Corona und Ukraine-Krieg machen Erfolge bei Tuberkulosebekämpfung zunichte
Die weltweite Zahl der Tuberkulose-Todesfälle ist im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt gestiegen, was auf die durch die Corona-Pandemie verursachten Unterbrechungen bei der Impfung und Diagnose zurückzuführen ist.
Die Zahl der Tuberkulose-Todesfälle ist im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt gestiegen. Der Anstieg ist unter anderem auf die durch die Corona-Pandemie verursachten Impfunterbrechungen zurückzuführen.
Die Weltgesundheitsorganisation gab die besorgniserregenden Daten im Vorfeld des Welttuberkulosetags am Donnerstag (24. März) bekannt.
„Wir haben Ende letzten Jahres berichtet, dass die Zahl der Tuberkulose-Todesfälle zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt wieder gestiegen ist. Angesichts der erheblichen Störungen, die COVID-19 beim Zugang zur Tuberkulose-Versorgung verursacht, sieht die Lage weiterhin düster aus“, sagte Tereza Kasaeva, Direktorin des Globalen Tuberkuloseprogramms der Weltgesundheitsorganisation, auf einer Veranstaltung am Montag (21. März).
Im Vergleich zu den Daten aus dem Jahr 2019 gebe es 2021 „weit weniger Menschen, bei denen Tuberkulose diagnostiziert und behandelt wird oder die eine präventive Behandlung erhalten“, so Kasaeva.
Bei Kindern und Jugendlichen ist die Situation noch schlimmer. „Dies verdeutlicht die dringende Notwendigkeit, die Investitionen drastisch zu erhöhen. Der Kampf gegen Tuberkulose muss verstärkt werden, um die von den führenden Entscheidungsträgern der Welt eingegangenen Verpflichtungen zur Beendigung der Tuberkulose erfüllen zu können“, so Kasaeva weiter.
Laut der Weltgesundheitsorganisation erkranken jedes Jahr 10 Millionen Menschen an Tuberkulose. Und obwohl es sich um eine vermeidbare und heilbare Krankheit handelt, sterben jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen daran.
Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten ist Tuberkulose damit die zweithäufigste tödliche Infektionskrankheit der Welt nach COVID-19.
Wie viel kostet Tuberkulose die Welt?
Das globale Ziel für Diagnose, Behandlung und Prävention von Tuberkulose ist auf 11,8 Milliarden Euro jährlich für 2022 festgelegt. Die weltweiten Ausgaben sind jedoch von 5,3 Milliarden Euro auf 4,8 Milliarden Euro im Jahr 2020 gesunken und damit weit von dem Ziel entfernt.
Kasaeva wies auch auf Investitionen in Forschung und Entwicklung hin, für die „mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr zusätzlich benötigt werden“.
„Aufbauend auf den Erkenntnissen aus der Corona-Forschung müssen Investitionen und Maßnahmen zur Beschleunigung der Entwicklung neuer wirksamer Mittel, insbesondere neuer Impfstoffe gegen Tuberkulose, katalysiert werden“, sagte Kasaeva.
Sie fügte hinzu, dass Investitionen in den Kampf gegen Tuberkulose ein „unumstößliches Entwicklungsziel“ seien.
Kasaeva erwähnte auch eine im September 2021 in der Zeitschrift Lancet veröffentlichte Analyse, in der die wirtschaftlichen Auswirkungen der Tuberkulose-Sterblichkeit in 120 Ländern und die Kosten der Nichterreichung der Tuberkulose-Ziele, die Teil der nachhaltigen Entwicklungsziele sind, untersucht wurden.
Die Tuberkulose-Ziele im Rahmen der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung sehen vor, die Zahl der Tuberkulose-Todesfälle bis 2030 im Vergleich zu 2015 um 90 Prozent zu senken, „aber die Erreichung dieses Ziels scheint jetzt sehr unwahrscheinlich zu sein“, heißt es in der Lancet-Studie.
Das Erreichen des Tuberkulose-Sterblichkeitsziels der Vereinten Nationen bis 20130 würde nicht nur Menschenleben retten: Die Analyse ergab, dass 23,8 Millionen Tuberkulose-Todesfälle und 11,9 Billionen Euro an wirtschaftlichen Verlusten vermieden werden können.
Wenn das Ziel 15 Jahre später, im Jahr 2045, erreicht wird, können 18,1 Millionen Tuberkulose-Todesfälle und 9,3 Billionen Euro vermieden werden. Das bedeutet, dass eine Verspätung von 15 Jahren 5,7 Millionen Menschenleben und 2,7 Billionen Euro an wirtschaftlichen Verlusten nach sich zieht.
Fortschritte bei der Behandlung und Bekämpfung von Tuberkulose werden zunichtegemacht
Der Krieg in der Ukraine wird die Fortschritte bei der Tuberkulosebehandlung und -pflege voraussichtlich zunichtemachen.
Die Ukraine stand bisher weit oben auf der globalen Liste der multiresistenten Tuberkulosefälle. Es „war eines der Pionierländer bei der Bekämpfung von Tuberkulose und arzneimittelresistenter Tuberkulose in der europäischen Region der WHO. Das Land hat die WHO-Leitlinien zur Tuberkulose schnell übernommen“, sagte der zuständige WHO-Regionalberater, Askar Yedilbayev.
Doch all die Verbesserungen in Prävention, Diagnose, Behandlung und Pflege sowie das Engagement der Zivilgesellschaft drohen durch den Einmarsch Russlands völlig zunichtegemacht zu werden.
„Die zerstörte Gesundheitsinfrastruktur, einschließlich des eingeschränkten Zugangs zu öffentlichen Gesundheitsdiensten, beeinträchtigt die Bereitstellung grundlegender Tuberkulose-Dienste“, so Yedilbayev. Dies führt zu erheblichen Verzögerungen bei der Diagnose, was die Einleitung einer präventiven Behandlung erheblich erschwert.
Er fügte hinzu, dass eine nicht diagnostizierte und unbehandelte Tuberkulose zu „sehr ernsten Folgen für die öffentliche Gesundheit führen kann, beispielsweise sehr viel geringere Heilungschancen und mehr Todesfälle“.
Die Medikamente, die vor dem Krieg an die regionalen Lagerhäuser verteilt wurden, reichen für ein bis zwei Monate, erklärte Yedilbayev. Er fügte jedoch hinzu, dass der Zugang zu Arzneimitteln durch militärische Aktionen unterbrochen werden könnte.
„Daher wird es notwendig sein, eine Notfallumverteilung von Medikamenten vorzunehmen, um eine kontinuierliche, medizinische Versorgung zu gewährleisten“, sagte er.
Er forderte, dass die Behandlung der 3,5 Millionen Kriegsflüchtlinge garantiert werden müsse. Der WHO-Regionalberater fügte jedoch hinzu, dass dies nicht einfach sei, da „die meisten Länder in Europa eine geringe Tuberkulosebelastung haben und nicht darauf vorbereitet sind, eine größere Zahl von Patienten zu behandeln“.
Yedilbayev betonte, dass die WHO daran arbeitet, den Zugang zu Behandlungen für die Menschen in der Ukraine und für diejenigen, die die Ukraine verlassen haben, zu gewährleisten. Am Montag veröffentlichte die WHO außerdem aktualisierte Leitlinien für den Umgang mit Tuberkulose bei Kindern und Jugendlichen.
[Bearbeitet von Alice Taylor]