EU droht US-Ratingagenturen mit Zerschlagung

Europas Politiker und Bürokraten reagieren mit wachsendem Zorn und Verzweiflung auf die Herabstufung von Euro-Krisenländern durch US-Ratingagenturen. Nun hat EU-Justizkommissarin Viviane Reding eine Zerschlagung der Ratingagenturen ins Spiel gebracht.

Die EU-Justizkommissarin Viviane Reding will „das Kartell der drei US-Ratingagenturen zerschlagen“. Foto: EC
Die EU-Justizkommissarin Viviane Reding will "das Kartell der drei US-Ratingagenturen zerschlagen". Foto: EC

Europas Politiker und Bürokraten reagieren mit wachsendem Zorn und Verzweiflung auf die Herabstufung von Euro-Krisenländern durch US-Ratingagenturen. Nun hat EU-Justizkommissarin Viviane Reding eine Zerschlagung der Ratingagenturen ins Spiel gebracht.

"Europa darf sich den Euro nicht von drei US-Privatunternehmen kaputt machen lassen", sagte die EU-Justizkommissarin Viviane Reding der Zeitung "Die Welt" mit Blick auf die drei großen Agenturen Standard & Poors (S&P), Moody’s und Fitch. Es seien mehr Transparenz und Wettbewerb bei der Bewertung von Unternehmen und Staaten nötig.

"Ich sehe zwei mögliche Lösungen: Entweder beschließen die G20-Staaten gemeinsam, das Kartell der drei US-Ratingagenturen zu zerschlagen. Die USA könnten beispielsweise aufgefordert werden, aus den drei Agenturen sechs zu machen. Oder es werden unabhängige europäische und asiatische Ratingagenturen geschaffen", sagte Reding. Es dürfe nicht sein, dass ein Kartell dreier US-Unternehmen über das Schicksal ganzer Volkswirtschaften und ihrer Bürger entscheide.

Herabstufung Portugals

Auslöser der scharfen Drohung ist die jüngste Herabstufung Portugals (EURACTIV.de vom 6. Juli 2011). Die Ratingagentur Moody’s hatte die Kreditwürdigkeit des Landes am Mittwoch vier Stufen auf die Bewertung Ba2 herabgestuft. Der Ausblick sei negativ. Portugal erhält bereits Hilfen der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds (IWF) über 78 Milliarden Euro.

Moody’s hegt nach eigenen Angaben größere Bedenken, dass Portugal nicht in der Lage sein werde, die mit der EU und dem IWF vereinbarten Defizitziele zu erreichen. Zugleich sei das Risiko gestiegen, dass sich das Land im zweiten Halbjahr 2013 und einige Zeit danach nicht zu tragbaren Zinsen Geld leihen könne.

Ein Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn kritisierte die Herabstufung Portugals durch Moody’s ungewöhnlich deutlich. "Das ist eine unglückselige Episode und wirft Fragen über das Verhalten der Ratingagenturen und deren Weitblick auf." Angesichts der zusätzlichen Anstrengungen Portugals sei der Zeitpunkt der Moody’s-Veröffentlichung "außerordentlich unglücklich".

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) äußerte in Berlin Unverständnis über das Urteil der Bonitäts-Prüfer.

Unabhängige europäische Rating-Stiftung?

Auch EU-Kommission und EU-Parlament wollen das Oligopol der drei großen "Notengeber" aufbrechen. Das EU-Parlament hatte dazu bereits Anfang Juni strengere Regeln für Rating-Agenturen gefordert. Unter anderem soll transparenter werden, wie Rating-Agenturen zur Bewertung von Staatsschulden gelangen. In der nicht-bindenden Entschließung fordern die EU-Abgeordneten außerdem die EU-Kommission auf, die Einrichtung einer unabhängigen "Europäischen Rating-Stiftung" zu prüfen, die Bewertungen vornimmt (EURACTIV.de vom 8. Juni 2011). Die EU-Kommission will in den kommenden Wochen neue Vorschriften für die privaten ‚Notengeber‘ vorlegen (EURACTIV.de vom 5. November 2010). Die EU hat Mitte Mai bereits die Tranzparenz-Vorschriften für Rating-Agenturen verschärft.

