Bildung: Wie Technik wieder "cool" wird

Das „Start-Tech“-Projekt in der tschechischen Universitätsstadt Liberec will das Interesse an technischen Wissenschaften bei Grund- und Oberschülern zu wecken. Projektleiter glauben an den Erfolg, kritisieren aber die administrative Belastung, die ihnen durch den Umgang mit EU-Regionalgeldern bevorsteht. EURACTIV.cz berichtet.

Was verbirgt sich hinter dem Start-und Stop-Knopf? Britische und französische Jugendliche sind darauf besser vorbereitet als deutsche. Foto: dpa
Was verbirgt sich hinter dem Start-und Stop-Knopf? Britische und französische Jugendliche sind darauf besser vorbereitet als deutsche. Foto: dpa

Das „Start-Tech“-Projekt in der tschechischen Universitätsstadt Liberec will das Interesse an technischen Wissenschaften bei Grund- und Oberschülern zu wecken. Projektleiter glauben an den Erfolg, kritisieren aber die administrative Belastung, die ihnen durch den Umgang mit EU-Regionalgeldern bevorsteht. EURACTIV.cz berichtet.

Liberec (auf deutsch: Reichenberg) ist die Hauptstadt einer tschechischen Region desselben Namens (Liberecký kraj), einer kleinen Region im Gebirge an der Grenze zu Deutschland und Polen mit langjähriger Tradition in der Textil- und Maschinenindustrie.

Die Technische Universität Liberec (TUL), bekannt für ihre jüngsten wissenschaftlichen Errungenschaften auf dem Gebiet der Nanotechnologie (Nanofibern) und automatischen Stimmerkennungstechnologie, hat in den letzten Jahren ihre Besorgnis über die sinkende Anzahl von Studenten ausgedrückt, die sich für technische Wissenschaften interessieren.

Initiativen gegen den Trend

Um diesen Trend umzukehren, entschied die Universität, verschiedene Initiativen zu starten. Dazu gehören Tage der Offenen Tür, Wettbewerbe und Lesungen an Oberschulen, die darauf abzielen, das Interesse von Kindern zu wecken.

Im vergangenen Jahr ging die TUL einen Schritt weiter. Mit der Hilfe von Geldern des EU operationellen Programms „Bildung für Wettbewerbsfähigkeit“ lancierte sie ein Projekt namens „Start-Tech – Beginnen wir mit der Technologie“, welches die Reichweite der früheren Universitätsaktivitäten erweiterte, um Grundschüler und ihre Lehrer mit einzubeziehen.

Das Programm wird in Zusammenarbeit mit der Liberec Forschungsbibliothek und der Technischen Oberschule Liberec geleitet.

Beginn in der Kindheit

Mit der Ausführung dieses Projekts entschied die TUL, einem Ratschlag von Experten zu folgen, wonach zukünftige Karriereentscheidungen in der frühen Kindheit getroffen werden, erklärte Miloš Hernych, Koordinator des Projekts und Mitglied der Fakultät der Universität für Mechatronik, Informatik und Interdisziplinäre Studien.

„Wir suchen nach ansprechenden Wegen, die jüngsten Kinder zur Wahl technischer Wissenschaften in der Zukunft anzuregen.“ Er führte aus, dass das Projekt den Kindern die Gelegenheit gebe, den Industrieregulierer zu programmieren, ein durch Computer kontrolliertes Eisenbahnmodell zu betreiben und mit Roboterbausätzen zu spielen, wie Lego Mindstorm oder Bioloid.

Einfluss auf Berufswahl

Dieses Projekt zielt darauf ab, einen Schritt weiter zu gehen, und ermutigt Lehrer und Personen, die außerhalb der Schule Spielgruppen leiten, eine wichtige Rolle in der Einflussnahme auf die zukünftige Berufswahl von Kindern zu spielen.

Als Beispiel für eine typische erwachsenenorientierte Aktivität wies Hernych auf einen Workshop hin, der sich „Unterhaltsame Physik“ nennt. Er wurde Anfang April 2010 gehalten und inspirierte Teilnehmer zu physikalischen Experimenten, die später in Klassen oder Studiengruppen genutzt werden können.

Technische Bildung auch durch die Region gefördert

Das Projekt ist nicht die einzige Initiative, die darauf abzielt, technische Bildung in der Gegend zu fördern. Das Interesse an der Technik zu wecken, ist auch das erklärte Ziel einer Vielzahl anderer Projekte, die durch die Liberec-Region verwaltet werden. Wo Starttech hauptsächlich die Anzahl der technisch orientierten zukünftigen Universitätsanwärter steigern will, zielt ein von der Region geleitetes Projekt namens „TECHyes“ jedoch darauf ab, das Profil der technischen Ausbildung in Oberschulen zu stärken.

TECHyes ist eine breitere Offensive, die ein Webportal zur Verfügung stellt und Stipendien für Oberschüler anbietet, die durch die regionale Gebietskörperschaft verwaltet werden.

