EU rüstet Bevölkerung für Gasnotstand im Winter

Die politischen Entscheidungsträger der Europäischen Union haben damit begonnen, die Öffentlichkeit auf Belagerungsähnliche Zustände in diesem Winter vorzubereiten, falls die Gaslieferungen aus Russland vollständig ausfallen. Damit wollen sie sowohl diplomatische Entschlossenheit signalisieren sowie jegliche Panik im Laufe des Jahres vermeiden.

EURACTIV.com with Reuters
UK household bills set to soar plunging over a million people into poverty
Die öffentliche Planung eines reduzierten Verbrauchs und einer Zwangszuteilung soll Entschlossenheit signalisieren und Russland davon abhalten, eine Belagerung überhaupt zu wagen. [EPA-EFE/ANDY RAIN]

Die politischen Entscheidungsträger der Europäischen Union haben damit begonnen, die Öffentlichkeit auf belagerungsähnliche Zustände in diesem Winter vorzubereiten, falls die Gaslieferungen aus Russland vollständig ausfallen. Damit wollen sie sowohl diplomatische Entschlossenheit signalisieren sowie jegliche Panik im Laufe des Jahres vermeiden.

In den letzten Wochen haben Beamte aus Deutschland und anderen EU-Mitgliedstaaten damit begonnen, offen und eindringlich auf die Notwendigkeit im Hinblick auf die Heizperiode im Winter hinzuweisen, den Gasverbrauch sofort zu reduzieren.

Sie haben zudem eine Reihe von Vorkehrungen getroffen; einschließlich einer Rationierung und Priorisierung unter den industriellen Verbrauchern sowie einer Aufteilung der Gasvorräte unter den Mitgliedstaaten für den Fall, dass nicht genügend Gas für alle zur Verfügung steht.

Als Grund dafür wird angegeben, dass man die Anhäufung von Gasreserven über den Rest des Sommers beschleunigen wolle, um sicherzustellen, dass die europäischen Länder mit maximal gefüllten Speichern den Winter beginnen.

In Wirklichkeit füllen sich die Gasspeicher relativ schnell und weisen bereits jetzt in den meisten Mitgliedstaaten und in der gesamten Region einen höheren Füllstand auf als im langfristigen saisonalen Durchschnitt.

Die Gasreserven in der EU und der UK (EU28) lagen am 24. Juli bei 751 Terawattstunden (TWh), verglichen mit einem zehnjährigen saisonalen Durchschnitt von 698 TWh.

Die Vorräte in der EU28 stiegen in den sieben Tagen bis zum 24. Juli mit einer Rate von 5,11 TWh pro Tag, gegenüber einem Zehnjahresdurchschnitt von 4,61 TWh für die Saison.

In Deutschland, das über die meiste Speicherkapazität verfügt, lagen die Gasreserven mit 161 TWh über dem langfristigen Durchschnitt von 145 TWh und stiegen um 0,6 TWh pro Tag, verglichen mit einem langfristigen Durchschnitt von 0,72 TWh pro Tag.

Bei den derzeitigen Trends ist es wahrscheinlich, dass die Europäische Union im Allgemeinen und insbesondere Deutschland mit überdurchschnittlich hohen Gasvorräten in den Winter gehen werden.

Allerdings wird dies nicht ausreichen, wenn die Pipeline-Lieferungen aus Russland vollständig unterbrochen werden.

Die EU-Speicher sind dafür ausgelegt, saisonale Schwankungen im Verbrauch zu bewältigen, nicht um einer kriegsähnlichen strategischen Blockade standzuhalten.

Die EU-Lagerstätten sind derzeit im Durchschnitt zu 67 Prozent ihrer maximalen Kapazität gefüllt: 67 Prozent in Deutschland, 71 Prozent in Italien und 76 Prozent in Frankreich.

Die derzeitigen Speicher entsprechen jedoch nur 18 Prozent des Jahresverbrauchs in der gesamten Europäischen Union, davon 16 Prozent in Deutschland, 18 Prozent in Italien und 21 Prozent in Frankreich.

Selbst wenn die Gasspeicher zu 90 Prozent oder mehr gefüllt werden können, können die Vorräte nicht für mehr als ein paar Monate unter belagerungsähnlichem Umständen ausreichen, ohne dass sie auf ein kritisch niedriges Niveau sinken oder vollständig erschöpft werden.

Und selbst wenn die Vorräte bis zum Winter 2022/23 ausreichen würden, müssten sie vor dem Winter 2023/24 wieder aufgestockt werden, was sich angesichts einer drohenden vollständigen Gassperre als äußerst schwierig erweisen dürfte.

Deshalb ist der unausgesprochene Grund für das jüngste Gerede über Verbrauchssenkungen und mögliche Gasrationierungen, dass groß angelegte und nachhaltige Nachfragereduzierungen der einzige Weg sind, einer möglichen Gasbelagerung zu trotzen.

Die öffentliche Planung eines reduzierten Verbrauchs und einer Zwangszuteilung soll Entschlossenheit signalisieren und Russland davon abhalten, eine Belagerung überhaupt zu wagen.

Für den Fall, dass es dennoch zu einer Belagerung kommt, soll die öffentliche Meinung für die bevorstehenden Entbehrungen gestärkt werden. Dazu gehören körperliche Beschwerden, erheblich höhere Stromrechnungen und ein starker Konjunkturrückgang.

[Bearbeitet von Georgi Gotev]