"Serbien muss bereits geschlossene Abkommen mit Kosovo auch umsetzen"
Interview mit Kosovos BotschafterDer serbische Ministerpräsident Ivica Da?i? und sein kosovarischer Kollege Hashim Thaçi haben die Gespräche zwischen beiden Regierungen wieder aufgenommen. Dabei sei nicht verlangt worden, dass Serbien Kosovo sofort anerkennt, sagt Skender Xhakaliu im EURACTIV.de-Interview. Der Botschafter Kosovos in Deutschland sprach außerdem über die Arbeit der EU-Rechtsstaatsmission Eulex, die Organisierte Kriminalität und die neue serbische Regierung.
Interview mit Kosovos BotschafterDer serbische Ministerpräsident Ivica Da?i? und sein kosovarischer Kollege Hashim Thaçi haben die Gespräche zwischen beiden Regierungen wieder aufgenommen. Dabei sei nicht verlangt worden, dass Serbien Kosovo sofort anerkennt, sagt Skender Xhakaliu im EURACTIV.de-Interview. Der Botschafter Kosovos in Deutschland sprach außerdem über die Arbeit der EU-Rechtsstaatsmission Eulex, die Organisierte Kriminalität und die neue serbische Regierung.
EURACTIV.de: Die Gespräche zwischen Kosovo und Serbien wurden jüngst auf Ebene der Ministerpräsidenten wieder aufgenommen. Das Treffen mit dem kosovarischen Regierungschef Hashim Thaçi bezeichnete der serbische Premier Ivica Da?i? als "gut und nützlich", man habe einige Schritte vorwärts gemacht. Ist das auch Ihre Einschätzung?
XHAKALIU: Kosovo ist daran interessiert, die Beziehungen zu Serbien zu normalisieren. Unsere Regierung hat sich durch den Dialog bereit gezeigt, die nachbarschaftlichen Probleme mit Serbien zu lösen. Serbien muss die bereits abgeschlossenen Abkommen mit Kosovo auch in der Realität umsetzen. Es gab 2011 und 2012 einen technischen Dialog. Einige Abkommen sind nicht umgesetzt. In den ersten Gesprächen zwischen den Premierministern geht es darum, diese umzusetzen. Wir befürworten diese Gespräche sehr und gehen sie sehr entschlossen an.
EURACTIV.de: Laut Da?i? soll an zwei Grenzübergängen die EU-Rechtsstaatsmission die exekutive Rolle haben. Erwarten Sie davon eine Verbesserung der Situation?
XHAKALIU: Mit der Umsetzung des IBM-Abkommens (Integrated Border Mangament), das von kosovarischer Seite schon unterschrieben ist, wird natürlich eine Verbesserung da sein. Es enthält klare Regelungen, die von beiden Seiten eingehalten werden sollten. Dadurch hat die Eulex-Mission die Möglichkeit dort präsent zu sein, was an zwei Grenzübergängen bis jetzt nicht der Fall war. Mit der Unterstützung der Eulex-Mission werden wir unsere Grenzübergangskontrollen zusammen mit den serbischen Polizisten und Zollbeamten durchführen.
EURACTIV.de: Zur Sprache kamen laut Da?i? auch die Finanzierung der serbischen Parallelinstitutionen im Nordkosovo. "Serbien will sie transparent machen", versicherte er. Was erwarten Sie konkret?
XHAKALIU: Das ist alles schon im Ahtisaari-Plan geregelt. Die Minderheitsrechte sind dort wie in der Verfassung von Kosovo vorgesehen. Die mehrheitlich serbischen Bewohner Nordkosovos sind ein integrierter Bestandteil von Kosovo. Die kosovarische Verfassung und der Ahtisaari-Plan garantieren ihnen die gleichen Rechte und Priviligien wie für alle Bürger in Kosovo. Serbien muss die installierten Parallelstrukturen und illegale Institutionen in Nordkosovo entfernen. Das kam auch in den Gesprächen auf. Wir bestehen darauf, dass diese Parallelstrukturen nicht aus Belgrad finanziert werden. Natürlich kann die serbische Regierung die Bevölkerung in jeder Hinsicht unterstützen.
Wird Serbien beitreten ohne Kosovo anzuerkennen?
EURACTIV.de: Belgrad hofft, Fortschritte bei der Normalisierung der Beziehungen mit dem Kosovo bis Anfang Dezember zu erreichen, um noch vor Jahresende einen Termin für die Aufnahme der Beitrittsgespräche mit der EU zu bekommen. Eine Anerkennung des jüngsten Staates Europas schließt Serbien allerdings nach wie vor aus. Wird Serbien beitreten ohne Kosovo anzuerkennen?