Kooperation mit der Wirtschaft

Die Region arbeitet in dem Projekt mit Repräsentanten der Geschäftswelt und der Industrie wie der Handelskammer und dem lokalen Verband der Bauunternehmer zusammen. Mit deren Expertise versucht sie, die Ausbildung in Industrien zu fördern, denen derzeit nicht genügend qualifizierte Universitätsabgänger zur Verfügung stehen.

Stanislav Eichler zufolge, dem Präsidenten der Liberec-Region, will die Region einer Situation vorbeugen, in der der Mangel an Universitätsabgängern „die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Region beeinflussen würde oder gar zu einem wichtigen Hindernis in der Erledigung fundamentaler öffentlicher Dienste wird“.

Die Liberec-Universität, rechtlich eine gemeinnützige Organisation, die unabhängig von der regionalen Gebietskörperschaft verwaltet wird, hat damit einiges an Arbeit zu tun.

Mehr Aktivitäten durch Partnerschaft

Obwohl die Universität die wichtigste Rolle in dem Projekt spielt, wäre die Reichweite ihrer Aktivitäten ohne die Mitarbeit von technischen Oberschulen wesentlich enger. „Wir wären nicht in der Lage gewesen, einige der Aktivitäten auf dem Universitätsgelände zu organisieren“, so Henrych. Er erklärte, wieso einige Veranstaltungen in anderen Räumlichkeiten stattfinden. „Wir benutzen ihre Schmiede, ihre Tischlerei und ihre Instrumente zur Computerisierten Numerischen Steuerung (CNC).

Während der so genannten „Technologie Wochenenden“ können Kinder ihre eigenen Projektarbeiten herstellen, etwa Weihnachtsdekorationen aus Holz, Vogelfutterplätze oder einfache elektrische Schaltkreise.

Projektleiter nutzen auch die Fähigkeit von Oberschülern, Instrumente zu entwerfen, zu bauen und zu reparieren, und wollen die Kinder motivieren, in der Zukunft technische Karrieren zu verfolgen.

In einigen Fällen – beispielsweise an einem Nachmittag im vergangenen Dezember mit physikalischen und chemischen Experimenten, mathematischen Rätselspielen und Denksportaufgaben – kooperiert die Universität mit der Liberec Forschungsbibliothek, die ihre Räumlichkeiten anbietet und das gesamte Projekt begleitet.

Viele Veranstaltungen überfüllt

Auf die Frage, wie viele Kinder sich für das Projekt interessieren, behauptet Hernych, die Registrierung für viele Veranstaltungen sei „absolut überfüllt, sobald sie angekündigt werden“.

„Ich spreche hauptsächlich von der Robotik und von der Chemie, aber auch die Elektronik und – überraschenderweise – der Maschinenbau.“ Ein weiterer großer Erfolg seien die „Winter Technologie Wochenenden“ gewesen, bei denen Kinder sogar „aus Orten, die über 100 Kilometer von Liberec entfernt sind“, gekommen seien.

Viele Kinder interessierten sich auch für die Kurse im Löten, im Schmiedehandwerk oder in der Programmierung von Ein-Chip-Prozessoren, die durch die Partner-Oberschule angeboten wurden.

Erdrückende Bürokratie

So weit, so gut. Doch auf der negativen Seite bekräftigt Miloš Hernych – wie bei so vielen EU-gesponserten Projekten – die Beschwerde über die Bürokratie. „Wir werden erdrückt von den geforderten Formalitäten, den extremen Lasten an Schreibarbeit und aufwendigen Verwaltungsprozeduren.“

Außerdem scheinen ihm die Regeln der öffentlichen Ausschreibungen zu einengend. Solche übermäßig strengen Regeln hielten Anbieter zurück, die sonst ihre Güter oder Dienstleistungen zu einem günstigeren Preis anbieten würden, aber nicht allen formalen Anforderungen des Auswahlverfahrens entsprechen können.

„Wir sind dadurch gefesselt, wenn wir versuchen, unsere unmittelbaren Bedürfnisse zu bedienen. Man kann nicht alles im Voraus planen.“

Ministerialbeamte geben ihr Bestes

Trotz dieser Schwierigkeiten lobt Hernych die Kooperation mit dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, das für das OP VK zuständig ist. „Die Ministerialbeamten versuchten wirklich, ihr Bestes zu geben, um uns zu helfen.“

Während Tschechen die Regeln der Nutzung von EU-Regionalfonds geläufiger werden (die Tschechische Republik ist seit 2004 berechtigt, Regionalfonds zu erhalten), behaupten lokale Gebietskörperschaften, dass die Anzahl von Fehlern in den Projektbewerbungen und ihrer Umsetzung zurückgeht und die Qualität der Projekte steigt. Das OP VK ist in diesem Fall keine Ausnahme.

"Die Zahl von Fehlern unter Bewerbern nimmt ab“, sagt Jan Vitula, Geschäftsführer der Abteilung für EU-Programme im Bildungsministerium.

