Bonino: Quoten vergessen, Geschlechterdiskriminierung bestrafen
Frustriert durch den langsamen Fortschritt in Sachen Geschlechtergleichstellung, drängten Frauen auf Quoten, die eine bessere Frauenvertretung in den Vorstandsetagen und der Politik garantierten. Allerdings seien Quoten nicht die Lösung, erklärte die italienische Senatorin Emma Bonino EURACTIV in einem Exklusivinterview.
Frustriert durch den langsamen Fortschritt in Sachen Geschlechtergleichstellung, drängten Frauen auf Quoten, die eine bessere Frauenvertretung in den Vorstandsetagen und der Politik garantierten. Allerdings seien Quoten nicht die Lösung, erklärte die italienische Senatorin Emma Bonino EURACTIV in einem Exklusivinterview.
Sie sei überzeugt, dass Quoten nicht die Lösung seien – insbesondere in einem Lande, wo die Vetternwirtschaft über den Verdienst siege, und sie könnten nicht geeignete Frauen in Spitzenpositionen bringen, welche für ihre Fügsamkeit und nicht für ihre Fähigkeit ausgewählt würden, sagte Bonino, die auf ihr Heimatland Italien Bezug nahm.
Die derzeitige Vizepräsidentin des italienischen Senates und ehemalige EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe Bonino würde stattdessen die Einrichtung einer Behörde gegen Geschlechterdiskriminierung bevorzugen – was mit der Richtlinie 54 der EU-Gesetzgebung übereinstimme. Eine solche Behörde wäre von den Regierungen unabhängig und könnte Sanktionen auferlegen.
Gute Gesetze seien unabdingbar, doch sollte es auch stetes Üben sowie stete Förderung einer egalitären und offeneren Kultur geben, sagte Bonino. Sie betonte, dass es nicht genüge, eine Repräsentation der Frauen in der Politik zu garantieren, da Entscheidungspositionen noch immer weithin von Männern beherrscht seien.
Bonino zufolge hindert eine solche Realität die Errichtung eines Meritokratie-Systems und schafft nicht genug Raum, um die Probleme, denen Frauen begegnen, in Betracht zu ziehen.
Die Schaffung eigener Dienstleistungsnetzwerke würde dabei helfen, sagte Bonino, weil Frauen im Allgemeinen noch immer die Last der meisten Familien- und häuslichen Arbeiten trügen.
Häusliche Pflichte beruhten nahezu vollständig auf ihren Schultern, von der Kinderbetreuung bis zur Altershilfe. Ein solches Dienstleistungsnetzwerk könnte vollbracht werden, indem man die Gelder benutze, die durch den Anstieg des Frauenrentenalters vor kurzem gespart worden seien, unterstrich sie.
Es sei auch gut, daran zu erinnern, dass die Emanzipation der europäischen Frauen durch die Verfügbarkeit von ausländischen Haushaltshilfen bestimmt werde, was es dann Frauen ermögliche, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren. Man müsse daran erinnern, dass einwandernde Frauen zu Geschlechtergleichheit beitrügen, sagte sie.
Schließlich sollten die öffentlichen Medien, die einen sehr wichtigen gesellschaftlichen Einfluss genössen, zur Ausmerzung einer Kultur beitragen, welche noch immer auf alten Stereotypen und Traditionen, die nicht länger existierten, basiere, argumentierte Bonino.
Unglücklicherweise sei die Frauenrepräsentation in den italienischen Medien noch immer sehr klischeehaft und vergesse üblicherweise Frauen, die eine Karriere hätten, arbeiteten und zum wirtschaftlichen Wachstum des Landes beitrügen, sagte sie.
Bonino behauptete, dass sich in den letzten 20 Jahren die Veränderungen in Italien verlangsamt hätten. Vielleicht hätten Frauen geglaubt, sie hätten ihren Kampf gewonnen, doch stimme dies nicht, da man heute eine richtige Beschleunigung brauche. In dieser Hinsicht seien die Frauendemonstrationen von letztem Februar, sowie andere Initiativen der weiblichen Gesellschaft, zu interpretieren, fügte sie hinzu.
Emma Bonino ist die einzige Italienerin, die auf einer von der US-Zeitschrift „Newsweek“ erstellten Liste der weltweiten 150 einflussreichsten Frauen anwesend ist.
Daniela Vincenti-Mitchener, Euractivs Redaktionsleiterin, führte das Gespräch.
Um das ganze Interview (auf Englisch) zu lesen, klicken Sie hier.