XHAKALIU: In den Gesprächen ist nicht verlangt worden, dass Serbien Kosovo sofort anerkennt. Wir sind an einer Normalisierung der Beziehungen zu Serbien interessiert.
EURACTIV.de: In Prishtina versuchte US-Außenministerin Hillary Clinton die größte Angst der Kosovaren zu mildern, nämlich dass der nördliche Teil zu Serbien kommen könnte. "Wir widersetzen uns jedem Gespräch über eine Grenzänderung", sagte sie. Die Souveränität und die Grenzen des unabhängigen Kosovo seien klar. Konnte sie Ihnen die Angst nehmen?
XHAKALIU: Der Besuch von Frau Clinton und Catherine Ashton waren für Kosovo und ich glaube auch für Serbien entscheidende Signale, dass beide Seiten sehr daran interessiert sind, die Gespräche zu unterstützen. Lady Ashton hat ein klares Signal an beide Länder gegeben, dass der Weg der EU-Integration nur gemeinsam gegangen werden kann. Der Besuch war für uns nicht nur eine Garantie, sondern auch ein historisches Ereignis. Die beiden stärksten Frauen, die zur Zeit in der Welt regieren, haben ein Signal für eine Versöhnung auf dem Balkan gesetzt.
"Serbische Integration hat schon begonnen"
EURACTIV.de: Clinton forderte Kosovo zu einer stärkeren Annäherung an die serbische Minderheit auf. Welche konkreten Schritte wird die Regierung in dieser Hinsicht unternehmen?
XHAKALIU: Seit 2008 ist die im Südkosovo lebende serbische Bevölkerung sehr gut im Kosovo integriert. Es gibt fünf neue Kommunen, deren gewählte Bürgermeister in unserer Regierung integriert sind. Wir haben zur Zeit Vizepremierminister, Minister und Vizeminister, die von den serbischen Wählern ausgewählt wurden. Von 120 Parlamentssitzen sind 20 für die Minderheiten vorgesehen. Die serbische Integration hat also schon begonnen. Speziell in Nordmitrovica ist von unserer Regierung ein Verbindungsbüro gegründet worden. Dort sind etwa 80 Mitarbeiter beschäftigt, um die Bevölkerung direkt zu betreuen.
EURACTIV.de: Sind die Ausschreitungen im Nordkosovo als Rückschritt bei der Annäherung zu betrachten?
XHAKALIU: Ohne Abbau der Parallelstrukturen wird es schwierig zu einer Stabilisierung zu kommen. Wir sind daran interessiert, mit der Bevölkerung zusammen zu arbeiten. Die Regierung ist bereit, viele Projekte in Mitrovica weiter zu unterstützen. Dafür gibt es das Verbindungsbüro, dafür gibt es eine Koordinatorin. Das sind Leute, die nicht aus anderen Regionen kommen, sondern von vor Ort stammen. Wir wollen den etwa 25.000 Menschen, die dort leben, den gleichen Integrationsprozess ermöglichen, wie anderen Minderheiten in Kosovo auch.
EU-Rechnungshofsbericht zu Eulex
EURACTIV.de: Ein Bericht des EU-Rechnungshofs hat unlängst ein vernichtendes Urteil über die Arbeit von Eulex gefällt. Hat Sie das überrascht?
XHAKALIU: Von dem Bericht waren wir nicht überrascht. Die Eulex-Mission hat eine starke Präsenz und eine große Bedeutung für den rechtlichen Wiederaufbau unseres Staates. Unser Parlament hat eine Verlängerung der Mission bis 2014 verlangt. Das ist ein Zeichen unseres Staates, dass wir weiter sehr eng mit Eulex zusammenarbeiten werden.
Es ist sehr sinnvoll, den Rechtsstaat in Kosovo zu unterstützen und in einem Coaching-Prozess zu begleiten. Sei es auf justizieller oder polizeilicher Ebene. Auf Regierungsebene sind wir sehr daran interessiert mit der Mission zusammen zu arbeiten, um die Kriminalität und Korruption zu bekämpfen. Der Premeriminster und die Präsidentin haben bereits einige Gremien gegründet, die im monatlichen Austausch mit Eulex und anderen Institutionen über die Bekämpfung informieren.
