EU-Rundblick: Der Weg aus der russischen Energieabhängigkeit Europas
"Morgen werde ich mit Präsident Biden diskutieren, wie die LNG-Lieferungen aus den Vereinigten Staaten an die Europäische Union in den kommenden Monaten priorisiert werden können", sagte von der Leyen am Mittwoch (23. März).
Die Erhöhung der Kapazitäten für Flüssiggaseinfuhren, insbesondere aus den USA, und der Ausbau der Gas- und Stromverbundnetze auf dem Balkan, in der Nordsee, in Italien und später in Nordafrika gehören zu den Optionen, die die EU-Länder derzeit in Betracht ziehen, um sich von den russischen Energielieferungen abzukoppeln.
Zum Thema Flüssigerdgas (LNG) wird die EU Zusicherungen von US-Präsident Joe Biden einholen, der am heute (24. März) in Brüssel gelandet ist, um an den Gipfeltreffen von EU, G7 und NATO teilzunehmen.
„Morgen werde ich mit Präsident Biden diskutieren, wie die LNG-Lieferungen aus den Vereinigten Staaten an die Europäische Union in den kommenden Monaten priorisiert werden können“, sagte die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen am Mittwoch (23. März).
„Wir streben eine Zusage für zusätzliche Lieferungen in den nächsten beiden Wintern an“, sagte sie vor EU-Abgeordneten in Brüssel.
Bei Gas gelten Aserbaidschan, Katar, die USA und die skandinavischen Länder als die wichtigsten Optionen unter den EU-Ländern, während sich viele Länder bei Öl an Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate wenden.
Einige Länder sehen in den erneuerbaren Energien eine wichtige Lösung, aber unmittelbare Pläne für die grüne Energieerzeugung werden im Allgemeinen zurückgestellt. Für Deutschland und Tschechien bleibt die Kohle eine Reserveoption.
Alle Strategien zur Beendigung der Abhängigkeit von russischen Ressourcen werden jedoch Zeit brauchen.
Einige Länder, wie Frankreich, die Slowakei und Tschechien, glauben, dass dieses Ziel bis zum Ende des Jahrzehnts erreicht werden kann. Die einzige Ausnahme ist Italien. Obwohl das Land 40 Prozent seines Gases aus Russland importiert, könnte Italien laut ENI-Chef Claudio Descalzi seine Abhängigkeit von russischem Gas bis 2023 beenden.
Laut dem Entwurf der Beschlussvorlagen für den EU-Gipfel am 24. und 25. März werden die Staats- und Regierungschefs der EU voraussichtlich zusagen, „beim gemeinsamen Kauf von Gas, Flüssiggas und Wasserstoff zusammenzuarbeiten”.
Die Suche nach Alternativen zu Russlands Energielieferungen wird jedoch ein hartes Stück Arbeit sein.
Der Balkan und Südeuropa
Die meisten südeuropäischen Länder versuchen, die Verbindungen mit Nordafrika und den Balkanländern durch neue Gas- und Stromverbindungen zu verbessern.
Für den griechischen Premierminister Kyriakos Mitsotakis hat der Ausbau des Stromverbunds mit Ägypten oberste Priorität. Umweltminister Konstantinos Skrekas erklärte gegenüber der Presse, dass die Verbindung über ein Unterwasserkabel hergestellt werden soll.
„Darüber hinaus wollen wir auch unsere Zusammenarbeit mit den Nachbarländern auf dem Balkan verstärken. Unser Land importiert bereits Energie aus Bulgarien, die zum Teil von dem dortigen Kernkraftwerk erzeugt wird. Unser Ziel ist der Abschluss langfristiger bilateraler Verträge, die eine stabile Energieversorgung zu sehr niedrigen Preisen gewährleisten und zur Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft beitragen werden“, fügte das Ministerium hinzu.
Es gibt Pläne zur Verbesserung des Unterwasser-Gasspeichers in der griechischen Hafenstadt Kavala, und die Regierung plant außerdem den Bau eines zweiten schwimmenden LNG-Terminals in Alexandroupolis.
Bulgarien ist stark von russischer Energie abhängig und importiert zwischen 70 und 90 Prozent seines Gases und 60 Prozent seines Öls aus Moskau. Die Regierung ist jedoch entschlossen, diese Abhängigkeit zu beenden.
