„Europa ohne Istanbul unvorstellbar“

Die Ernennung Istanbuls zur Europäischen Kulturhauptstadt biete eine große Chance für ein besseres gegenseitiges Verständnis zwischen Europa und der Türkei. Das sagte Egemen Ba???, Chefunterhändler der Türkei bei den EU-Beitrittsverhandlungen, vor dem Europäischen Parlament. Die konservative EVP-Fraktion ignorierte die Präsentation weitgehend.

Istanbul, der Osten des Westens, hat sich als Kulturhauptstadt herausgeputzt (Foto: dpa)
Istanbul, der Osten des Westens, hat sich als Kulturhauptstadt herausgeputzt (Foto: dpa)

Die Ernennung Istanbuls zur Europäischen Kulturhauptstadt biete eine große Chance für ein besseres gegenseitiges Verständnis zwischen Europa und der Türkei. Das sagte Egemen Ba???, Chefunterhändler der Türkei bei den EU-Beitrittsverhandlungen, vor dem Europäischen Parlament. Die konservative EVP-Fraktion ignorierte die Präsentation weitgehend.

Ba???, der neben seiner Funktion als Chefunterhändler der Türkei bei den EU-Beitrittsverhandlungen auch Parlamentsabgeordneter für Istanbul ist und für die Stadt als Europäische Kulturhauptstadt 2010 wirbt, sagte den Europaabgeordneten am 2. Februar, dass er sich ein Europa ohne Istanbul – dieser Metropole, die einst Hauptstadt des Römischen und des Byzantinischen Reichs gewesen sei – nicht vorstellen könne.

Nachdem er auf die Faszination über das einzigartige geschichtliche Erbe der Stadt, die einst als Konstantinopel bekannt war, eingegangen war, wandte sich Ba??? schnell den Argumenten zu, warum es im Interesse der EU liege, sein Land mit einer Bevölkerung von 72 Millionen Menschen beitreten zu lassen.

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"Europa ist das Problem, Türkei ist die Lösung"

"Europa ist das Problem, die Türkei ist die Lösung", sagte Ba???. Die alternden europäischen Gesellschaften könnten vom Beitritt eines Landes profitieren, in dem das Durchschnittsalter bei 28 liege, im Vergleich zu einem Durchschnittsalter von 42 in der Europäischen Union.

"Wir haben die vierthöchste Zahl von Arbeitskräften […] Der berühmte französische Autoproduzent Renault schrieb 2008 in jedem Werk Verluste, außer in den Werken in Rumänien und der Türkei", sagte Ba??? weiter.

Standort Ihm zufolge habe eine breite Debatte über den Standort des neuen Renault-Werks stattgefunden – in Frankreich oder im türkischen Ort Bursa. "Natürlich sagten die Entscheidungsträger von Renault: Wenn wir nicht in der Türkei bauen, werden wir Geld verlieren", so Ba???.

Vorurteile wegen Terrorismus und Extremismus

Der türkische Minister schien anhaltende Zweifel ausräumen zu wollen, dass ein großes muslimisches Land Terrorismus und Extremismus nach Europa importieren werde.

"Die Jugendlichen, die in Frankreich Autos umkippen und anzünden, stammen nicht aus Marokko oder Algiers. Sie wurden in Paris geboren. Die Terroristen, die London angegriffen haben, stammten nicht aus Pakistan. Sie wurden in London geboren. Sie wurden in Großbritannien ausgebildet und entschieden sich dafür, Terroristen zu werden", argumentierte er.

Hüsamettin Kavi, Beiratsvorsitzender von Istanbul 2010, sagte, die Ernennung zur Kulturhauptstadt habe seit der Vergabe des Titels 2008 zur Entwicklung einer zivilen Plattform beigetragen und der kulturellen Entwicklung der Türkei einen einmaligen Aufschwung verliehen.

Im Osten des Westens und im Westen des Ostens

"Wir halten Istanbul für die inspirierendste Stadt der Welt", sagte er. Das ehemalige Konstantinopel liege im Osten des Westens und im Westen des Ostens.

Berel Madra, Istanbul-2010-Direktor für bildende Kunst, sprach von den "nachhaltigen Auswirkungen", welche die Kulturhauptstadt mit sich bringe. Er gehe davon aus, dass die Vorteile für die größte Stadt des Landes lange über das derzeitige Jahr hinaus anhielten. Beispielsweise rechne er damit, dass die Zahl der ausländischen Touristen in Istanbul von derzeit sieben Millionen jährlich auf zehn Millionen im Jahr 2010 ansteigen werde.

