Das Dilemma der französischen Grünen: Wähler sind weitgehend pro-Atomkraft

Die meisten Anhänger:innen der französischen Grünen befürworten die Kernenergie, insbesondere um die Energieunabhängigkeit des Landes zu sichern. Dies geht aus einer kürzlich durchgeführten Umfrage hervor und steht im Gegensatz zu den langjährigen Anti-Atomkraft-Überzeugungen der Partei.

EURACTIV France
Green party’s French presidential candidate presents program in Paris
Unter den Anhänger:innen der Partei befürworten 49 Prozent die Entwicklung neuer Kernkraftkapazitäten, um die Stilllegung alternder Reaktoren zu kompensieren, wobei 3 Prozent die Entwicklung der Kernkraft sogar den erneuerbaren Energien vorziehen. 46 Prozent sprechen sich dafür aus, die Abhängigkeit des Landes von der Kernenergie schrittweise zu verringern. [[EPA-EFE/CHRISTOPHE PETIT TESSON]]

Die Anhänger:innen der französischen Grünen befürworten Kernenergie, insbesondere um die Energieunabhängigkeit des Landes zu sichern. Damit stehen sie allerdings im Gegensatz zu den Anti-Atomkraft-Wurzeln der Partei.

Die französischen Grünen, die wie ihre grüne Schwesterpartei überzeugte Atomkraft-Gegner sind, kämpfen schon länger mit ihrem atomkraftfreundlichen Nachwuchs. Bevor Russland im Februar in die Ukraine einmarschierte, erklärte Elli Tessier, Co-Vorsitzende des Energieausschusses der Grünen, gegenüber Reporterre, dass junge Parteimitglieder versuchten, die Position der Partei zur Kernenergie zu ändern.

Einer, der die Meinung der jüngeren Generation maßgeblich beeinflusst, ist der Ingenieur Jean-Marc Jancovici, dessen pro-nuklearer Think-Tank, das Shift Project, eine einflussreiche Stimme unter den Student:innen der besten Ingenieurschulen ist.

„Wir haben einige Mitglieder, die diesem Thema offener gegenüberstehen als früher“, gab Camille Hachez, Co-Leiterin der jungen französischen Grünen, in einem Kommentar für Reporterre zu.

Gegenüber EURACTIV erzählte sie, dass sie nicht das Gefühl habe, „dass es einen Generationswechsel in dieser Frage gibt“ und diejenigen, die der Kernenergie offen gegenüberstehen, seien „eine sehr kleine Minderheit.“

Die Wähler:innen der Grünen könnten dies jedoch anders sehen, wenn man einer neuen Umfrage Glauben schenkt.

Die Verschiebung könnte Probleme für die Partei aufwerfen, die ihren neuen Sekretär wählen wird, um Julien Bayou zu ersetzen, der im September wegen Anschuldigungen wegen häuslicher Gewalt zurückgetreten war.

Schwindender Widerstand gegen die Kernenergie

Laut einer am 3. November veröffentlichten Elabe-Umfrage für Les Echos, Radio Classique und das Montaigne-Institut nimmt die Ablehnung der Kernenergie bei den Anhänger:innen der Grünen tatsächlich ab.

Unter den Anhänger:innen der Partei befürworten 49 Prozent die Entwicklung neuer Kernkraftkapazitäten, um die Stilllegung alternder Reaktoren zu kompensieren, wobei 3 Prozent die Entwicklung der Kernkraft sogar den erneuerbaren Energien vorziehen.

46 Prozent sprechen sich dafür aus, die Abhängigkeit des Landes von der Kernenergie schrittweise zu verringern.

Im vergangenen Jahr sprachen sich 26 Prozent der Grünen-Anhänger:innen für den Ausbau der Kernenergie aus, wie eine weitere Elabe-Umfrage vom November 2021 ergab.

Diese Zahlen zeigen eine drastische Verschiebung unter den Anhänger:innen einer Partei, die seit jeher gegen die Kernenergie ist, auch wenn sich diese langjährige Opposition „auf die Gefahr von Unfällen und die Entsorgung von Atommüll stützt“, erklärt Hachez.

„Die territoriale Verankerung dieser Kämpfe ist nach wie vor sehr wichtig“, so Hachez, der aus der Region Lothringen stammt, wo sich das umstrittene Atommülllager Cigéo befindet.

Atomkraft: Garant für Unabhängigkeit?

Unter den Anhänger:innen der Grünen sind 75 Prozent der Meinung, dass die Kernenergie eine Garantie für die „Unabhängigkeit“ ist, im Vergleich zu den 54 Prozent, die das noch im November letzten Jahres glaubten.

Dieser Meinungsumschwung, der wahrscheinlich durch den Ukraine-Krieg ausgelöst wurde, kam für Hachez nicht überraschend. Die Offenheit der Grünen gegenüber der Kernenergie habe sich bereits Anfang des Jahres bei den Präsidentschaftswahlen abgezeichnet, so Hachez.

Yannick Jadot, der Kandidat der Grünen bei den Wahlen im April, forderte die Beibehaltung der bestehenden Atomkraftwerke, bis der Anteil der erneuerbaren Energien im Netz so hoch ist, dass ein Ausstieg aus der Kernenergie gerechtfertigt ist.

Jadot, der den zentristischen Flügel der Partei vertritt, wurde kürzlich bei einer Umweltdemonstration in Sainte-Soline von Anhänger:innen eines radikaleren Zweigs der Partei angegriffen, der Jean-Luc Mélenchons linksextremer Partei La France Insoumise (LFI) nahe steht.

In einer Umkehrung früherer Positionen neigen Mélenchon-Sympathisant:innen heute dazu, weniger selbstgefällig gegenüber der Kernenergie zu sein als ihre grünen Verbündeten.

Entfremdung zwischen Anhängern und Partei?

Vonseiten der Parteispitze sagte Hachez, gebe es keine Trennung zwischen Anhänger:innen und Abgeordneten, „weil die Atomkraftbefürworter:innen nicht in die Partei eintreten“. Ihrer Meinung nach „machen die Anhänger:innen keine Parteipolitik.“

Die Umfrage scheint jedoch in eine andere Richtung zu weisen. Nach Ansicht von Marine Tondelier, die am 10. Dezember für das Amt des Parteisekretärs kandidiert, deutet dies auf die Notwendigkeit einer „doktrinären Aufrüstung“ hin, erklärte sie gegenüber Reporterre.

Die Nuklearfrage könnte somit die Spaltung innerhalb des Linksbündnisses NUPES, dem die EELV angehört, vertiefen.

Der neue Parteivorsitzende könnte allerdings versuchen, die Gräben zwischen den Parteimitgliedern und den Wähler:innen zu überwinden, indem er die Haltung zur Nuklearfrage abschwächt.

Lesen Sie den französischen Originalartikel hier.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic and Frédéric Simon]