EU-Agrardatenraum: Landwirte nicht ohne Anreize an Bord

Die EU hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen gemeinsamen Datenraum für die Landwirtschaft zu schaffen. Doch der Weg des Agrarsektors zum integrierten Datenraum ist lang und mit Hindernissen gespickt.

EURACTIV.com
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Da die Landwirt:innen nicht gerade begeistert sind, wenn es um die Weitergabe ihrer Daten geht, müssen die EU sowie die Mitgliedstaaten und Regionen noch Vertrauen aufbauen und Überzeugungsarbeit leisten, um sie an Bord des Datenraumschiffs zu holen.

Die EU hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen gemeinsamen Datenraum für die Landwirtschaft zu schaffen, um wichtige Informationen besser austauschen und nutzen zu können. Doch der Weg des Agrarsektors zum integrierten Datenraum ist lang und mit Hindernissen bespickt.

Für die meisten Landwirt:innen ist die Digitalisierung kein fremdes Konzept. In einer aktuellen Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom unter deutschen Landwirt:innen gaben 78 Prozent der Befragten an, dass sie in der Digitalisierung eine Chance sehen, Kosten zu sparen oder die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten.

Genau diese Vorteile hatte die Kommission offenbar auch im Blick, als sie im Rahmen der Anfang 2020 veröffentlichten Europäischen Datenstrategie die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Agrardatenraums vorschlug.

Mit der Strategie hat sich die EU-Exekutive ein ambitioniertes Projekt vorgenommen: Sie will einen Binnenmarkt für Daten schaffen, mit integrierten Datenräumen nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für Gesundheit, Energie, Mobilität und eine Reihe anderer Bereiche.

In der Praxis würde die europäische Agrardatenplattform die Produktionsdaten der Landwirt:innen sowie öffentliche Daten, wie beispielsweise Bodeninformationen, zusammenführen, die dann gemeinsam genutzt, verarbeitet und analysiert werden könnten, so die Kommission.

Auf diese Weise will die EU-Exekutive „neue Möglichkeiten für die Überwachung und Optimierung der Nutzung natürlicher Ressourcen“ erschließen und dazu beitragen, die „wirtschaftliche und ökologische Leistung“ des Agrarsektors zu steigern.

Landwirt:innen zögern

In der Praxis ist der Weg zum funktionierenden EU-Agrardatenraum jedoch noch weit.

Einige Beispiele für landwirtschaftliche Datenräume gibt es bereits, auch in Deutschland, wo eine vom Bundeslandwirtschaftsministerium aufgebaute Plattform Landwirt:innen Zugang zu den Daten der Bundesregierung und ihrer Behörden verschafft.

Die Plattform erlaubt allerdings lediglich einen Datenaustausch mit der Bundesregierung und Behörden. Ein direkter Austausch von den von Bauern und Bäuerinnen gesammelten Daten lässt die Plattform derzeit nicht zu. Genau an diesem Punkt will die EU-Kommission ansetzen.

„Hier gibt es besonderen Handlungsbedarf, denn natürlich ist das zum Beispiel für Landwirte interessant, die benachbarte Flächen bewirtschaften und dann wissen könnten, wie viel Regen auf der anderen Parzelle fällt“, erklärte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder kürzlich auf einer Tagung.

Gleichzeitig ist es aber genau dieser Gedanke der gemeinsamen Nutzung von Betriebsdaten, der viele Landwirt:innen zögern lässt.

„Wenn man mit Landwirt:innen spricht, fragen sie: Was habe ich davon?“, erklärte Aline Blankertz, Co-Vorsitzende der SINE Foundation, einer Nichtregierungsorganisation zur Förderung der Datenzusammenarbeit, gegenüber EURACTIV.

Die Einschätzung der Expertin wird auch durch die Bitkom-Umfrage unter deutschen Landwirt:innen gestützt: Obwohl 56 Prozent fanden, dass der Aufbau einer zentralen Datenplattform für das Management von Betriebsdaten eine politische Priorität sein sollte, erklärten die meisten, dass sie ihre Daten nicht ohne konkrete Vorteile teilen würden.

Technische Hürden

Insgesamt war nur ein Prozent der Befragten bereit, Daten bedingungslos weiterzugeben, 13 Prozent waren dazu überhaupt nicht bereit, und der Rest knüpfte seine Bereitschaft daran, ob sich hieraus ein konkreter Nutzen für den eigenen Betrieb ergäbe.

Laut Blankertz könnte dieser Nutzen langfristiger Natur sein, indem Landwirt:innen von den aggregierten Daten profitieren, die über die Plattform verfügbar wären, viele Erzeuger:innen fordern aber auch unmittelbare finanzielle Vorteile im Gegenzug für ihre Teilnahme.

Außerdem befürchten einige sogar negative Auswirkungen und sind besorgt, dass die Offenlegung von Daten über landwirtschaftliche Betriebe den Regulierungsbehörden helfen könnte, zusätzliche oder strengere Vorschriften einzuführen, so die Expertin.

Die Landwirt:innen an Bord zu holen und für die Preisgabe von Daten Vertrauen zu schaffen, bleibt damit eine zentrale Herausforderung beim Aufbau des EU-Agrardatenraums.

Gleichzeitig sind auch eine Reihe technischer Hürden zu überwinden, viele davon in Bezug auf Standardisierung und Interoperabilität. Was hier genau getan werden muss, hänge jedoch von der Art der Daten ab, die auf der Plattform enthalten sein sollen, erklärte Blankertz.

„Wenn wir zum Beispiel über Ertragsdaten sprechen, handelt es sich um Maschinendaten, sodass wir die Interoperabilität zwischen verschiedenen Landmaschinenherstellern sicherstellen müssen“, sagte sie.

[Bearbeitet von Oliver Noyan]