EVP glänzte durch Abwesenheit

Von EURACTIV gefragt, warum die Auftaktveranstaltung von Istanbul 2010 im Europäischen Parlament vor allem von Abgeordneten der Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen besucht wurde und die konservative EVP-Fraktion größtenteils fehlte, verwies Cengiz Aktar (bei Istanbul 2010 für internationale Beziehungen zuständig) auf die starke Unterstützung durch die niederländische EVP-Abgeordnete Ria Oomen-Ruitjen.

Aktar räumte jedoch ein, dass die EVP-Fraktion in der Frage eines türkischen EU-Beitritts gespalten sei.

Türkische Journalisten, die bei der Veranstaltung zugegen waren, äußerten den Eindruck, dass die Zahl der türkischen Vertreter, die für den Anlass nach Brüssel gereist waren, die Zahl der anwesenden Europaabgeordneten deutlich überstieg.

Positionen

Angesichts der oft schwierigen Beziehungen zwischen Athen und Ankara überraschte die griechische Europaabgeordnete Niki Tzavela von der FraktionEuropa der Freiheit und der Demokratie‚ die Anwesenden mit der Behauptung, sie müsse mindestens alle sechs Monate nach Istanbul reisen, das sie als "Königin der Städte, die Stadt der Städte" bezeichnete. Sie ermutigte das internationale Publikum herzlich dazu, nach Istanbul zu reisen und die Stadt selbst zu entdecken.

Professor Nilüfer Göle, Soziologieprofessorin an der École des hautes études en sciences sociales in Paris, forderte das Publikum mit ihrer Frage heraus, ob die Wahl Istanbuls als Europäische Kulturhauptstadt wirklich so ’selbstverständlich‘ sei, wie es viele Redner behaupteten.

Kultur sei auch etwas, das Menschen voneinander trenne, argumentierte sie und wies auf die Bedenken gegen die türkische EU-Mitgliedschaft aufgrund "kultureller Unterschiede" und sogar "zivilisatorischer" Unterschiede hin.

"Wir können die Entscheidung zur Verleihung dieses Titels an Istanbul entweder als Ironie betrachten oder als Zeichen dafür, dass Europa einen neuen Weg beschreitet", argumentierte sie.

Hintergrund

Der Titel "Europäische Kulturhauptstadt" wurde von der EU im Jahr 1985 geschaffen. Die Städte werden von einer internationalen Expertengruppe aus dreizehn Mitgliedern gekürt, sechs aus dem betroffenen Land und sieben aus den EU-Institutionen. Obwohl die endgültige Entscheidung beim Rat liegt, ist die Annahme durch eine Entscheidung der Expertengruppe eine reine Formsache.

Die Kandidaten müssen drei Hauptkriterien erfüllen: eine wahrhaft europäische Dimension integrieren, die Zusammenarbeit zwischen EU-Staaten mit Hilfe der Öffentlichkeit verbessern sowie die Rolle der Stadt bei der Herausbildung und Entwicklung von Kultur in Europa unterstreichen. 

Erfolgreiche Kandidaten müssen zudem ein Programm mit nachhaltigen Auswirkungen entwickeln, das zur langfristigen kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der jeweiligen Stadt beiträgt.

Die nächsten Kulturhauptstädte sind: 

§  2011: Turku (Finnland) und Tallinn (Estland) 

§  2012: Guimarães (Portugal) und Maribor (Slowenien)

§  2013: Marseille (Frankreich) und Košice (Slowakei)

§  2014: Umeå (Schweden) und Riga (Lettland)

Istanbul ist nicht die erste Stadt außerhalb der EU, die zur Europäischen Kulturhauptstadt gewählt wurde. Sowohl Bergen und Stavanger in Norwegen als auch Reykjavik in Island haben den Titel in der Vergangenheit erhalten. Jedoch wurde die Möglichkeit einer Bewerbung von Städten, die nicht der EU angehören, vor kurzem abgeschafft.

Istanbul setzte sich bei der diesjährigen Auszeichnung gegen die Hauptstadt der Ukraine, Kiew, durch.

EURACTIV.com (Brüssel)