Die Regierung will in diesem Jahr keinen neuen Vertrag mit Gazprom unterzeichnen und erwägt, Gas aus Aserbaidschan über Griechenland zu importieren. Die Gaspipeline durch diesen Kanal soll im Herbst dieses Jahres in Betrieb genommen werden. Zusätzliche LNG-Mengen werden aus dem Terminal in Alexandroupolis erwartet, an dem Bulgarien beteiligt ist.
Rumänien ist im Vergleich zu anderen Ländern der Region weniger abhängig von russischem Öl und Gas. Laut Energieminister Virgil Popescu wird das Land voraussichtlich noch in diesem Jahr mit der Förderung von Gas aus dem Schwarzen Meer beginnen, wodurch jährlich etwa eine Milliarde Kubikmeter Gas hinzukommen könnten. Diese und weitere Investitionen hängen jedoch von einer Änderung des Offshore-Gesetzes ab, die rasch verabschiedet werden soll.
Wenige Tage vor Beginn des Konflikts in der Ukraine hatte der rumänische Energieminister Virgil Popescu eine Reihe von Treffen mit Vertretern aus Aserbaidschan, Bulgarien, Katar, Saudi-Arabien und der Türkei, um neue Lieferwege zu besprechen. Rumänische Beamte sprachen auch mit Bulgarien und Griechenland über die Verknüpfung der Netze, so dass aserbaidschanisches Gas durch das europäische Netz fließen kann.
Slowenien erwägt eine Erhöhung der Importe aus Nordafrika über das italienische Pipelinesystem. Die Regierung führt derzeit Gespräche mit Algerien, das bereits ein wichtiger Lieferant für Slowenien ist, um die Lieferungen wieder aufzunehmen. Mit Italien werden die Verfügbarkeit von Pipelines und mögliche Lieferungen über das kroatische LNG-Terminal in Krk diskutiert. Der slowenische Präsident Borut Pahor und Energieminister Jernej Vrtovec haben vor kurzem Katar besucht, um die Gassituation zu besprechen.
Der italienische Außenminister Luigi di Maio hat eine Reise zu Ländern mit entsprechenden Ressourcen begonnen, um nachhaltige Alternativen zu finden. Nach Algerien, Katar, Kongo und Angola kündigte der Minister ein Abkommen mit Mosambik an. Diese Initiativen scheinen jedoch nicht auszureichen, um die russische Gas- und Ölabhängigkeit vollständig zu ersetzen. Rom importiert 90 Prozent seiner jährlichen Gaslieferungen und 45 Prozent davon kommen aus Russland.
Spanien ist von einem möglichen Energieembargo gegen Russland am wenigsten betroffen, da es weniger als 10 Prozent seines Gases von dort bezieht. Der größte Teil des Gases kommt aus Algerien, während Kohle hauptsächlich aus Kolumbien und Indonesien importiert wird.
Das iberische Land hat zusammen mit Griechenland, Italien und Portugal eine Initiative eingeleitet, die darauf abzielt, einen Konsens über die Reform der europäischen Elektrizitätsmärkte zu erzielen, so offizielle Quellen gegenüber EURACTIVs Partner EFE.
Nord- und Mitteleuropa
Das Vereinigte Königreich importiert nur 4 Prozent des russischen Gases. Trotz des Drucks der konservativen Abgeordneten haben die Minister jedoch Fracking zur Gewinnung von Schiefergas als Option ausgeschlossen.
Stattdessen will die Regierung die Investitionen in die Öl- und Gasexploration in der Nordsee erhöhen und den Anteil der erneuerbaren Energien steigern.
Premierminister Boris Johnson wird nach Saudi-Arabien reisen und erwägt einen Besuch in Katar, obwohl die Opposition aus politischen Gründen gegen einen solchen Besuch ist.
Frankreich ist nicht von russischen Ressourcen abhängig: zwischen 20 und 30 Prozent des Gases und 10-20 Prozent des Öls werden aus Russland importiert. Premierminister Jean Castex betonte die Notwendigkeit, die LNG-Importkapazitäten zu erhöhen und erneuerbare Energien zu entwickeln.
Während Deutschland in hohem Maße von russischem Gas abhängig ist, macht es sich keine Sorgen um die Sicherung einer ausreichenden Versorgung mit Öl. Allerdings hat die Bundesrepublik die Kohleverstromung als Backup-Strategie eingeführt.
Der Vizekanzler Robert Habeck besuchte die USA, Norwegen, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate, um sich LNG und so viel Pipelinegas wie möglich zu sichern.
