Deutsch als EU-Amtssprache weiter vernachlässigt
Deutsch hat es schwer im EU-Alltag. Nicht alle EU-Dokumente und Websites werden ins Deutsche übersetzt, bedauert Margareta Hauschild, Leiterin des Goethe-Instituts Belgien im EURACTIV-Interview. Rat und Kommission seien besonders nachlässig beim Thema Mehrsprachigkeit Europas.
Deutsch hat es schwer im EU-Alltag. Nicht alle EU-Dokumente und Websites werden ins Deutsche übersetzt, bedauert Margareta Hauschild, Leiterin des Goethe-Instituts Belgien im EURACTIV-Interview. Rat und Kommission seien besonders nachlässig beim Thema Mehrsprachigkeit Europas.
Deutsch ist neben Englisch und Französisch eine der offiziellen Amtsprachen der EU-Institutionen, dennoch wird Deutsch häufig vernachlässigt. Die deutsche Version von EU-Dokumenten und Protokollen sucht die deutschsprachige Öffentlichkeit häufig vergebens.
Margareta Hauschild, Direktorin des Goethe-Instituts Belgien, führt dieses Manko auf die historische Schuldgefühle der ersten deutschen Beamtengeneration in Brüssel zurück.
"Deutsche EU-Beamte haben sich aus historischen Gründen geweigert, die deutsche Sprache auf EU-Ebene durchzusetzen. Stattdessen wollten sie zeigen, dass sie auch andere Sprachen sprechen, meistens Englisch", sagt Hauschild im EURACTIV-Interview. (In guter EU-Tradition liegt das vollständige Interview zunächst nur in Englisch vor.)
Siehe dazu auch den EURACTIV.de-Leitartikel Die EU spricht Deutsch – nur langsamer (14. Juni 2009)
Deutsche EU-Beamte sprechen wieder Deutsch
In den letzten zehn Jahren habe aber ein Wandel eingesetzt, so Hauschild: "Deutsche EU-Beamte haben Deutsch als Amtssprache in den letzten zehn Jahren stark gefördert. Jetzt sprechen auch mehr Deutsche in Brüssel wieder öffentlich Deutsch".
Im Dezember 2008 forderten die EU-Abgeordneten den Europäischen Rat dazu auf, verstärkt Deutsch und andere Sprachen auf seinen Webseiten zu verwenden.
"Es könnten durchaus mehr EU-Dokumente und Websites ins Deutsche übersetzt werden", sagte sie und sieht das Europäische Parlament als "Vorbild für Rat und Kommission, wenn es um die Förderung eines mehrsprachigen Europa geht".
Fremdsprachen so wichtig wie IKT-Fähigkeiten
Obwohl Hauschild die Leistung des EU-Kommissars für Mehrsprachigkeit Leonard Orban als "sehr gut" bezeichnete, betonte sie, dass der nächsten Kommission noch viele Aufgaben bevorstünden.
"Mehrsprachigkeit muss noch näher an alle Bürger Europas herangerückt werden", sagte sie und stellte fest, dass Fremdsprachen genauso wichtig seien wie IKT-Fähigkeiten. Hauschild will, dass die Mehrsprachigkeit auf allen Ebenen der Bildung auf die Lehrpläne gebracht wird und in der Geschichte, der Literatur und in den Sozialwissenschaften einen stärkeren Fokus bekommt.
Anders als Frankreich, das sich mit der Organisation Internationale de la Francophonie rühmt, gibt es in Deutschland keine Institution, die die deutschsprachigen Länder im Ausland repräsentiert. Deshalb liegt die Verantwortung bei Organisationen wie dem Goethe-Institut. Dies ist ein Unterschied, den Hauschild auf die zwei "ziemlich verschiedenen historischen Hintergründe" der zwei Länder zurückführt.
"Wir wollen Menschen überzeugen, dass es im modernen Europa wichtig ist, Deutsch zu lernen", sagte sie und wies darauf hin, dass Deutschkentnisse auch im Berufsleben ein Vorteil sind. "Man hat mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn man eine Sprache spricht, die von 100 Millionen Europäern als Muttersprache gesprochen wird und die nach Englisch am häufigsten als Zweitsprache unterrichtet wird."
"Deshalb arbeiten die Ständige Vertretung Deutschlands bei der EU, das Goethe Institut und viele mehr, auch die deutschen EU-Mitarbeiter daran, die Verwendung des Deutschen in EU Kreisen zu verbessern", fügte sie hinzu.
Zur Person
Margareta Hauschild hat seit 2001 das Goethe-Institut Brüssel geleitet und war zugleich EU-Beauftragte des deutschen Kulturinstituts. 2007-2008 war sie zusätzlich Präsidentin der Vereinigung Europäischer Kulturinstitute EUNIC Brüssel. Ab August 2009 wird Margareta Hauschild das Goethe-Institut Madrid leiten.
Weitere Beiträge
EURACTIV-Dossier: Sprachgebrauch in der EU
EURACTIV: Parlament fordert Rat zur Stärkung der deutschen Sprache auf (2. Dezember 2008)
EURACTIV: KMU verlieren aufgrund fehlender Sprachkenntnisse Aufträge (8. Mai 2009)
Weitere Dokumente
Kommission: Offizielle Website zur Mehrsprachigkeit
Kommission: Eine Bestandaufnahme der Gemeinschaftsaktionen im Bereich der Mehrsprachigkeit und Ergebisse der öffentlichen Online-Konsultation (PDF-Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen, 18. September 2008)