Außerdem gibt das Ministerium an, dass es versuche, projektbezogene Fehler zu minimalisieren und zu verhindern. „Wir organisieren Seminare oder Telefonberatungen mit Vertretern der zuständigen Behörde.“ Dies wurde von dem Koordinator des Starttech Projekts bestätigt.

„Softe Projekte“ und Mängel in der Effizienz

Es sei „nicht zu bezweifeln“, dass die Regionalfonds der EU der Tschechischen Republik helfen, den Herausforderungen im Bereich der Bildung gerecht zu werden, so Ministerialbeamte.

„Europäisches Geld ist ein Zusatz zu nationalen Geldern, das unser Land in der aktuellen Situation absolut nicht aufbrungen könnte. Aus dieser Perspektive heraus sind die Vorzüge der EU-Finanzierung fraglos“, so ein Beamter gegenüber EURACTIV.cz.

Die Rolle der regionalen Finanzierung wird in der Zukunft ebenfalls relevant sein, glaubt Vitula, der betont, dass die Europäische Kommission „Bildung als Schlüssel“ sehe.

Dennoch teilen nicht alle Akteure diese positive Haltung. Liberecs Regionalpräsident Stanislav Eichler ist voller Lob für EU-Investitionen in der Entwicklung von Transportinfrastruktur, urbanen und ländlichen Gegenden, der Rahmenbedingungen für Unternehmer und Tourismus.

Europäisches Geld "spürbar"

Diese sind Investitionen in die Infrastruktur und in diesen Fällen ist der Effekt europäischen Geldes regelrecht fühlbar. Doch wie sieht der Präsident Projekte, die wie Starttech eher auf die Investition von Humankapital abzielen?

In diesem Bereich ist Eichler eher skeptisch. „So genannte ‚softe Projekte’ betreffend, bin ich mir nicht sicher, dass das Geld effizient ausgegeben wird.“ Er behauptet weiter, dass die Ergebnisse solcher Projekte oft schwer zu evaluieren sind. Auf der anderen Seite gesteht er ein, dass „es in der aktuellen wirtschaftlichen Krise notwendig ist, Konkurrenzfähigkeit und Bildung, beispielsweise durch Fortbildungen, zu stärken.“

Kritik von „soften Projekten“, die von EU-Regionalfonds unterstützt werden, ist in der Tschechischen Republik recht üblich. Dennoch glaubt Jan Vitula, dass im Fall vom OP VK seine Beamten in der Lage waren, Projekte niedriger Qualität auszuschließen. „Wir versuchen, ineffiziente Unterstützung durch einen zweistufigen Evaluationsprozess zu minimalisieren.“

In diesem Prozess werden Projekte durch Bildungsexperten und in einem späteren Stadium von Spezialisten wirtschaftlicher Realisierbarkeit geprüft.

Hintergrund

Die Tschechische Republik ist berechtigt, 26,7 Milliarden Euro des EU-Regionalfonds in der aktuellen Programmphase 2007-2013 zu erhalten.

EURACTIV.cz zufolge sind die Finanzierungsstrukturen des Landes generell als sehr kompliziert bekannt. Aktuell bestehen 26 Programme.

Alle tschechischen Regionen außer Prag haben den Status Konvergenzziel 1, was bedeutet, dass ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP) unterhalb 75 Prozent des EU-Durchschnitts liegt. In der Tschechischen Republik ist dieser Typ von EU-Fonds durch sieben regionale Operationsprogramme (die von regionalen Räten koordiniert werden) und acht sektorielle Programme (die von einzelnen Ministerien koordiniert werden) erhältlich.

Das Hauptziel des Operationsprogramms „Bildung für Konkurrenzfähigkeit (OP VK), das vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport koordiniert wird, soll „die Qualität und Relevanz von Grund-, Ober- und Hochschulen sowie anderen Bildungseinrichtungen verbessern und sie mit einem umfassenden System des lebenslangen Lernens verbinden sowie die Bedingungen der Forschung und Entwicklung (R&D) stärken.“

Wie viele europäische Länder sieht sich auch die Tschechische Republik momentan einem Mangel an Interesse in technischen und Naturwissenschaften unter jungen Menschen gegenüber, unabhängig von der Tatsache, dass genau diese Art von Bildung die Experten als Voraussetzung für eine innovative und konkurrenzfähige Wirtschaft sehen. Verschiedene Statistiken haben wiederholt gezeigt, dass etwa 60 Prozent der Kinder in Asien technische oder Naturwissenschaften wählen, dies in Europa aber nur 15 Prozent der Kinder tun.

Tschechische Universitäten warnen ebenso, dass die Zahl der jungen Menschen, die eine Karriere in technischen Bereichen in Betracht ziehen, sinkt oder im besten Fall stagniert. Doch auch die Industrie beschwert sich über einen durchgehenden Mangel an qualifizierten Fachkräften. Dies ist ebenso aus einer strukturellen Perspektive heraus ein Problem, da die industrielle Produktion in der Tschechischen Republik gegenüber anderen europäischen Ländern relativ stark ist. Über 30 Prozent des BIP wird durch die relevanten Industrien geschaffen.

EURACTIV.cz (Prag)

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