Im vergangenen Jahr gaben die Niederlande 16 Milliarden Euro für russische fossile Brennstoffe aus. Während die Regierung noch über eine langfristige Lösung für den Ausstieg aus dem russischen Gas diskutiert, ergreift sie Maßnahmen zur Erhöhung der LNG-Importkapazität.
Eine Wiedereröffnung des riesigen, aber zur Neige gehenden Gasfeldes in Groningen wurde vorerst ausgeschlossen, obwohl der Druck auf die niederländische Regierung wächst, ihre Entscheidung zu überdenken. Das Land versucht auch, die Investitionen und Bemühungen um nachhaltige Energie zu beschleunigen.
Finnland verfügt über die Balticconnector-Pipeline als Alternative. Der Großteil seiner Energielieferungen kommt jedoch derzeit aus Russland.
In Polen äußert sich PKN Orlen (das wichtigste staatliche polnische Erdölunternehmen) nicht ausdrücklich zu künftigen Verträgen für russisches Öl. Das Unternehmen gibt an, dass der Ölhafen in Gdańsk ausreicht, um die Versorgung im Falle eines Embargos sicherzustellen. Es ist jedoch noch nicht klar, woher genau Polen Öl importieren würde, da es im Land keine Raffinerien gibt. Bei Gas wartet das Land auf die Inbetriebnahme von Baltic Pipe, um skandinavisches Gas zu importieren.
Die Slowakei ist fast vollständig von russischem Gas (85 Prozent) und von Ölimporten abhängig, hat aber die Absicht, diese Abhängigkeit immer mehr zu verringern.
Die slowakische Regierung ist auf LNG-Importe aus dem Terminal auf Krk in Kroatien angewiesen, dessen Gas aus den USA kommen soll. Das Land verfügt über eine relativ große Gasspeicherkapazität, und die Regierung plant, die Speicher vor dem nächsten Winter zu füllen.
Nach Ansicht des Oppositionsführers Robert Fico würde ein möglicher Stopp der russischen Lieferungen einen Anstieg der Energiepreise und den Verlust eines erheblichen Teils der staatlichen Einnahmen aus dem Transitgeschäft bedeuten.
„Für die USA ist die Unterbrechung der Gas- und Öllieferungen aus Russland nach Europa ein Gewinn an allen Fronten. Für Europa und insbesondere für die abhängige Slowakei ist es eine reine Katastrophe. Ein starker Anstieg der Preise für alles, ein Rückgang der Wirtschaftsleistung, eine Senkung des Lebensstandards“, fügte er hinzu.
Nach Ausbruch des Krieges versicherte das Wirtschaftsministerium zunächst, dass die Slowakei selbst dann, wenn ihr die strategischen Erdölreserven ausgehen sollten (derzeit für vier Monate), immer noch in der Lage sein sollte, diese über die Adria-Ölpipeline zu beziehen. Diese Pipeline kann vom kroatischen Hafen Omisalj aus befüllt werden. Allerdings gäbe es noch technische Probleme bei der Synthese des raffinierten Produkts.
Die tschechische Regierung hat bisher noch keine alternativen Importe oder Pläne bestätigt, allerdings sind Gasimporte aus Norwegen im Gespräch. Die tschechische Parlamentspräsidentin Markéta Pekarová Adamová besuchte am Montag (21. März) ihren Amtskollegen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saqr Ghobash. Nach Angaben von Pekarová war die Energiesicherheit eines der Themen.
Allerdings ist die tschechische Wirtschaft immer noch stark von der Kohle abhängig. Es wird erwartet, dass aufgrund der Energiekrise der geplante Kohleausstieg verschoben wird. Außerdem will das Land bis 2036 ein neues Atomkraftwerk bauen.
(Nikolaus J. Kurmayer | EURACTIV.de) (Sofia Stuart Leeson | EURACTIV.com) (Benjamin Fox | EURACTIV.com) (Pekka Vänttinen | EURACTIV.com) (Simona Zecchi | EURACTIV.it) (Fernando. Heller | EuroEFE.EURACTIV.es) (Bartosz Sieniawski | EURACTIV.pl) (Aneta Zachová | EURACTIV.cz) (Krassen Nikolov | EURACTIV.bg) (Bogdan Neagu | EURACTIV.ro) (Georgia Karagianni | EURACTIV.gr) (Nelly Moussu | EURACTIV.fr) (Irena Jenčová | EURACTIV.sk) (Sebastijan R. Maček | sta.si)