Große Sorge um Italien

In der EU wächst zudem die Sorge vor einem Übergreifen der Schuldenkrise auf Italien. EU-Ratspräsident Herman van Rompuy hat Agenturberichten zufolge nun ein Krisentreffen einberufen (EURACTIV.de vom 11. Juli 2011).

Schuldenschnitt für Griechenland

Wie "Die Welt" unter Berufung auf EU-Kreise weiter berichtet, wird mittlerweile in der Europäischen Union ein Schuldenschnitt für Griechenland "als extreme Option" nicht mehr ausgeschlossen.

Ein Forderungsverzicht der Gläubiger sei im Umfeld der Euro-Finanzminister in den vergangenen Wochen intern bereits mehrfach beraten worden, schreibt die Zeitung weiter. Ein ranghoher EU-Diplomat sagte dem Blatt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass es spätestens bis Dezember zu einer Umschuldung kommt, ist sehr hoch."

Zahlreiche Ökonomen halten den Schuldenerlass für Athen für alternativlos. "Griechenlands Schulden sind so hoch, dass das Land unter der Zinsbelastung zusammenbricht", erklärte Ferdinand Fichtner, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), vergangene Woche bei der Vorstellung der Sommergrundlinien 2011 in Berlin. "Auch ein weiterer Rettungsschirm kann da keine Abhilfe schaffen." Griechenland brauche einen Schuldenschnitt, nur dann habe es eine Chance auf eine selbstständige Erholung von der Krise.

EURACTIV/rtr/mka/awr

Links

Presse

Die Welt: EU zeigt Härte gegen Griechen aus Sorge um Italien (11. Juli 2011)

Dokumente

EU-Regeln für Rating-Agenturen

EU-Parlament: Entschließung. Credit rating agencies: future perspectives (ECON/7/04338) (8. Juni 2011)

EU: Verordnung (EU) Nr. 513/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. Mai 2011 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1060/2009 über Ratingagenturen (11. Mai 2011)

EU-Kommission: Finanzdienstleistungen: Europäische Kommission leitet Konsultation zum weiteren Vorgehen bei Ratingagenturen ein. Pressemitteilung (5. November 2010)

EU-Kommission: Ergebnisse der Konsultation zum weiteren Vorgehen bei Ratingagenturen (Januar 2011)

EU-Kommission:
Kommission schlägt verbesserte EU-Aufsicht der Ratingagenturen vor und stößt Diskussion über Corporate Governance in Finanzinstituten an. Pressemitteilung (2. Juni 2010)

EU-Kommission: Kommission schlägt verbesserte EU-Aufsicht der Ratingagenturen vor und stößt Diskussion über Corporate Governance in Finanzinstituten an. Video der Pressekonferenz (2. Juni 2010). 

EU-Kommission: Übersicht zu Ratingagenturen

EU-Kommission: Konsultation zur Corporate Governance

Griechenlands Schuldenkrise

DIW: Sommergrundlinien 2011 (6. Juli 2011)

Eurogruppe: Statement by the Eurogroup on Greece (2. Juli 2011)

Eurogruppe: Internetseite

IWF: Achieving Sustainable Economic Reforms in Greece in 2011 and Beyond (7. Juni 2011)

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

DIW fordert Schuldenschnitt in Griechenland (7. Juli 2011)

Griechenlandkrise: Merkel will Rating-Agentur ignorieren (6. Juni 2011)

Showdown in Karlsruhe: Gauweiler vs. Schäuble (5. Juli 2011)

"Souveränität der Griechen wird massiv eingeschränkt" (4. Juli 2011)

Griechenland: Ein Jahr schwerste Krise und Klischees (1. Juli 2011)

Griechenland: Milliardenhilfe für ein zweites "Ja" (30. Juni 2011)

Proteste in Griechenland – Parlament für Sparpläne (29. Juni 2011)

Rehn: "Es gibt keinen Plan B" (28. Juni 2011)

