Deutschland will jedes Jahr 100.000 Gebäude ans Fernwärmenetz anschließen
Der hochaktuelle politische Streit um das Aus für fossile Heizkessel in Deutschland könnte die Nachfrage nach Anschlüssen an stadtweite Wärmenetze begünstigen, wie sie derzeit in Berlin eingerichtet werden, wo jedes Jahr 100.000 Gebäude angeschlossen werden sollen.
Der hochaktuelle politische Streit um das Aus für fossile Heizkessel in Deutschland könnte die Nachfrage nach Anschlüssen an stadtweite Wärmenetze begünstigen, wie sie derzeit in Berlin eingerichtet werden, wo jedes Jahr 100.000 Gebäude angeschlossen werden sollen.
Deutschland befindet sich in einer hitzigen Heizungsdebatte. Das für 2024 geplante Verbot von Heizkesseln für fossile Brennstoffe führte zu einem monatelangen Streit in der Regierungskoalition.
Jetzt richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Fernwärme – riesige stadtweite Warmwassernetze. Sie könnten nach 2030 eine wichtige Rolle bei der Beheizung des Landes spielen.
„Wärmenetze können eine besonders kosteneffiziente und klimaneutrale Lösung für die Wärmeversorgung von Gebäuden, Stadtteilen und ganzen Gemeinden sein“, sagte Robert Habeck, deutscher Vizekanzler und Minister für Wirtschaft und Klimaschutz, nach einem Fernwärmegipfel am Montag (12. Juni).
„Sie ermöglichen die Deckung des Wärmebedarfs ohne größere Umbaumaßnahmen an den Gebäuden“, argumentierte er.
Fernwärmesysteme sind Netze von Heißwasserleitungen, die die Wärme direkt in die Häuser der Menschen bringen. Im Gegensatz zu einzelnen Wärmepumpen, die eine maßgeschneiderte Installation in jeder Wohnung erfordern, können sie Tausende von Haushalten auf einmal mit sauberer Wärme versorgen.
Die ersten Fernwärmenetze wurden in Europa während der kommunistischen Ära errichtet, wobei der Großteil dieser Netze noch immer mit stark umweltbelastender Kohle oder Gas betrieben wird. Sie sind jedoch vielseitig und können mit jeder lokal verfügbaren Energiequelle gespeist werden – also beispielsweise mit Abwärme aus nahe gelegenen Fabriken oder erneuerbaren Energien.
In Deutschland sind 6,1 Millionen Haushalte an ein Wärmenetz angeschlossen, was einem Anteil von 14,2 Prozent an der Wärmeversorgung des Landes entspricht. Berlin nimmt die Spitzenposition ein, da mehr als ein Drittel der Stadt mit zentral beheiztem Wasser versorgt wird – das sind mehr als 1,4 Millionen Haushalte. Die deutsche Hauptstadt verfügt über das größte Fernwärmenetz Westeuropas, das europaweit nur von Warschau und Moskau übertroffen wird.
Jetzt will die deutsche Regierung den Rest des Landes mit ins Boot holen.
„Um dies zu erreichen, haben wir uns ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Jedes Jahr sollen 100.000 Gebäude an das Fernwärmenetz angeschlossen werden“, so Habeck.
Bedenken der Verbraucher
Ein neues Gesetz, das diesen Prozess in Gang bringen soll, ist derzeit in Arbeit und würde die Gemeinden verpflichten, ab dem nächsten Jahr „Heiz-Pläne“ vorzulegen.
In diesen Plänen werden verfügbare Abwärmequellen, wie beispielsweise Aluminiumfabriken, deren Prozesswärme sonst ungenutzt bliebe, untersucht. Außerdem wird den Verbrauchern darin signalisiert, ob sie in absehbarer Zeit einen Anschluss an ein Wärmenetz erhalten werden.
Für Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern gilt als endgültige Frist der Dezember 2028.
Schon jetzt wittern die kommunalen Versorgungsunternehmen, die alles von Schwimmbädern bis zu fossilem Gas anbieten, eine Geschäftsmöglichkeit.
„Wir müssen auch über verbindliche Anforderungen sprechen. Wenn die kommunale Planung Wärmenetze vorsieht, darf der Staat nicht gleichzeitig die Installation von Wärmepumpen fördern“, sagte Ingbert Liebing, Präsident des Stadtwerkeverbandes VKU, am 9. Juni gegenüber der NOZ.
Haushalte, die an Fernwärmenetze angeschlossen sind, können die Verpflichtung zur Nutzung erneuerbarer Energien dem Energieversorger überlassen und gleichzeitig von Skaleneffekten profitieren, die sich aus der Anzahl der Kunden ergeben, erklärte er.
„Deshalb ist es durchaus angebracht, von einer Anschlusspflicht für Haushalte an ein bestehendes Wärmenetz zu sprechen“, fügte Liebing hinzu.
Dieser Gedanke stieß bei Rainer Semet, kommunalpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, auf Zustimmung. Für „neu geplante Stadtteile“ könne ein Anschlusszwang an das Wärmenetz „wirtschaftlich sinnvoll sein“, sagte er. Allerdings „lehnen wir einen Anschlusszwang im Gebäudebestand entschieden ab“, so der FDP-Politiker weiter.
Auch für Verbraucherschützer können Fernwärmeanlagen ein Problem sein – schließlich handelt es sich um natürliche Monopole, bei denen ein Unternehmen die Leitungsinfrastruktur besitzt.
„Ausbau und Regulierung [der Fernwärme] gehören zusammen und müssen Hand in Hand gehen“, sagte Ramona Pop, Vorsitzende des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, nach dem Fernwärmegipfel.
Die Preisgestaltung bei der Fernwärme leidet unter mangelnder Transparenz, da die Unternehmen oft auf einen unterschiedlichen Brennstoffmix zurückgreifen, der nur schwer zu überblicken ist. Darüber hinaus können die Verbraucher den Anbieter nicht wechseln.
„Wir brauchen eine vernünftige Preiskontrolle, im besten Fall eine systematische bundesweite Preisaufsicht“, so die Verbraucherschützerin weiter.
Schmutzige Wärme
Auch die Fernwärme ist alles andere als ‚sauber‘. Die Wärme, die in die Haushalte transportiert wird, wird derzeit meist durch die Verbrennung von Gas, Kohle, Biomasse oder Hausmüll erzeugt.
Nach Angaben des Betreibers Vattenfall wurden im Jahr 2021 in Berlin 77 Prozent der Fernwärme durch die Verbrennung von fossilem Gas und 14,6 Prozent durch die Verbrennung von Steinkohle erzeugt. Der Rest wurde durch eine Vielzahl anderer Energiequellen abgedeckt.
In Deutschland liegt der Anteil der erneuerbaren Energien an den Wärmenetzen bei nur 20 Prozent und ist damit weit von den 65 Prozent entfernt, die die Regierung für die einzelnen Haushalte anstrebt.
Bis 2030 müssen 50 Prozent der Fernwärme in Deutschland mit erneuerbaren Energien betrieben werden, wobei sich in anderen europäischen Hauptstädten wie Helsinki Großwärmepumpen als Siegertechnologie durchsetzen. Aktivisten befürchten derweil, dass die Netze durch die Verbrennung von Biomasse versorgt werden, was ihrer Meinung nach nicht nachhaltig ist.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald and Frédéric Simon]