EURACTIV.de: Das Kosovo sei fest im Griff der Organisierten Kriminalität, schilderte kürzlich ein deutscher Polizist seine Eindrücke als Eulex-Gesandter. Ist das ein verzerrtes Bild?
XHAKALIU: Das entspricht mit Sicherheit nicht der Wahrheit. Jeder kann sich frei äußern und schreiben. Aber die Realität ist, dass die Regierung in Kosovo seit 2008 zusammen mit der Eulex-Mission sehr stark gegen die Organisierte Kriminalität arbeitet. Als Staat hat Kosovo gezeigt, dass er rechtlich in der Lage ist sich selbst zu verwalten. Wir engagieren uns im Rahmen des Coaching-Prozesses weiter sehr dafür, den Wiederaufbau des Rechtsstaates stärker zu begleiten.
Einige die Korruption betreffende Fälle sind im Rahmen der Eulex-Mission geklärt, einige befinden sich in der Aufklärung. Eulex hat keine einfache Mission. Ich kann aber nicht bestätigen, dass es in so großem Maße wie berichtet wird, Probleme gibt.
Wenn die internationalen Beobachter davon ausgehen, dass es noch keine Ruhe im Kosovo gibt, wird es wirtschaftlich im Land nicht vorangehen. Deswegen ist es ein sehr positives Signal, dass wir Investoren dazugewinnen. Wir befinden uns derzeit in einem Privatisierungsprozess, der sehr groß ist. Dieser kann nur einen positiven Verlauf nehmen durch Investitionen internationaler Firmen.
Internationales Versagen
EURACTIV.de: Es gibt Kritik von Kosovaren, dass sich Eulex insbesondere was den Norden angeht sehr passiv verhalten hat und sogar nicht in der Lage ist, eine Lösung zu finden. Können Sie diese Kritik an Eulex und auch an der UNMIK-Mission bestätigen?
XHAKALIU: Es gibt mit Sicherheit einiges an internationalem Versagen seit 1999 bis jetzt zu beklagen. UNMIK hat keine starke Präsenz in Nordkosovo gezeigt. Mit der neuen europäischen Mission ist es nicht gelungen, sich dort präsent zu zeigen. Es sollte noch mehr Engagement gezeigt werden. Die Grenzregion ist Teil der Eulex-Mission für einen Stabilisierungsprozess. Mit dem IBM-Abkommen gibt es nun gute Voraussetzungen für eine Normalisierung für beide Bevölkerungsgruppen in Nordmitrovica, was wir sehr stark befürworten.
EURACTIV.de: Wie lange wird Eulex benötigt?
XHAKALIU: Das Parlament hat nun das Mandat der Mission bis 2014 verlängert. Wenn die Mission bis dahin noch einige Dinge in Kosovo etabliert, glaube ich, dass es sinnvoll ist, dass diese noch ein, zwei Jahre Kosovo als Rechtsstaat mitbetreut. Da profitieren unsere Institutionen.
EURACTIV.de: Kosovo bekommt pro Kopf weltweit am meisten EU-Hilfe, aber die Gelder versickern. Wohin, und was wird dagegen unternommen?
XHAKALIU: Ich kann aus dem Bildungswesen berichten, weil ich dort früher auf Regierungsebene beteiligt war: Da gibt es sehr konkrete Projekte der EU-Kommission, bei denen kein Geld verloren gegangen ist.
Was die Eulex-Mission als größte Mission der Europäischen Union angeht: Das ist etwas was Kosovo nicht beeinflussen kann. Aber Kosovo kann zum Beispiel an den IPA-Projekten teilnehmen. Diese hatten in den letzten zwei Jahren ungefähr einen Umfang von 65 Millionen Euro und sie zielen genau auf verschiedene institutionelle Ebenen in Kosovo ab.
"Es gibt noch sehr viel Arbeit für beide Seiten"
EURACTIV.de: Kritik an Eulex geht auch in die Richtung, dass das meiste Geld von EU-Mitarbeitern verbraucht wird. Teilen Sie diese Kritik?
XHAKALIU: Wir können die Mission nicht beeinflussen, auch nicht die Gehälter oder die Strukturen. Für uns ist nur bedeutsam, dass der Aufbau unseres Rechtsstaats von der Europäischen Union begleitet wird. Das ist Eulex bis jetzt in einigen Fällen gut gelungen. Es gibt noch sehr viel Arbeit für beide Seiten, für Eulex und für unsere Institutionen. Die Maßnahmen, die Eulex jetzt an sich unternimmt, das ist eine Sache der internen Angelegenheit, in die wir uns als Regierung nicht einmischen.
