Chinesische Firmen in Europa wachsen trotz geopolitischer Spannungen
Trotz ihres Optimismus klagen neun von zehn chinesischen Firmen darüber, dass die EU-Strategie zur Risikominderung gegenüber Peking ihren Geschäften geschadet hat.
Die überwiegende Mehrheit der in Europa ansässigen chinesischen Unternehmen hat trotz zunehmender geopolitischer Spannungen zwischen Brüssel und Peking stabile oder steigende Umsätze verzeichnet. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage hervor.
Laut der China Chamber of Commerce to the EU (CCCEU), die über tausend in der EU tätige chinesische Firmen vertritt, meldeten 84 Prozent ihrer Mitglieder im Jahr 2024 stabile oder wachsende Umsätze. 82 Prozent verzeichneten gleichbleibende oder höhere Gewinne. Nur 16 beziehungsweise 19 Prozent berichteten von rückläufigen Erlösen und sinkenden Profiten.
Etwas mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen bezeichnete die EU als einen wichtigen regionalen Markt, während 93 Prozent angaben, dass die strategische Bedeutung der EU in Zukunft weiter zunehmen werde. Knapp zwei Drittel der Firmen rechnen zudem mit weiterem Umsatzwachstum, die Hälfte plant eine Ausweitung ihrer Investitionen in Europa.
„Die wirtschaftlichen und handelsbezogenen Beziehungen zwischen China und der EU haben bemerkenswerte Widerstandskraft gezeigt“, sagte CCCEU-Präsident Liu Jiandong. Chinesische Unternehmen sollten ihre Präsenz auf dem europäischen Markt „trotz zahlreicher Hürden“ weiter ausbauen, so Liu – darunter zunehmende Marktzugangsbeschränkungen.
Die Veröffentlichung der Umfrage fällt in eine Phase anhaltender Spannungen zwischen Brüssel und Peking. Streitpunkte sind vor allem Chinas Rekord-Handelsüberschuss von einer Billion US-Dollar im vergangenen Jahr sowie die enger werdenden politischen und wirtschaftlichen Beziehungen des Landes zu Russland seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022.
Zugleich versucht die Europäische Kommission, die strategische Abhängigkeit der EU von China – der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt und dem zweitgrößten Handelspartner der EU nach den USA – zu verringern.
In den vergangenen zwölf Monaten hat Brüssel Strafzölle auf chinesische Elektroautos und Stahlexporte verhängt, mehrere Anti-Subventions- und Anti-Dumping-Verfahren gegen chinesische Unternehmen eingeleitet und seine Zusammenarbeit mit den USA im Bereich „wirtschaftliche Sicherheit“ vertieft – ein Schritt, der weithin als Signal an Peking verstanden wird.
Trotz des insgesamt positiven Stimmungsbildes gaben 90 Prozent der befragten Unternehmen an, dass der EU-Fokus auf „De-Risking“ und wirtschaftliche Sicherheit ihre Geschäfte negativ beeinflusst habe. 81 Prozent sagten, das Geschäftsumfeld in Europa sei unberechenbarer geworden. Vier von zehn Firmen berichteten zudem, sie seien aufgrund ihrer chinesischen Herkunft diskriminiert worden.
„Im Kreuzfeuer der Großmächte“
Denis Depoux, Global Managing Director der Beratungsfirma Roland Berger, die die Umfrage gemeinsam mit der CCCEU erstellt hat, warnte, dass die Beziehungen zwischen der EU und China zum „Kollateralschaden“ der wachsenden Rivalität zwischen Washington und Peking werden könnten.
So sorgten etwa Chinas Exportbeschränkungen für strategisch wichtige Seltene Erden – die kurz nach der Ankündigung „wechselseitiger Zölle“ durch US-Präsident Donald Trump im April in Kraft traten – für Besorgnis in Europas Industrie. Viele Branchen leiden bereits unter der scharfen Konkurrenz chinesischer Hersteller.
China kontrolliert rund 70 Prozent der weltweiten Förderung und 90 Prozent der Raffinierung Seltener Erden – und verfügt damit über eine faktische Monopolstellung bei Metallen, die für Hightech-Produkte wie Elektroautos, Radarsysteme, Computer oder Kampfjets unverzichtbar sind.
Die Spannungen zwischen der EU und China verschärften sich zuletzt weiter, nachdem die niederländische Regierung unter US-Druck die Kontrolle über den in den Niederlanden ansässigen, chinesisch geführten Halbleiterhersteller Nexperia übernommen hatte – ein für Europas Autoindustrie zentraler Zulieferer.
Peking reagierte umgehend mit einem Exportverbot für Produkte der chinesischen Nexperia-Tochter, die den Großteil der Chips des Unternehmens verpackt und verarbeitet – was bei europäischen Autoherstellern für neue Unruhe sorgte.
In den vergangenen Wochen zeichnete sich jedoch eine leichte Entspannung ab. Nach einem Treffen zwischen Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping Ende Oktober kündigte Peking eine teilweise Wiederaufnahme der Nexperia-Exporte sowie eine einjährige Aussetzung einiger besonders strenger Exportbeschränkungen für Seltene Erden an.
Wie EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič Anfang November erklärte, laufen zudem Gespräche zwischen europäischen und chinesischen Vertretern über eine „verbesserte Umsetzung“ der verbleibenden chinesischen Exportauflagen.
Dennoch warnte Depoux, die geopolitischen Gegenwinde in den EU-China-Beziehungen dürften „auf absehbare Zeit kaum nachlassen“.
„Europa steckt im Kreuzfeuer des wirtschaftlichen Machtkampfs zwischen den USA und China. Die daraus entstehenden Kollateralschäden erfordern Widerstandskraft, Eigenständigkeit und eine entschlossene Anti-Erpressungspolitik in einem zunehmend transaktionalen Umfeld“, sagte er.
(ow, jl)