Aigner: Agrar-Rohstoffe bleiben teuer

Die steigenden Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe schüren Ängste vor neuen Hungerrevolten. Sind profitgierige Spekulanten schuld? Ganz so einfach ist die Antwort nicht, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU).

Die Preise für Agrar-Rohstoffe schießen in die Höhe. Dies gilt nicht nur für Weizen, sondern auch für Mais, Zucker und Soja. Foto: Lilo Kapp / Pixelio.de.
Die Preise für Agrar-Rohstoffe schießen in die Höhe. Dies gilt nicht nur für Weizen, sondern auch für Mais, Zucker und Soja. Foto: Lilo Kapp / Pixelio.de.

Die steigenden Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe schüren Ängste vor neuen Hungerrevolten. Sind profitgierige Spekulanten schuld? Ganz so einfach ist die Antwort nicht, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU).

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) rechnet weiterhin mit einer angespannten Situation an den Agrar-Rohstoffmärkten. Kurzfristig werde sich nichts ändern, sagte Aigner am Mittwoch in Berlin. Aigner erwartet auch vom Treffen der EU-Landwirtschaftsminister am Donnerstag und von der Konferenz der G20-Finanzminister kommende Woche keinen Durchbruch beim Kampf gegen die Spekulation auf den Agrarmärkten. Dazu würden die Maßnahmen auf internationaler Ebene noch zu kontrovers diskutiert. Frankreich drängt im Rahmen seiner G20-Präsidentschaft auf mehr Kontrolle des Agrarhandels und will bestimmte Formen der Spekulation untersagen. Berlin hat Paris in dieser Frage Untersützung zugesagt.

Die EU-Kommission nimmt in ihrer Rohstoffstrategie ebenfalls die Regulierung der Agrarmärkte in Angriff. Rohstoffpreise würden zunehmend durch den Derivatehandel und strategische Investitionen beeinflusst, hieß es Anfang Februar von Seiten der Behörde (EURACTIV.de vom 2. Februar 2011). 

Die G20-Agrarministerkonferenz am 23. Juni in Paris soll Maßnahmen gegen die Preisexplosion bei Agrarrohstoffen erarbeiten, die der G20-Gipfel der Staats- und Regierungschefs dann im November 2011 beschließen soll.

Sorge vor neuen Hungerrevolten

In den vergangenen Monaten sind die Preise für Agrar-Rohstoffe stark angezogen. Weizen verteuerte sich innerhalb eines Jahres um mehr als 50 Prozent. Die Folge: in Ländern wie Sambia oder Vietnam müssen private Haushalte inzwischen 55 bis 70 Prozent des Monatseinkommens für Lebensmittel ausgeben, so das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Welthungerhilfe. Zum Vergleich: bei deutschen Haushalten sind es nur rund 13 Prozent. Paris warnte vor diesem Hintergrund vor Hungerrevolten, wie sie in den vergangenen Jahren bereits in Ägypten und auf Haiti stattfanden. 

Steigende Preise haben viele Ursachen

Gemeinhin werden Spekulanten für die steigenden Preise verantwortlich gemacht. Aigner verweist allerdings auf ein ganzes Bündel von Ursachen. Eine wachsende Weltbevölkerung mit sich verändernden Ernährungs- und Konsumgewohnheiten hielten die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten hoch. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verweist in einer Studie auf die verstärkte Nachfrage nach Milch und Fleisch bei der wachsenden Mittelschicht in China und Indien. Der höhere Tierfutter-Bedarf lasse wiederum die Nahrungsmittelpreise insgesamt klettern. Weltweite Ernteausfälle, Verluste durch falsche Lagerung und steigende Energiekosten verschärfen laut Aigner das Problem. Der Anbau von Energiepflanzen wie Raps, Mais und Zuckerrohr für die Biosprit-Produktion verknappe ebenfalls das Angebot an Rohstoffen für die Lebensmittelproduktion. Hierfür werden rund 3 Prozent der weltweiten Ackerflächen genutzt, so Aigner.

Spekulation mit Lebensmitteln muss begrenzt werden

Zehn bis 20 Prozent des Preises für Agrarprodukte würden allerdings Spekulanten verursachen, schätzt Aigner. Oberstes Gebot sei deswegen die Herstellung von Markttransparenz. Berichtspflichten für den Agrarmarkt oder Mengen- und Preisgrenzen würden helfen. Es sei auf den Märkten nicht immer klar, ob man es mit Rohstoffhändlern oder reinen Finanzjongleuren zu tun hat, die um den schnellen Profit pokern, heißt es von Seiten des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMELV). Das BMELV erwägt Grenzen für die täglichen Preisschwankungen bei bestimmten Produkten wie Getreide oder Soja an den Warenterminbörsen. Werden diese Limits überschritten, könnten automatisch die Aufsichtsbehörden einschreiten und entscheiden, ob sie den Handel vorübergehend aussetzen.

Einigkeit herrscht zwischen dem Landwirtschafts- und Entwicklungsministerium in Deutschland darüber, dass Versorgungssicherheit Priorität gegenüber der Energieversorgung habe.

Niebel: Technologie und Bildung gegen den Hunger

Technologische Entwicklungen und Weiterbildungsmaßnahmen könnten nach Ansicht des Bundesentwicklungsministers Dirk Niebel (FDP) die landwirtschaftliche Produktivität in unterentwickelten Regionen steigern. Die hohen Nachernteverluste von 40 Prozent, verursacht durch eine falsche Lagerung und Logistik, seien alarmierend.

mas

Links


Dokumente

BMELV: Transparenz auf den Agrarmärkten 

Hans H. Bass: Initiates file downloadStudie für die Deutsche Welthungerhilfe e.V.: Finanzmärkte als Hungerverursacher? (8. April 2011)

EU-Kommission: "Agricultural Policy Perspectives" Briefs

EU-Kommission: Economic analysis and market forecasts Prospects for agricultural markets and income 2010-2020

EU-Kommission: Mitteilung zur Rohstoff-Strategie COM(2011) 25 (2. Februar 2011)

EU-Kommission: Rohstoffe. Übersicht

EU-Kommission: A resource-efficient Europe – Flagship initiative of the Europe 2020 Strategy (26. Januar 2011)

EU-Kommission: Knappe Ressourcen intelligenter nutzen: Kommission startet Leitinitiative für nachhaltiges Wachstum. Pressemitteilung (26. Januar 2011)

BMWi: Rohstoffstrategie der Bundesregierung (Oktober 2010)

BMWi: Deutschen Rohstoffagentur

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