EURACTIV.de: Einem Mitarbeiter der OSZE zufolge ist es um das Justizwesen nicht gut bestellt. Demnach würden Richterentscheidungen nicht alleine aufgrund eines Gesetzes gefällt, sondern aus vorauseilendem Gehorsamen. Ist das auch überbewertet oder ist es tatsächlich ein Problem?
XHAKALIU: Nicht nur das Justizministerium, sondern der komplette neue Staat befindet sich im Wiederaufbau. Dieser benötigt vielleicht noch Zeit, bis ein Rechtsstaat nach europäischen Standards aufgebaut ist. Alle Gesetze sind an europäischen Standards orientiert, alle Entscheidungen werden mit Hilfe von verschiedenen Experte von internationalen Institutiontn, insbesondere der Europäischen Union begleitet. Die Mission begleitet dieses Rechtssystem. Das bedeutet, dass die Prozesse, die dort laufen gemeinsame Prozesse sind. Wir als Kosovo sind sehr daran interessiert, dass wir die Korruption überall wo es sie gibt, auch innerhalb der Justiz bekämpfen und einen Rechtsstaat aufbauen. So schnell wie möglich, weil dies dann einen wirtschaftlichen Einfluss hat. Dieser Einfluss auf wirtschaftliche Aspekte, das möchte ich nochmal betonen, ist von sehr großer Bedeutung, weil Kosovo jetzt einen wirtschaftlichen Aufschwung braucht.
Investitionen aus Deutschland
EURACTIV.de: Wie ist es derzeit um Investitionen aus Deutschland bestellt?
XHAKALIU: Ich bin tagtäglich mit verschiedenen Ebenen in Kontakt – angefangen von kleineren und mittleren Betrieben bis hin zu größeren Betrieben, um Aufklärung zu betreiben. Wir haben eines der besten Gesetze zum Investmentschutz für internationale Investoren. Wir versuchen zu erklären, dass Kosovo ein junges Land ist und eine junge Bevölkerung hat. Es hat ein gutes Potenzial für Investitionen. Es gibt Interesse von deutscher Seite. Es gibt kleine und mittlere Betriebe, die mit unseren kleinen Betrieben kooperieren. In dem großen Privatisierungssektor wie dem Energiebereich, beim Bergbau, bei der Post und Telekommunikation, sind die internationalen Ausschreibungen am Laufen und ich hoffe, dass die deutschen Firmen Interesse zeigen werden für große Investitionen in Kosovo, insbesondere im Energiebereich.
Wir arbeiten eng mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zusammen. Es unterstützt Kosovo zur Zeit mit 100 Millionen Euro in verschiedenen Projekten unter anderem im Energiesektor. Wir sind auch an deutschen Investoren im Bereich Wasserkraftwerke interessiert und versuchen dort den Kontakt aufzunehmen. Eine österreichische Firma hat einen Vertrag mit zwei Kommunen in Kosovo abgeschlossen. Im Bereich Windenergie haben wir uns im Land Brandenburg dem Wirtschaftsministerium vorgestellt.
EURACTIV.de: Fühlen Sie sich hierbei genügend von der Bundesregierung unterstützt?
XHAKALIU: Wir führen sehr gute Gespräche auf verschiedenen institutionellen Ebenen in Deutschland. Die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind hervorragend. Meine Aufgabe ist, diese bilaterale Zusammenarbeit zu vertiefen und noch größere Projekte miteinander zu verbinden, insbesondere auf der wirtschaftlichen Ebene.
"Neue serbische Regierung erst mal vorsichtig angegangen"
EURACTIV.de: Sind Sie angesichts der Vergangenheit von Da?i? und Staatspräsident Tomislav Nikoli? von der neuen serbischen Regierung überrascht?
XHAKALIU: Die neue Regierung in Serbien sind wir erst mal vorsichtig angegangen wegen der Vergangenheit der jetzigen Regierungsmitglieder, insbesondere dem Präsidenten und dem Premierminister. Aber es gibt ungefähr 130 Abgeordnete im serbischem Parlament, die auch an der Regierung von Miloševi? in den 90er Jahren beteiligt waren. So waren wir als Kosovo am Anfang sehr skeptisch und sehr zurückhaltend was unsere Deklarationen betrifft. Wir sind mit der EU und mit der Beteiligung der USA als Garantiefaktoren in die Gesprächen gegangen und ich hoffe, dass wir diese Garantie in Zukunft aufrecht erhalten können. Und wenn die neue Regierung in Serbien sich zu diesen Gesprächen bereit erklärt und die Abkommen umsetzt, dann ist das eine sehr positive Möglichkeit, die Normalisierung der Beziehungen mit Serbien zu erreichen.
