Bergkarabach-Konflikt: Armenien könnte sich wieder dem Westen annähern

Am Dienstag (19. September) hat Aserbaidschan Ziele in Bergkarabach militärisch angegriffen. Die Zurückhaltung Russlands könnte Albanien dazu drängen, sich weiter in Richtung des Westens zu orientieren.

European Pravda mit EURACTIV
Place,Names,On,The,Map,Of,Nagorno-karabakh.
Die wahrscheinlichste Erklärung, warum der Konflikt nun neu ausgebrochen ist, hängt mit einem Führungswechsel in der selbsternannten Republik Bergkarabach zusammen. [Shutterstock/fifg]

Am Dienstag (19. September) hat Aserbaidschan Ziele in Bergkarabach militärisch angegriffen. Die Zurückhaltung Russlands könnte Armenien dazu drängen, sich weiter in Richtung des Westens zu orientieren.

Der neue Krieg um Bergkarabach wurde schon unmittelbar nach der Unterzeichnung einer trilateralen Waffenstillstandserklärung durch die Regierungschefs von Aserbaidschan, Armenien und Russland im Jahr 2020 erwartet.

Mit der Einigung nach dem zweiten Bergkarabach-Krieg im Jahr 2020 gelang es Aserbaidschan, die Kontrolle über alle Gebiete um Bergkarabach, die Armenien erobert hatte, sowie über Teile von Bergkarabach selbst zurückzugewinnen.

Das Waffenstillstandsabkommen beendete die Feindseligkeiten jedoch nicht. Sie gingen lediglich in einen Modus geringerer Intensität über.

Im darauffolgenden Jahr begannen militärische Auseinandersetzungen, von denen die meisten nicht in Bergkarabach selbst, sondern an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze stattfanden.

Ende letzten Jahres gelang es Aserbaidschan, die militärische Kontrolle über die Lachin-Schlucht zu übernehmen. Die russischen „Friedenstruppen“ waren entweder nicht in der Lage oder nicht willens, dies zu verhindern. Die Blockade von Bergkarabach dauerte über neun Monate und führte zu einem weiteren bedeutenden Sieg für Baku. Die Verwaltung von Bergkarabach hatte zugestimmt, humanitäre Hilfsgüter über vollständig von Baku kontrollierte Transportwege zu erhalten.

Ein weiterer Sieg für Baku war die Anerkennung Karabachs als aserbaidschanisches Gebiet durch Armenien im Rahmen eines friedlichen Dialogs, der von der EU und den USA vermittelt wurde.

Die Frage der Sicherheitsgarantien für die armenische Bevölkerung in Karabach stellt jedoch ein erhebliches Hindernis für ein Friedensabkommen dar. Baku betrachtet die in Bergkarabach lebenden Armenier als seine Bürger und behauptet, alle Fragen mit ihnen eigenständig lösen zu können. Jerewan hingegen besteht darauf, dass eine internationale Vermittlung notwendig ist.

Der letzte Tropfen

Die wahrscheinlichste Erklärung, warum der Konflikt nun neu ausgebrochen ist, hängt mit einem Führungswechsel in der selbsternannten Republik Bergkarabach zusammen.

Am 9. September erhielt die selbsternannte Republik einen neuen „Präsidenten“, Samvel Shahramanyan, dem vorgeworfen wird, Marionette des Kremls zu sein. Bezeichnenderweise begann er sofort, Erklärungen über den unabhängigen Status der Republik abzugeben, die im Widerspruch zu den jüngsten Vereinbarungen zwischen Baku und Jerewan stehen.

Diese Veränderungen erhöhten die Wahrscheinlichkeit eines neuen Krieges erheblich.

Die militärische Überlegenheit Aserbaidschans reicht aus, um die Kontrolle über Bergkarabach mit minimalen Verlusten zu übernehmen, zumal die armenischen Behörden behaupten, sich nicht in diesen Konflikt einzumischen.

Baku ist sich jedoch durchaus bewusst, dass die vollständige Kontrolle über Bergkarabach unweigerlich zu Opfern unter der Zivilbevölkerung führen wird, was die Wahrscheinlichkeit einer westlichen Intervention deutlich erhöht.

Aus diesem Grund wechselt Baku zwischen militärischen Aktionen und Friedensvorschlägen.

Am Dienstagabend (19. September) gab es Anzeichen für ein Einlenken Bakus. Die aserbaidschanische Präsidialverwaltung lud „Vertreter der in der Region Karabach lebenden Armenier“ zu Gesprächen über die Wiedereingliederung ein, ohne Vorbedingungen zu stellen.

Russische „Friedenstruppen“

Die seit 2020 eingesetzten russischen Friedenstruppen, hatten sich bisher davor gedrückt, ihrer Pflicht – dem Schutz der Zivilbevölkerung – nachzukommen. Mit dem nun gewalttätigen Konflikt ist die russische Untätigkeit besonders auffällig.

Armenische Medien berichten, dass die Russen bereits im Voraus über den Beginn des Konflikts informiert waren. Darüber hinaus behaupten sie, die Russen hätten Aserbaidschan im Voraus die Koordinaten armenischer Militärobjekte mitgeteilt und sich dann so weit wie möglich von ihnen entfernt.

Es scheint eher wahrscheinlich, dass Russland eigene Interessen verfolgt, die von denen des Verbündeten Armenien abweichen. Der gegenwärtige Krieg im Südkaukasus ermöglicht es Russland, mindestens zwei Ziele zu erreichen: Armenien für seine Hinwendung zum Westen zu bestrafen und die Durchsetzung von „Sanktionen“ zu erleichtern.

Ganz zu schweigen davon, dass ein weiterer Krieg die Aufmerksamkeit des Westens von der Situation in der Ukraine ablenken könnte.

Dies könnte jedoch auch den Weg für eine wirkliche Orientierung Armeniens in Richtung Westen ebnen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei EURACTIVs Medienpartner European Pravda.

[Bearbeitet von Kjeld Neubert]