Belgiens Energieknappheit stärkt Erneuerbaren-Iniativen den Rücken
Diese Genossenschaften, die sich auf ihre eigene Produktion stützen, anstatt von unbeständigen Märkten zu kaufen, haben einen enormen Nachfrageschub erlebt, als die Energiekrise die Verbraucher getroffen hat.
Energiegenossenschaften werden in Belgien infolge der fortwährenden Energiekrise immer beliebter, was Energieproduktion lokaler und dezentraler gestaltet.
Die Stromversorgung der Art-déco-Villa der belgischen Rentnerin Bernadette Vandercammen in der nördlichen Stadt Eeklo ist schon zu den besten Zeiten eine Herausforderung, ganz zu schweigen von den steigenden Energiepreisen, die Millionen von Europäern in Schwierigkeiten bringen, ihre Rechnungen zu bezahlen.
Die 67-Jährige zahlt jedoch nur noch etwa die Hälfte dessen, was sie bei einem kommerziellen Anbieter zahlen würde, weil sie einer der vielen lokalen Energiegenossenschaften in Belgien angehört – Initiativen in Bürgerhand, die in erneuerbare Energien und Energieeffizienz investieren.
Diese Genossenschaften, die sich auf ihre eigene Produktion stützen, anstatt von unbeständigen Märkten zu kaufen, haben einen enormen Nachfrageschub erlebt, als die Energiekrise die Verbraucher getroffen hat.
Vandercammens Anbieter, eine Genossenschaft namens Ecopower, beliefert die Haushalte zu den Produktionskosten, die für die Lebensdauer der Energiequelle festgelegt sind und zu denen noch Netzgebühren und Steuern sowie die Betriebskosten hinzukommen.
Nach eigenen Angaben ist die Nachfrage so stark gestiegen, dass Ecopower keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen kann. Da das Unternehmen keine freien Produktionskapazitäten hat, müsste es Strom auf dem Spotmarkt kaufen – wo die Preise Rekordhöhen erreichen -, um mehr zu liefern.
„Unser Versprechen ist nicht, dass wir immer der billigste Anbieter sein werden“, sagt Ecopower-Sprecherin Margot Vingerhoedt. „Wir geben eine Antwort auf die dreifache Krise des Klimawandels, der geopolitischen Abhängigkeit sowie der Preisinflation und der Energiearmut.“
„Die himmelhohen Preise verschlimmern die Situation, und die traditionellen Energieunternehmen kümmern sich nicht darum, weil ihr Hauptaugenmerk auf dem Profit liegt.“
Laut Eurostat hatte Belgien zu Beginn dieses Jahres die höchste Energieinflation in der EU, und die föderale Regierung hat unter anderem die Mehrwertsteuer für Strom gesenkt, um die Rechnungen der Verbraucher zu senken.
Laut dem Rechner der flämischen Regulierungsbehörde muss ein Haushalt, der 2.000 Kilowattstunden pro Jahr verbraucht, bei Ecopower etwa 570 Euro pro Jahr bezahlen, die Hälfte des günstigsten kommerziellen Anbieters.
Ecopower wurde 1991 gegründet und ist heute die größte Energiegenossenschaft Belgiens. Im vergangenen Jahr produzierten Windturbinen und Sonnenkollektoren 80 Millionen Kilowattstunden und versorgten rund 55.000 Haushalte mit Strom.
Die Mitglieder können maximal 20 Anteile zu je 250 Euro kaufen, erhalten Dividenden in Höhe von maximal sechs Prozent aus Überschussverkäufen und können mitentscheiden, wo sie als Nächstes investieren.
„Es ist sehr wichtig, dass man alles selbst in der Hand hat“, sagte Vandercammen bei einem Besuch in ihrem dreistöckigen Haus. „Bei einer Genossenschaft wie Ecopower hat man ein Mitspracherecht. Das ist sehr wichtig, sonst ist man von der Geopolitik abhängig.“
Die Sicherstellung einer stabilen Versorgung aus erneuerbaren Energiequellen und die hohen Speicherkosten gehören nach Ansicht von Energieexperten zu den derzeitigen Hindernissen für eine deutliche Ausweitung des Modells.
Mehr Nachfrage
Auch bei anderen belgischen Genossenschaften ist die Nachfrage im derzeitigen Hochinflationsumfeld, in dem der Einmarsch Russlands in die Ukraine die damit verbundene Klima- und Energiekrise verschärft hat, sprunghaft angestiegen.
Energent hat nach eigenen Angaben in diesem Jahr bisher 694 Haushalte bei der Installation von Solarzellen unterstützt, wobei die Zahl der Neukunden allein im Januar und März die Jahreszahlen für 2020 und 2021 übertraf, und auch die Nachfrage nach Hausisolierung ist sprunghaft angestiegen.
„Die Preise sind derzeit verrückt und die Leute konzentrieren sich darauf. Langfristig werden aber auch mehr Menschen in Energiegenossenschaften eintreten, da die Auswirkungen des Klimawandels immer deutlicher spürbar werden“, so Energent-Projektleiter An Van Hemeldonck.
In Antwerpen musste die Genossenschaft ZuidtrAnt Personen abweisen, die sich an ihr Heizsystem anschließen wollten, das einen Festpreis über mehrere Jahre bietet.
Es gibt etwa 40 Energiegenossenschaften, die etwa zwei Prozent der belgischen Haushalte mit Strom versorgen. Damit diese Zahl weiter wächst, sind jedoch förderliche Gesetze erforderlich, so Oscar Guell vom internationalen Verband REScoop, der solche Genossenschaften vertritt.
„Wir befürworten die Abkehr von veralteten Vorschriften und einem zentralisierten Energiesystem, das auf große Energieunternehmen und fossile Brennstoffe ausgerichtet ist, hin zu einem stärker dezentralisierten Energiemodell“, so Guell, der im Namen von fast 2.000 Genossenschaften von Spanien bis Österreich Lobbyarbeit betreibt.
Flanderns Energieministerin Zuhal Demir sagte, sie sei eine starke Befürworterin von Energiegenossenschaften. Das belgische Energieministerium sagte, es brauche mehr Zeit für eine Stellungnahme.
Die belgischen Energiegenossenschaften schließen sich nun zusammen, um im nächsten Jahr an einer Offshore-Ausschreibung teilzunehmen. Dies wäre der erste Fall dieser Art in Europa, sagte der Ecopower-Ingenieur Jan De Pauw und bezifferte die Investition auf 450 Millionen Euro.
„Wir wollen so unabhängig wie möglich von den Finanzmärkten und den Energiemärkten sein. Deshalb sind die Preise bei den Genossenschaften auch heute, in dieser Krisenzeit, sehr stabil, weil wir die Produktion in der Hand haben“, so De Pauw.