Delors: "Oberflächliche" deutsch-französische Beziehung braucht neuen Schwung

In einem Exklusivinterview mit EURACTIV erklärt der ehemalige Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors, dass Angela Merkel und Nicolas Sarkozy ein "oberflächliches" Bündnis aufrechterhalten, welches wieder aufgebaut werden müsse – und bietet seine Hilfe an.

Der ehemalige Kommissionspräsident Jacques Delors (L) bei seinem Besuch im EU-Parlament zusammen mit Parlamentspräsident Jerzy Buzek (M) und dem letzten DDR-Regierungschef, Lothar de Maizière, im Oktober 2010. Foto: dpa
Der ehemalige Kommissionspräsident Jacques Delors (L) bei seinem Besuch im EU-Parlament zusammen mit Parlamentspräsident Jerzy Buzek (M) und dem letzten DDR-Regierungschef, Lothar de Maizière, im Oktober 2010. Foto: dpa

In einem Exklusivinterview mit EURACTIV erklärt der ehemalige Präsident der EU-Kommission, Jacques Delors, dass Angela Merkel und Nicolas Sarkozy ein „oberflächliches“ Bündnis aufrechterhalten, welches wieder aufgebaut werden müsse – und bietet seine Hilfe an.

Jacques Delors, der als einer der "Gründerväter" der EU betrachtet wird, verglich im EURACTIV-Interview den französischen Präsidenten und die deutsche Bundeskanzlerin mit ihren Vorgängern.

Jacques Chirac und Gerhard Schröder seien sich nur einig gewesen, um "Nein" oder "Non" zu sagen, beispielsweise beim EU-Haushalt. Als es um ehrgeizigere Pläne ging, hätten sie es nicht geschafft, konkrete Initiativen zu ergreifen.

Die Beziehung zwischen Chirac und Schröder sei ein oberflächliches Bündnis gewesen – genau so oberflächlich wie das zwischen Angela Merkel und Nicolas Sarkozy.

Dem ehemaligen Kommissionschef zufolge hatten frühere deutsch-französische Tandems – wie François Mitterrand und Helmut Kohl, Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt sowie Charles de Gaulle und Konrad Adenauer – eine Antriebskraft für die EU ausgemacht.

"Alle haben in der Geschichte Europas ihre Spuren hinterlassen, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt über ihre vorgefassten Meinungen über den anderen zu Gunsten einer europäischen Vision hinweggekommen sind. Deshalb war diese Zeit bedeutsam."

"Aber seitdem Mitterrand und Kohl weg sind, hat jeder seine alte Rolle wieder eingenommen", bedauert Delors.

Der langjährige Kommissionspräsident (1985-1994) erklärte, dass die deutsch-französische Beziehung wieder aufgebaut werden müsse. "Nicht weil Frankreich und Deutschland Europa beherrschen müssen", sondern weil diese Beziehung einer der "Lebensbäume" Europas sei.

Trotz seines Alters (er wurde 1925 geboren) erklärte Delors, der mit seinem Think-Tank "Notre Europe" weiterhin tätig ist, dass er bereit sei, seine Unterstützung anzubieten, um beim Wiederaufbau der Beziehungen zwischen Paris und Berlin zu helfen.

Er sei ein großer Befürworter einer Erneuerung des Dialogs zwischen den Deutschen und den Franzosen auf allen Ebenen. Dies sei essenziell. Jüngere Generationen müssten sich darum kümmern. Er sei jedenfalls bereit, selbst Hand anzulegen.

Auf die Frage, was sich verändern werde, sollten die Sozialdemokraten in Frankreich und Deutschland wieder an die Macht kommen, antworte Delors – dessen Tochter Martine Aubry die Parteivorsitzende der französischen Sozialisten ist – diplomatisch. Ein sozialdemokratischer Bundeskanzler oder französischer Präsident hätte zweifellos "etwas andere Visionen über die wirtschaftliche und finanzielle Verwaltung Europas und darüber, was man auf globaler Ebene machen könne".

Allerdings sei das Wesentliche, dass die Franzosen und Deutschen einander verstünden, ihre unterschiedlichen Charaktere akzeptierten und es schafften, sich gegenseitig zum Besseren zu vervollständigen.

EURACTIV

Das gesamte Interview (auf englisch) finden Sie hier.

Das gesamte Interview (auf französisch) finden Sie hier.

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