Wir wissen nicht, wie Serbien diese Aufgaben den einzelnen Bürgern erklärt, aber wir gehen davon aus und wir erwarten, dass sich Serbien genauso an dem Prozess beteiligen wird und die Bürgern auch im Nordkosovo darüber aufklären sollte, dass sie Teil der Republik Kosovo sind.
EURACTIV.de: Wie bewerten Sie die bisherige Arbeit des Europäischen Auswärtigen Dienstes und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton?
XHAKALIU: Für uns ist eine Einheit in der EU von wichtiger Bedeutung. Fünf Länder in der EU haben Kosovo nicht anerkannt und das zeigt, dass die Einigung in der Europäischen Union nicht erreicht ist. Das behindert Kosovo bei der Eingliederung in verschiedene europäische Institutionen. Mit großen Mühen versuchen wir dort einige Länder zu überzeugen, insbesondere die, die Kosovo noch nicht anerkannt haben. Wir sind kein Mitglied des Stabilisierung und Assoziierungsprozesses der EU, was uns daran hindert, Exporte von unseren Produktionen in die europäischen Länder zu bringen.
Wir sind auch nicht Mitglied des Visaliberalisierungsprozesses. Die Roadmap ist im Mai dieses Jahres an uns mit 100 Fragen gegeben worden. Das sind viel mehr Fragen als bei anderen Ländern. Wir fühlen uns nicht benachteiligt oder vernachlässigt. Wir wollen diese Aufgaben so schnell wie möglich erfüllen.
Kosovo ist das einzige Land, das sozusagen isoliert ist. Man hindert die sehr junge Bevölkerung daran, sich im Ausland auf der Bildungsebene auszutauschen. Europa sollte einig sein, um dieses Balkanproblem zu lösen. Den jungen Leuten sollte es möglich sein, reisen zu dürfen ohne bis zu drei Monate auf ein Visum zu warten.
Das Potenzial der jungen Bevölkerung
EURACTIV.de: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich fordert zusammen mit fünf Kollegen schärfere Regeln für Asylbewerber aus dem Westbalkan. Wie beobachtet Kosovo diese Debatte?
XHAKALIU: Wir sind für ein einheitliches Europa, wir sind Teil des Prozesses der europäischen Integration und wir wollen mit aller Kraft die Voraussetzungen erfüllen, unsere Aufgaben erfüllen, um in Europa an allen Gremien teilzunehmen und Mitglied zu werden. Wir wissen, dass noch viele Aufgaben erfüllt werden müssen, aber insbesondere für die jungen Leute ist die Visaliberalisierung bedeutsam. Wir beobachten einfach die europäische Entwicklung als eine einheitliche Entwicklung. Wir gehören zu dieser Familie, zur europäischen Familie. Wir wollen eine Integration in der Europäischen Union haben, wir wollen zusammen mit verschiedenen Ländern in der Europäischen Union arbeiten und Austausch in verschiedenen Aspekten in bilateraler aber auch in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht – insbesondere in der Bildungsebene. Ich möchte betonen, dass die kosovarische Bevölkerung zu 60 Prozent unter 35 Jahre alt ist und dies ist ein großes, gewaltiges Potenzial. Diese junge Bevölkerung will eine Ausbildung und sie hat Hunger nach Arbeit und Wissen. Deswegen sollten wir dieser jungen Bevölkerung ermöglichen, sich in Europa wohl zu fühlen.
EURACTIV.de: Was können Sie als Botschafter tun, um für das Jugendpotenzial zu werben und zugleich das Image Kosovos zu verbessern?
XHAKALIU: Wir pflegen auf kultureller, wirtschaftlicher, politischer und auf der Bildungsebene hervorragende Beziehungen mit den deutschen Institutionen. Etwa 300.000 Kosovaren leben hier in Deutschland, insbesondere in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen. Diese Kosovaren sind alle Botschafter des Kosovos und da gibt es eine enge Verbindung von unserer Seite mit den Vereinen.
Es gibt kosovarische Firmen, die hier in Deutschland sehr gut etabliert sind und auch deutsche und ausländische Mitarbeiter beschäftigt haben neben den Kosovaren. Die sorgen für ein sehr gutes Image für Kosovo.
