EU-Beitritt der Ukraine: Kaum wirtschaftliche Vorteile für direkte Nachbarn

Eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine würde erhebliche wirtschaftliche Vorteile für Kyjiw mit sich bringen, heißt es in einem neuen Bericht des Polnischen Wirtschaftsinstituts. Für Zentral- und Osteuropa wären die Vorteile jedoch gering.

EURACTIV.com
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Polens Bruttoinlandsprodukt würde unter einem optimistischen „Schnellkonvergenz”-Szenario nur um 0,17 Prozent steigen, heißt es. [Shutterstock/Grand Warszawski]

Eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine würde erhebliche wirtschaftliche Vorteile für Kyjiw mit sich bringen, heißt es in einem neuen Bericht des Polnischen Wirtschaftsinstituts. Für Zentral- und Osteuropa wären die Vorteile jedoch gering.

Polen ist ein starker Befürworter der ukrainischen EU-Mitgliedschaft. Trotz der jüngsten Spannungen um Agrarimporte betrachtet Polen den Beitritt als geopolitische Notwendigkeit, um dem Einfluss Russlands entgegenzuwirken und die regionale Stabilität zu stärken.

Der im Juni veröffentlichte Bericht „Gegenseitiger Nutzen: Wirtschaftliche Folgen der EU-Integration der Ukraine“ des Wirtschaftsinstituts kommt zu zwei Schlussfolgerungen. Die Ukraine würde von einem Beitritt erheblich profitieren, jedoch wären die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die mitteleuropäischen Länder begrenzt. Insbesondere auf Polen, den größten EU-Handelspartner der Ukraine.

Polens Bruttoinlandsprodukt würde unter einem optimistischen „Schnellkonvergenz”-Szenario nur um 0,17 Prozent steigen, heißt es. Litauen und Ungarn würden ähnlich moderate Zuwächse zwischen 0,13 und 0,16 Prozent verzeichnen.

Landwirtschaft und Produktionskraft 

Laut dem polnischen Wirtschaftsinstitut ist Landwirtschaft eine der wichtigsten Herausforderungen für Mitteleuropa. Der Zugang der Ukraine zum EU-Markt – und die national niedrigeren Arbeitskosten – könnten ihre Exporte von Getreide, Vieh und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen ankurbeln und damit möglicherweise den Marktanteil Polens untergraben.

Bereits 2023 und 2024 spiegelten sich diese Bedenken in den Bauernprotesten in Polen, der Slowakei und Ungarn wider. Damals wurden Grenzübergänge blockiert, um gegen den Zustrom billiger ukrainischer Agrarimporte zu protestieren, die die lokalen Preise unterboten.

Obwohl diese Beeinträchtigungen im Bericht als „gering und beherrschbar“ bezeichnet werden, stellen sie dennoch ein Risiko für den polnischen Agrarsektor dar. Bereits jetzt steht dieser durch Inflation und hohe Energiekosten zunehmend unter Druck.

Ähnlicher Wettbewerbsdruck lastet auch auf den Nachbarländern, wobei deren geringere Handelsabhängigkeit die Auswirkungen abmildert.

Außerdem stellt der Bericht fest, dass durch den Zugang zum EU-Markt und den niedrigeren Arbeitskosten das Wirtschaftswachstum der Ukraine angekurbelt könnte. Das wiederum könnte Druck auf die Produktionskapazitäten in den mittel- und osteuropäischen Ländern ausüben, insbesondere in Sektoren wie der Textilindustrie und dem verarbeitenden Gewerbe.

Ein gutes Geschäft

Im Gegensatz zu seinen Nachbarn dürfte die Ukraine erheblich profitieren. Der Bericht prognostiziert für bei einer schnellen Integration einen potenziellen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 26 Prozent, der durch den Zugang zum EU-Markt, Wiederaufbaufonds und Investitionszuflüsse angetrieben würde.

Sektoren wie das Baugewerbe, der Handel und die mit der vertieften und umfassenden Freihandelszone (DCFTA) verbundenen Industrien dürften florieren. Denn ukrainische Unternehmen sind gut positioniert, um in EU-Märkte zu expandieren. Die Freihandelszone ist ein Abkommen der EU mit Partnerländern wie der Ukraine, das Zölle senkt, Vorschriften angleicht und die Handels- und Wirtschaftsintegration verbessert.

Selbst in einem langsameren Szenario profitiert die Ukraine von einem robusten Handels- und Investitionswachstum, sofern sie sich an EU-Standards anpasst und die Mittel effektiv nutzt.

Der Bericht betont, dass die Integration der Ukraine in die EU das Land zu einer regionalen Wirtschaftsmacht machen könnte – eine Entwicklung, die in starkem Kontrast zu den relativ bescheidenen Gewinnen steht, die für die mitteleuropäischen Nachbarländer prognostiziert werden.

(aw)