Erster Zug zwischen Belgrad und Sarajevo seit 18 Jahren [DE]
Der Zug zwischen Belgrad und Sarajevo kehrte gestern (13. Dezember) auf die Schienen zurück – fast 18 Jahre, nachdem die Balkankriege die Bahnlinie zwischen den beiden Städten des Balkans unterbrach.
Der Zug zwischen Belgrad und Sarajevo kehrte gestern (13. Dezember) auf die Schienen zurück – fast 18 Jahre, nachdem die Balkankriege die Bahnlinie zwischen den beiden Städten des Balkans unterbrach.
Die eleganten Linien, Plüschsitze und freundlichen Mitarbeiter des damaligen Expresszuges zeigten das Jugoslawien der 1980er von seiner besten Seite. Dieses jugoslawische Aushängeschild war ein Hauch von Offenheit, Hedonismus und unbeschwertem Multikulturalismus mitten in der schwerfälligen sozialistischen Tristesse.
Gestern (13. Dezember) jedoch ersetzte ein schmutziger Zug mit drei Waggons die mondänen Züge der goldenen Ära Jugoslawiens, den ‚Olympischen Express’ und den ‚Bosna Express’. 17 Passagiere stiegen in den grauen, trostlos aussehenden Zug ein. Davon wollten nur neun den ganzen Weg nach Sarajevo reisen.
Ein Waggon des ‚neuen’ Express 451 gehört der bosnisch-serbischen Eisenbahn, einer stammt aus Serbien und der dritte wurde von den Eisenbahnbehörden in Sarajevo bereitgestellt.
Die Reise wird wegen der beiden neuen Grenzen zwischen Serbien, Kroatien und Bosnien sowie der durch Krieg, Vernachlässigung und Armut abgenutzten und verfallenen Schienen mehr als acht statt ehemals sechs Stunden dauern.
„Vor dem Krieg kamen viele Belgrader einfach mal so nach Sarajevo. Einige hatten Beziehungen, andere hatten Freunde. Bosnische Männer mochten definitiv Mädchen aus Belgrad“, sagte der aus Sarajevo stammende Boba Lizdek. „Als [Josip] Tito [1980] starb, fuhr jede Schulklasse mit dem Zug, um Titos Grab zu besuchen“, fügte der 43-jährige hinzu.
„Es gab eine besondere Beziehung zwischen Sarajevo und Belgrad – nicht nur wegen derselben Sprache, sondern wegen derselben Mentalität“, sagte Ljilja Kraus, eine Lehrerin in Belgrad.
Belgrad war in jenen Tagen Sitz der Macht, eine energiegeladene Tretmühle aus Politik und Industrie, die die sozialistische Föderation von 24 Millionen Menschen und einem Dutzend ethnischer Gruppen antrieb.
Aber das multi-ethnische Sarajevo war die unbestrittene kulturelle Hauptstadt Jugoslawiens, und ihre osmanische Café-Gesellschaft war eine Fassade für eine subversive Gegenkultur von New-Wave-Musik und unzensierter Kunst.
„Die olympischen Winterspiele 1984 haben Sarajevo ebenfalls verändert. Die Menschen glaubten wirklich an eine übergeordnete jugoslawische Identität, die über den ethnischen Gruppen stand“, sagte Predrag Markovic, Historiker aus Belgrad.
Die jugoslawischen Kriege änderten das physische und emotionale Gewebe beider Hauptstädte auf unwiderrufliche Weise.
Die einst liberale städtische Bevölkerung Belgrads, das inzwischen nur noch serbische Hauptstadt ist, wurde durch den Massenstrom von konservativen ländlichen Flüchtlingen, die aus Kroatien und Bosnien flohen, verdünnt.
Das serbische Widerstreben, sich seiner Verantwortung für diese Kriege zu stellen, hat seinen EU-Beitritt nur langsam anlaufen lassen (siehe EURACTIV LinksDossier).
Die besten und talentiertesten Einwohner Sarajevos fielen Kugeln aus dem Hinterhalt oder der Auswanderung zum Opfer.
‚Ein kleiner Schritt in der Reparatur menschlicher Bindungen’
Bahnmitarbeiter geben zu, dass die Wiederbelebung der Linie eher politische denn wirtschaftliche Notwendigkeit ist.
Die derzeitige öffentliche Verkehrsverbindung zwischen den beiden Städten – ein Bus, der acht Stunden braucht, um sich zu den Klängen wummernden Balkan-Pops durch Hinterorte zu winden – ist nur selten voll.
Der Zug wird einmal täglich fahren – im Vergleich zu drei Zügen täglich vor dem Krieg. Eine Hin- und Rückfahrt wird 31 Euro kosten.
„Ich glaube nicht, dass der Verkehr das Vorkriegsniveau erreichen wird. Bestenfalls wird er vielleicht 50% erreichen“, sagte Namik Hajric, Hauptschaffner der Eisenbahngesellschaft der Bosnischen Föderation.
„Zunächst werden wir zwei Personenwagen und einen Speisewagen haben. Wenn es Bedarf gibt, werden wir später mehr hinzufügen.“
Svetozar Pudaric, ein Funktionär der bosnischen Sozialdemokratischen Partei, der an der Universität in Belgrad studiert hat, sagte, der Zug könnte ein kleiner Schritt sein, um die menschlichen Bindungen zwischen den beiden Nationen zu reparieren.
„Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern werden immer von politischen und wirtschaftlichen Interessen belastet sein, aber die Beziehungen zwischen den Menschen, die fast 70 Jahre lang einen gemeinsamen Lebensraum teilten, werden Bestand haben”, sagte Pudaric.
„Einige Menschen werden den Zug benutzen, weil er billiger ist, andere, weil sie müssen oder weil der Zug bequemer als ein Bus ist. Aber mit Sicherheit werden einige ihn nutzen, weil sie beschlossen haben, ihre Ängste und Vorurteile hinter sich zu lassen.“
(EURACTIV mit Reuters.)