Wir haben drei Generationen hier lebender Kosovaren. Die erste und zweite Generation waren Gastarbeiter, die hier sehr gute Arbeit geleistet haben. Die dritte ist eine junge Generation, die sich in die deutsche und kulturelle Mentalität sehr gut integriert. Wir haben sehr gute Studenten, die in sehr vielen Fakultäten studieren. Wir haben sehr gut integrierte Kosovaren, die in privaten institutionellen Ebenen aber auch auf staatlicher institutioneller Ebene vertreten sind.
Wir haben Ärzte, Chefärzte, Oberärzte, Juristen, Wirtschaftler, gute Experten im Finanzbereich und das ist einfach ein gutes Image, was die Kosovaren in den letzten Jahren betrifft, die in Deutschland leben. Und das muss die Presse mehr hervorheben.
Diaspora als Brücke
EURACTIV.de: Welchen Rat würden Sie den hier lebenden Kosovo-Albanern geben?
XHAKALIU: Wir sind täglich mit der Diaspora in Kontakt, durch konsularische Dienste, die wir eingerichtet haben – in Berlin, Frankfurt und Stuttgart. Wir gehen davon aus, dass hier ungefähr 300.000 Kosovaren leben. Die Diaspora hat für Kosovo sehr viel geleistet und wir sind dafür sehr dankbar. Wir sind bemüht, die Diaspora mit bestimmten Projekten z.B. auf der kulturellen Ebene zu unterstützen.
Wir erwarten von unseren Bürgern in Deutschland, dass sie sich so gut wie möglich hier integrieren. Als Botschaft sehen wir die Diaspora als eine Brücke zwischen Kosovo und Deutschland, um die sehr guten bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern zu vertiefen. Diese Brücke zwischen den hier lebenden Albanern und Deutschen ist eine bedeutsame Aufgabe für uns. Einige Kooperationen sind schon im Gange, vor allem in Wirtschaft und Kultur.
EURACTIV.de: Aus diplomatischer Sicht betrachtet: Auf welche Schwerpunkte werden Sie im Verhältnis Kosovo Deutschland Ihren Fokus richten?
XHAKALIU: Es sind drei Aufgaben: die bilaterale Zusammenarbeit noch stärker zu vertiefen und die politischen Entwicklungen mit Deutschland zu koordinieren als das Land, das Kosovo sofort anerkannt und sehr große Unterstützung bis jetzt in verschiedenen Aspekten geleistet hat.
Die zweite Herausforderung für uns ist die wirtschaftliche Frage, der wir sehr intensiv nachgehen durch die verschiedenen institutionellen Ebenen, angefangen von Ministerien, Handwerkskammern usw. Das sind die Kontakte, die wir tagtäglich suchen und so gut wie möglich pflegen.
Und die dritte, sehr bedeutsame Aufgabe, ist der kulturelle Austausch. Mit den hier lebenden Kosovaren aber auch mit mit den deutschen Institutionen. Seit Januar dieses Jahres haben wir ein Goethe-Institut in Prishtina. Dafür sind wir den deutschen Institutionen und insbesondere dem Goethe-Institut dankbar.
In Kosovo gibt es sehr viele deutschsprachige junge Leute, junge Schüler, die großen Bedarf haben, ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen.
Es gibt eine gute Zusammenarbeit was die Fakultät der Germanistik anbetrifft mit der Universität Jena. Es gibt Austausch von Semestern, was sehr zu befürworten ist, in der letzten Zeit. Es gibt auch Projekte, die wir mit der Zentralstelle für den Austauschdienst, die wir mit der BMZ und dem Goethe-Institut begonnen haben, um die deutsche Sprache in Kosovo zu integrieren. Zwei Pilotprojekte sind schon seit zwei Jahren am Laufen, wo Deutsch ab erster Klasse in zwei Schulen unterrichtet wird. Englisch ist ab der dritten Klasse Pflicht, aber Deutsch nimmt jetzt eine größere Rolle ein.
Wir sind der deutschen Bevölkerung sehr dankbar für die ganze Unterstützung in den letzten zwölf Jahren, insbesondere während des Jahres 1999 aber auch jetzt. Wir sind natürlich auch den deutschen Bundeswehrsoldaten sehr dankbar, die in Kosovo seit 1999 präsent sind und eine große Leistung erbracht haben.
Interview: Vjollca Hajdari, Daniel Tost
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