"Janukowitsch hatte die europäische Strategie nie im Sinn"
Interview mit Jewgenia TimoschenkoAm vierten Tag des Hungerstreiks der inhaftierten Ex-Regierungschefin der Ukraine, Julia Timoschenko, gab ihre Tochter Jewgenia EURACTIV ein Exklusiv-Interview am Rande des Vilnius-Gipfels.
Interview mit Jewgenia TimoschenkoAm vierten Tag des Hungerstreiks der inhaftierten Ex-Regierungschefin der Ukraine, Julia Timoschenko, gab ihre Tochter Jewgenia EURACTIV ein Exklusiv-Interview am Rande des Vilnius-Gipfels.
EURACTIV: Die Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch hat am 21. November die Kehrtwende in der ukrainischen Politik gegenüber der EU verkündet. Es scheint, als hätte sich das Schicksal Ihrer Mutter verändert. Jetzt sieht es so aus, als gäbe es nicht die geringste Chance, dass sie vor den Präsidentschaftswahlen 2015 freikommt. Diese Nachricht war wohl ein schwerer Schlag für Sie, denn davor schien eine Lösung als durchaus realistisch.
TIMOSCHENKO: Natürlich hatten wir Hoffnung, meine Mutter war hoffnungsvoll. Aber unsere Hoffnung lag darin, dass Janukowitsch das Assoziierungsabkommen unterzeichnen würde. Niemand hat dies in den letzten zwei Monaten bezweifelt, so wie er die Vorbereitungen auf die europäische Integration und auf die Unterzeichnung geleitet hat.
Doch nach der Aussage des Ministerkabinetts wurde klar, dass Janukowitsch noch nie die europäische Strategie für die Ukraine im Sinn hatte. Er hat versucht, den besten Ausweg zu finden – eine Lösung, ein Instrument, das ihn an der Macht halten würde und das dem "Reichtum seiner Familie" – wie Freedom House dieses Phänomen in der Ukraine bezeichnete – zugute kommen würde.
Natürlich sind wir alle enttäuscht, aber vor allem sind es das die ukrainischen Menschen. Deswegen demonstrieren sie jetzt auf den Straßen – Hunderttausende – und fordern die europäische Integration, aber auch die Freiheit meiner Mutter.
EURACTIV: Wie lange glauben Sie, werden die Proteste dauern? Es ist Winter, und in der Ukraine ist der Winter sehr kalt…
TIMOSCHENKO: Die orangene Revolution [2004-2005] fand auch im Winter statt und es war viel kälter als jetzt. Es hat geschneit, aber die Leute sind trotzdem raus gegangen. Und nun steigt die Zahl der Menschen auf dem Platz, mehr Studenten, vor allem mehr junge Menschen kommen dazu. Nach dem Scheitern des [Vilnius] Gipfels, könnten es mehr Menschen werden.
Ich glaube, dass jeder Versuch Janukowitschs, dem ukrainischen Volk irgendetwas anderes zu verkaufen, scheitern wird. Die Menschen in der Ukraine bestehen weiterhin auf eine Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens am morgigen Tag [29 November]. Wenn dies nicht zustande kommt, muss man mit unvorhersehbaren Folgen rechnen.
Die Opposition hat klar gemacht, dass sie für die Amtsenthebung von Janukowitsch kämpfen wird. Sie fordern im Namen meiner Mutter die EU-Staats-und Regierungschefs dazu auf, zu helfen wie auch immer sie können, um sicherzustellen, dass die [Präsidentschafts-]Wahlen im Jahr 2015 frei und fair sind, damit demokratische Kräfte gewinnen und sicherstellen, dass dieses Fiasko, das heute geschehen ist, nie wiederholt wird.
EURACTIV: Glauben Sie nicht, dass Janukowitsch der Opposition ein Geschenk gemacht hat, da sie jetzt für die EU-Flagge kämpfen können?
TIMOSCHENKO: Meiner Meinung nach hat die Opposition – und vor allem meine Mutter als Anführerin der Opposition – klar gemacht, dass die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens das zentrale Ergebnis für die Ukraine und für die Zukunft sein wird.
Die Unterschrift bedeutet nicht, dass wir morgen in die EU kommen. Es wird schwere Aufgaben geben, die vor allem von den Behörden durchzuführen sind. Aber die Machthaber weigern sich nun, die Anstrengung zu machen, weil es ihr eigentliches Ziel ist, an der Macht zu bleiben und diese zu missbrauchen. Wegen des Scheiterns der Unterzeichnung, haben alle anderen verloren – vor allem die Ukrainer, die auf ein positives Ergebnis und auf eine Chance für die Ukraine hofften.
Interview: Georgi Gotev
EURACTIV.com
Links
EURACTIV Brüssel: Tymoshenko’s daughter: We all thought Yanukovich would sign (29. November 2013)