigen Überwindung der Finanzkrise zutage getreten sind, müssen der ös­terreichischen Öffentlichkeit zum einen schon aus demokratiepolitischen Gründen besser verdeut­licht werden. 

Zum anderen ist eine diesbezügliche Aufklärung der Bevölkerung aber auch deswegen geboten, da unter Umständen in absehbarer Zeit wieder Änderungen an den Gründungsverträgen der EU vorgenommen wer­den müssen, die in Österreich entweder eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat (entspricht dem Deutschen Bundestag, Anm. d. Red.) oder gar ein basis­demokratisches Referendum erfordern würden.

Dafür müssten die Österreicher aber bereits jetzt umfassend über alle wichtigen Vorgänge in der EU informiert werden, um dann im Anlassfall entsprechend sachkundig entscheiden zu können. Eine solche sachliche Auf­klärung erfordert einen gewissen zeitlichen Vorlauf und würde anlassbezogen, kurz vor einer solchen Abstimmung, einfach zu spät kommen.

Europapolitische Aufklärung ist Bringschuld der Politik

Europapolitische Aufklärung ist – entgegen einer weit verbreiteten Ansicht österreichischer Po­litiker – eine "Bringschuld" und keine "Holschuld", sodass der oft gehörte Einwand von Politikern, wonach alles Wichtige ohnehin auf der Homepage des jeweiligen Ministeriums bzw. des Bundeskanzleramtes zu fin­den sei, ins Leere geht.

Auch die des Öfteren ge­hörte Aussage, dass die Dinge zu komplex seien, um dem (einfachen) Bürger entsprechend erklärt werden zu können, ist demokratiepolitisch unzu­lässig.

Europaskepsis in Österreich

Der Effekt der nicht ausreichenden Öffent­lichkeitsarbeit hat dazu geführt, dass Österreich nunmehr laut Eurobarometer, einer von EUROSTAT in regelmäßigen Abständen erstellten Statistik über die Zustimmung der Unionsbürger zum Integrati­onsprozess in der EU, einer der euroskeptischs­ten Mitgliedsstaaten der EU geworden ist und im Zustimmungs-Ranking nur mehr an vorletzter Stelle rangiert.

Von den höchsten Zustimmungswerten …

Diese Zunahme der Euroskepsis ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass Österreich zum Zeitpunkt seines Beitritts zur EU Anfang 1995 die höchsten Zustimmungswerte auf­wies. So stimmten die Österreicher bei der Volksabstimmung über den EU-Beitritt am 12. Juni 1994 noch mit einer Zweidrittelmehrheit (66,58 Prozent!) für eine Mitgliedschaft in der EU.

Zwischenzeit­lich weiß man natürlich längst, dass diese damals völlig überraschende hohe Zustimmung auf eine intensive Werbekampagne der Marketing-Agentur Demner & Merlicek zurückzuführen war – aber heute reicht es offensichtlich nicht einmal mehr dazu, eine Agentur zu beauftragen, die Grün­de für die eklatante Euroskepsis des Österreichers zu eruieren.

… über Lethargie und Frust …

Österreich muss in der EU wieder eine aktive Europapolitik betreiben, wofür die Bundesregie­rung aber ein "imperatives Mandat" seitens der ös­terreichischen Bevölkerung benötigen würde. Das wird ihr aber nicht gegeben, da sich die Bürger dazu nicht genügend informiert fühlen.

… in offenen Widerstand

Die Absenz einer entsprechenden Information über die Positiva – aber auch die Negativa – der Teilnahme Österreichs am europäischen Integrationsprozess ließ die Österreicher zunächst Schritt für Schritt in Lethargie und Gleichgültigkeit verfallen, die aber jetzt mehr und mehr von Frustration und offenem Widerstand abgelöst werden, der von einigen Oppositionsparteien für deren Zwecke po­litisch geschickt instrumentalisiert wird.