Frankreichs Banken beteiligen sich an Griechenland-Hilfe (27. Juni 2011)

Familienunternehmen zur Euro-Krise: Bundestag muss handeln (27. Juni 2011)

Griechenlands Oppositionsführer bleibt hart (24. Juni 2011)

Grüne zur Krise: "Keine Lebendversuche an Volkswirtschaften"! (24. Juni 2011)

Wirtschaftsregierung: Rehn lockt EU-Parlament mit Eurobonds (23. Juni 2011)

EU-Gipfel berät über Griechenland (23. Juni 2011)

EZB-Stark: "Schuldenerlass wäre Fehler" (23. Juni 2011)

Wirtschaftsweise: Harte Umschuldung unvermeidlich (23. Juni 2011)

Papandreou übersteht Vertrauensabstimmung (22. Juni 2011)

"Euro-Bonds ohne Transferunion" (22. Juni 2011)

Gegenvorschläge zur Rosskur in Griechenland (22. Juni 2011)

ESM-Vertrag: EU einig zum Euro-Rettungsfonds (20. Juni 2011)

Übersicht: Griechenland-Engagement der Banken (20. Juni 2011)

Eurogruppe vertagt Griechenland-Hilfe (20. Juni 2011)

Merkel und Sarkozy dringen auf schnelle Griechenland-Hilfe (17. Juni 2011)

Wie tief stecken die Finanzinstitute drin? (17. Juni 2011)

Griechenland-Hilfe: Juncker drängt Merkel zur Eile (17. Juni 2011)

Griechenland-Hilfe: Deutschland will Zeit gewinnen (16. Juni 2011)

Papandreou kündigt Regierungsumbildung an (16. Juni 2011)

Henkel: "Der Euro war ein Fehler" (15. Juni 2011)

Griechenland-Rettung wird vertagt (15. Juni 2011)

Spöri: Die Rebellion der Jugend in Europa ist berechtigt (14. Juni 2011)

Griechenland: "Wir werden diesen Krieg gewinnen" (14. Juni 2011)

S&P-Rating: Griechenland am Rande der Pleite (14. Juni 2011)

Griechenland: "Privatisierungen in Siegermacht-Manier" (10. Juni 2011)

Neue Griechenland-Hilfe: "Schäubles Trojanisches Pferd" (10. Juni 20119

Regierungsfraktionen stimmen für neue Griechenland-Hilfen (10. Juni 2011)

Jetzt erst recht: Die Vereinigten Staaten von Europa (10. Juni 2011)

Allianz-Chefvolkswirt: "Problem Griechenland ist lösbar" (9. Juni 2011)

Schäuble: Griechenland muss umschulden (8. Juni 2011)

Michelbach (CSU) drängt auf Privatisierungsagentur für Griechenland (6. Juni 2011)

Aufatmen in Athen: IWF zahlt weiter (3. Juni 2011)

EU-Finanzministerium? Berlin ist skeptisch (3. Juni 2011)

Allianz skizziert Rettungsplan für Griechenland (3. Juni 2011)

Eine Treuhand für Griechenland? (19. Mai 2011)

EURACTIV.de-Interviews zur europäischen Schuldenkrise

Fuest zu Europas Schuldenkrise: "Die Lage ist kritisch". Interview mit Clemens Fuest (Oxford) (4. Juni 2011)

Europas Schuldenkrise: "Banken nötigen die Politik" (13. Mai 2011)

Holznagel zur Eurokrise: "Merkel hat Weg zur Haftungsgemeinschaft geebnet" (20. April 2011)

Neumann: "Umschuldung Griechenlands unabdingbar". Interview mit Manfred Neumann (19. April 2011)

"Herr Katainen wird die Euro-Rettung nicht gefährden". Interview mit Risto Tähtinen (18. April 2011)

Europäische Schuldenkrise: "Der Kern des Problems liegt im Bankensektor". Interview mit Kai Konrad (7. April 2011)

"Irland-Hilfe nicht vertretbar".Interview mit Wolfgang Gerke (31. März 2011)

"Der ESM ist nicht alternativlos". Interview mit Andreas Haufler (23. März 2011)