70 Prozent der Bulgaren glauben laut Umfrage an Verschwörungstheorien

70 Prozent der Bulgaren glauben laut einer neuen Umfrage an Verschwörungstheorien. Die weitverbreitete Bereitschaft, Fehlinformationen zu glauben, stellt seit längerem ein ernsthaftes Problem für das Land dar.

EURACTIV.bg
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Eine Studie des Open Society Institute aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Bulgarien im Hinblick auf die Medienkompetenz den letzten Platz unter den EU-Staaten einnimmt. Von 41 untersuchten europäischen Staaten belegte Bulgarien den 35. Platz. Damit gehört es zu den Ländern, die am anfälligsten für Desinformation sind. [Shutterstock/beast01]

70 Prozent der Bulgaren glauben laut einer neuen Umfrage an Verschwörungstheorien. Die weitverbreitete Bereitschaft, Fehlinformationen zu glauben, stellt seit längerem ein ernsthaftes Problem für das Land dar.

Eine Studie des Open Society Institute aus dem Jahr 2023 zeigte bereits, dass Bulgarien im Hinblick auf die Medienkompetenz den letzten Platz unter den EU-Staaten einnimmt. Von 41 untersuchten europäischen Staaten belegte Bulgarien den 35. Platz. Damit gehört es zu den Ländern, die am anfälligsten für Desinformation sind.

Das Zentrum für das Studium der Demokratie (CSD) und die Bulgarisch-Rumänische Beobachtungsstelle für digitale Medien stellten nun eine neue Umfrage am Donnerstag vor, die laut den Autoren belege, dass Bulgarien in einer „Post-Wahrheitssituation“ lebe.

Fakten werden von fast der Hälfte der Befragten (48,8 Prozent) mit Relativismus behandelt, je nachdem, ob eine bestimmte Tatsache ihrem Standpunkt dient. Im Vergleich dazu sind 70 Prozent der Meinung, dass es geheime Organisationen gibt, die einen großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben und die Welt regieren.

„Das bedeutet, dass viele Menschen glauben, dass Begriffe wie Fakten oder Wahrheit nicht existieren, weil die Wahrheit eine Frage der Interpretation ist“, erklärte Todor Galev, Forschungsdirektor des Zentrums für das Studium der Demokratie.

„Wir leben in einer Post-Wahrheitssituation.“

„Bulgarien ist einer der Staaten mit den meisten Fehlinformationen und Verschwörungstheorien über die COVID-Pandemie“, so Galev weiter.

Dies habe dazu geführt, dass Bulgarien während der Pandemie die höchste Pro-Kopf-Todesrate und die niedrigste Zahl von gegen Corona geimpften Menschen in der EU aufwies, argumentierte er.

Das Phänomen der Relativierung von Tatsachen sei in Bulgarien weit verbreitet. Es werde von offiziellen bulgarischen Institutionen, Politikern, Parteien und öffentlichen Rednern gefördert, so das Zentrum weiter.

Gleichzeitig stimmten fast 60 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Politiker oft nicht die wahren Gründe für ihre Entscheidungen nennen.

Etwas mehr als die Hälfte – 51,7 Prozent – glaubt, dass die Öffentlichkeit absichtlich über viele wichtige Dinge, die in der Welt passieren, im Unklaren gelassen wird.

Gleichzeitige werde „ein Teil der Werte, die der liberale Teil der Gesellschaft teilt“ für Desinformationskampagnen benutzt, erläuterte Galev weiter.

Er fügte hinzu: „In Bulgarien gilt [der Begriff] Liberale als Schimpfwort [in Anlehnung an eine Beleidigung von Homosexuellen] und liberale Ideen stehen meist im Gegensatz zu traditionellen bulgarischen oder familiären Werten. Das ist ein künstlicher Gegensatz und eine künstliche Vertiefung der Spaltung der Gesellschaft.“

Ambivalente Einstellungen zu Europa

Die Umfrage zeigt auch, dass ausländische Kräfte, die versuchen, die Europawahlen zu beeinflussen, für 48 Prozent der Bulgaren eine ernsthafte Sorge darstellen. Für 33 Prozent ist dies eine geringfügige Sorge und für 19 Prozent keine Sorge.

Darüber hinaus gaben 80 Prozent der Befragten an, die größten Herausforderungen für die EU seien Migranten ohne gültige Dokumente, die Inflation und die hohen Energiepreise. 45 Prozent zählten auch den Einfluss Chinas auf die EU und das nachlassende Interesse der USA an der EU als strategischem Partner dazu.

Nur 20 Prozent der Bulgaren unterstützen die EU-Militärhilfe für die Ukraine. Ebenfalls 20 Prozent fordern eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland. 27 Prozent sind der Meinung, dass die EU die Ukraine zu Friedensgesprächen drängen sollte, und 33 Prozent sind der Meinung, dass die EU in dem Krieg eine neutrale Position vertreten sollte.

Die Vertreterin der EU-Kommission in Bulgarien, Yordanka Chobanova, kommentierte die Studie mit den Worten, dass der öffentliche Raum in Bulgarien mit Verschwörungen überschwemmt werde, die Angst, Hass und Spaltung säen. Es werden offen dazu aufgerufen, universelle menschliche Werte und Prinzipien abzulehnen.

„Ähnliche Desinformationskampagnen zielen darauf ab, als fremde Instanz in die öffentliche Debatte einzugreifen und unsere Länder zu destabilisieren“, erklärte Chobanova.

Die Umfrage wurde zwischen dem 25. Mai und dem 2. Juni nach einer vom Central European (CEDMO) und LAKMUSZ-HDMO, einer ungarischen Beobachtungsstelle für digitale Medien, die Teil des europäischen Netzwerks gegen die Verbreitung von Desinformation ist, entwickelten Methodik durchgeführt.

[Bearbeitet von Nick Alipour]