Schon sind die ers­ten Forderungen nach Austritt aus der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) sowie dem Euro und nach Rückkehr zum Schilling zu hören. Sogar ein kompletter Austritt aus der EU wird angedacht. So überzogen diese Forderungen auch klingen und so unrealistisch sie aus ökonomischer und juristischer Sicht auch sein mögen, so gilt für sie ganz beson­ders die alte Wahrheit: "Wehret den Anfängen". Umfassende Information ist dringender denn je!

Installierung einer "Europa-Informationsschiene"

Es verwundert immer wieder, dass die Bun­desregierung im Allgemeinen bzw. Medienstaats­sekretär Josef Ostermayer (SPÖ) im Speziellen nicht schon längst dafür gesorgt haben, dass sowohl in den elektronischen als auch in den Printmedien seitens der politischen Entscheidungsträger die wichtigsten europapolitischen Vorgänge der öster­reichischen Öffentlichkeit entsprechend aufbereitet werden.

Warum hat man es bisher nicht der Mühe wert gefunden, im ORF oder in einem Printmedium eine fixe, regelmäßige Berichterstattung österreichi­scher Minister oder des Bundeskanzlers darüber vorzusehen, was sich zum Beispiel in der jeweils letzten Sitzung des Rates oder des Europäischen Rates ereignet hat und welche Auswirkungen davon auf Österreich zu erwarten sind?

Aufgaben für den Medienstaatssekretär

Die Einrichtung einer solchen eigenen ständigen Informationsschiene wäre eine mehr als lohnende Aufgabe für einen Medienstaatssekretär, der sich dabei auch noch besonders profilieren könnte. Der Einwand, dass sich die Medien dazu nicht hergeben würden, ist leicht zu widerlegen, da diesen Medien ja dann die "Ergreiferprämie" der Erstinformation durch den zuständigen österreichischen Minister zukom­men würde, auf die sie sicherlich nicht verzichten würden.

Erst wenn der Österreicher einen eigenen "Europa-Kanal" im ORF oder eine fixe "Europa-Kolumne" in einer Zeitung oder eine geeignete elektronische Adresse zur Verfügung hat, wird er sich von dort regelmäßig seine Informationen holen.

Handlungsempfehlungen

1. Die österreichische Bundesregierung muss die populistische "EU-Schelte" der Oppositi­onsparteien entkräften und wieder eine aktive Europapolitik betreiben;

2. Vergleichende Untersuchung der Vor- und Nachteile der Einrichtung von Europaministerien in anderen EU-Mitgliedsstaaten und Umlegung dieser Erfahrungen auf die österreichische Situation;

3. Einrichtung einer ständigen "EU-Informationsschiene" im ORF, in ausgewähl­ten Printmedien und in einem elektronischen Medium.


Der erste Teil erschien gestern auf EURACTIV.de.


Hintergrund: die ÖGfE


Die Österreichische Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) ist ein parteipolitisch unabhängiger Verein auf sozialpartnerschaftlicher Basis. Sie informiert über europäische Integration und steht für einen offenen Dialog über aktuelle eu
­ropapolitische Fragen und deren Relevanz für Österreich. Sie verfügt über lang­jährige Erfahrung im Bezug auf die Förderung einer europäischen Debatte und agiert als Katalysator zur Verbreitung von europapolitischen Informationen.

Hummer, W. (2012). Europa in Österreich »Ge­sicht und Stimme« geben. Notwendigkeit der Einrichtung eines Europa-Ministeriums und einer fixen EU-Informationsschiene. Wien. ÖGfE Policy Brief, 01’2012

Links


EURACTIV.de: In eigener Sache / 
Mit EU-Analysen die Europadebatte beleben (15. Oktober 2012) 

EURACTIV.de: ÖGfE-Policy Brief von Waldemar Hummer / Wie Europa Gesicht und Stimme bekommt (I) (15. Oktober 2012)

EURACTIV.de: Plädoyer von Nicolaus Heinen: Warum kein Europaministerium? (15. Oktober 2009)