EU-Aktionsplan für Elektrifizierung: Neue Hoffnung für Europas Energiesektor
Die Elektrifizierungsraten in der EU stagnierten jahrelang. Die Ernennung eines elektrofreundlichen Energiekommissars, mit dem Auftrag zur Erstellung eines „Elektrifizierungsaktionsplans“, gibt dem angeschlagenen Sektor neue Hoffnung.
Die Elektrifizierungsraten in der EU stagnierten jahrelang. Die Ernennung eines elektrofreundlichen Energiekommissars, mit dem Auftrag zur Erstellung eines „Elektrifizierungsaktionsplans“, gibt dem angeschlagenen Sektor neue Hoffnung.
Die Umstellung von Transport, Heizung und industriellen Prozessen von fossilen Brennstoffen auf Strom gilt als entscheidend, sowohl für die Dekarbonisierung der Wirtschaft als auch für die Steigerung ihrer Effizienz. China ist bereits auf dem besten Weg, der erste „Elektrostaat“ der Welt zu werden. Der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch des Landes beträgt voraussichtlich mehr als 30 Prozent.
In Europa hoffen Stromerzeuger, -transporteure und -verbraucher, dass auch für sie die Zeit gekommen ist.
Vor der Bekanntgabe der neuen EU-Kommissare erklärte Walburga Hemetsberger, Geschäftsführerin von SolarPower Europe, gegenüber Euractiv, dass „in den ersten 100 Tagen der neuen Europäischen Kommission ein Elektrifizierungsaktionsplan erforderlich ist“.
„Wir sehen keine andere Möglichkeit, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu unterstützen, als Haushalte und Industrie mit günstiger Energie zu versorgen“, fügte sie hinzu.
Hemetsberger ist auch die derzeitige Vorsitzende der Electrification Alliance, einer Gruppe von zehn Industrieverbänden, die sich mit Elektroautos, Wärmepumpen, Elektrikern und der Kupferindustrie befassen.
Wenige Tage später, am Dienstag (17. September), schien ihr Wunsch, zusammen mit der Ernennung des dänischen Sozialdemokraten Dan Jørgensen zum nächsten EU-Energiekommissar, erhört worden zu sein.
In ihrem Ernennungsschreiben an Jørgensen beauftragte die wiedergewählte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihn mit der Ausarbeitung „eines Elektrifizierungsaktionsplans, um sicherzustellen, dass der industrielle Wandel Europas in Richtung Klimaneutralität durch ein Energiesystem mit heimischem, sauberem Strom angetrieben wird“.
Die Electrification Alliance reagierte mit Begeisterung auf die Nachricht.
Stagnation
In der Vergangenheit hatten Elektrifizierer wenig Grund zur Freude. Die Elektrifizierungsrate in der EU stagnierte in den letzten zwei Jahrzehnten bei etwa 20 Prozent. In den letzten Jahren haben die politischen Entscheidungsträger der Bekämpfung der Energiekrise Vorrang eingeräumt. Dabei lag der Fokus weniger auf der Elektrifizierung und mehr auf alternativen Möglichkeiten zur Dekarbonisierung.
In den politischen Kreisen der EU wurde jahrelang über das Regelwerk der Union für Wasserstoff diskutiert: Definitionen wurden debattiert, es wurde überlegt, wie die Einführung am besten unterstützt werden kann, und es wurde darüber gestritten, was mit den bestehenden Gaspipelines geschehen soll.
„Auf dem Papier hatte die Elektrifizierung immer Vorrang, aber in den letzten fünf Jahren wurde viel Wirbel um Wasserstoff und Moleküle gemacht“, erklärte Hemetsberger.
Jørgensen ist als Befürworter der Energieeffizienz bekannt, was in der Regel gut mit dem Ziel der Elektrifizierung einhergehen sollte.
In einem 2023 erschienenen Gastbeitrag bei Euractiv schrieb er über die Notwendigkeit von „Elektrifizierung und Sektorintegration, um unsere Energie intelligenter zu nutzen und Angebot und Nachfrage aufeinander abzustimmen“.
Nachfrage steigt
Während erneuerbare Energien inzwischen mehr als 50 Prozent des Strommixes in der EU ausmachen, steigt die Gesamtnachfrage nach Strom nur langsam. Der Absatz von Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen ist rückläufig, und energieintensive Industrien erwägen aufgrund niedrigerer Preise erneut die Nutzung von Gas.
Für die Elektrifizierer ist die Nachfrage eines der wichtigsten Themen. „Wenn wir keine zusätzliche Nachfrage durch Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und die Elektrifizierung der Industrie haben, werden wir in Schwierigkeiten geraten“, erklärte Hemetsberger.
„Wir brauchen konzertierte Maßnahmen und mehr als den Netzaktionsplan, um alle Sektoren zu betrachten und den Ball wirklich ins Rollen zu bringen“, fügte sie hinzu.
Oder wie es Chris Heron, der neue Generalsekretär des Verbandes für Elektromobilität, ausdrückte: „Lasst uns die Menschen dazu bringen, Elektrofahrzeuge zu kaufen.“ Er fügte hinzu, dass er sich einheitliche Subventionen von den EU-Staaten wünsche, um den Verkauf zu fördern.
Die Electrification Alliance möchte, dass Brüssel Elektrifizierungsziele für einzelne EU-Staaten festlegt. Zudem solle die Finanzierung der langfristig benötigten Infrastruktur erleichtert werden, die auch als „vorausschauende Investitionen“ bekannt sind. Diese Investitionen sind zwar risikoreicher, helfen aber, sich auf die zukünftige Nachfrage vorzubereiten.
Die Elektrifizierer Europas wollen auch verhindern, dass EU-Gelder an Konkurrenten fließen. In einer Broschüre fordern sie die Europäische Kommission auf, „bei der Zuweisung vorhandener Mittel der direkten und intelligenten Elektrifizierung Vorrang einzuräumen“.
Wie viele ihrer Vorschläge der neue Energiekommissar aufgreifen kann, bleibt abzuwarten.
Zukunftsvision
Die Zukunft der EU scheint weitgehend elektrisch zu sein. Es bleibt jedoch die Frage, wie viel des europäischen Energiebedarfs die Elektrifizierer decken können.
Die Modelle der EU-Kommission vom Februar 2024 sagen voraus, dass der Strom bis 2030 33 Prozent des gesamten Energiemixes der EU ausmachen wird. 2040 werden es 51 Prozent sein und 2050 61 Prozent. Die Solarindustrie, so Hemetsberger, strebt bis 2050 einen Anteil von 70 bis 80 Prozent an.
Unabhängig von der endgültigen Zahl werden die europäischen Bürger in ihrem Alltag immer wieder mit der Elektrifizierung konfrontiert werden. „Wir werden überall Elektrofahrzeuge haben. Wir werden elektrische Heizungen haben, nicht nur in Privathaushalten, sondern auch für industrielle Prozesse“, erklärte Hemetsberger.
[Bearbeitet von Donagh Cagney/Owen Morgan/Kjeld Neubert]