Europas Erneuerbare: "Standortoptimierung wäre verfrüht"
Würden Sonnen- und Windenergie an den optimalen Standorten in Europa gewonnen, ließen sich laut einer McKinsey-Studie Billionen Euro sparen. Umweltrat-Generalsekretär Christian Hey hält eine europäische Standortoptimierung für Erneuerbare allerdings für verfrüht. Im EURACTIV.de-Interview erklärt Hey mögliche Nachteile einer einheitlichen Förderungspraxis in der EU und verteidigt das deutsche Modell. In einem Punkt gibt Hey den Kritikern Recht: "Die Photovoltaik ist sicher überfördert worden."
Würden Sonnen- und Windenergie an den optimalen Standorten in Europa gewonnen, ließen sich laut einer McKinsey-Studie Billionen Euro sparen. Umweltrat-Generalsekretär Christian Hey hält eine europäische Standortoptimierung für Erneuerbare allerdings für verfrüht. Im EURACTIV.de-Interview erklärt Hey mögliche Nachteile einer einheitlichen Förderungspraxis in der EU und verteidigt das deutsche Modell. In einem Punkt gibt Hey den Kritikern Recht: „Die Photovoltaik ist sicher überfördert worden.“
ZUR PERSON
Christian Hey ist Generalsekretär des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU), einem wissenschaftlichen Beratungsgremium der Bundesregierung. Außerdem leitet Hey die Energie-Arbeitsgruppe des europäischen Netzwerks der Umwelt- und Nachhaltigkeitsräte (EEAC). Der SRU hat der Bundesregierung im Mai eine Studie zur Energiepolitik vorgelegt. Die Botschaft: Deutschland kann bis 2050 komplett auf erneuerbare Energien umsteigen (EURACTIV.de vom 5. Mai 2010).
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EURACTIV.de: Die Unternehmensberatung McKinsey kam jüngst in einer Studie zu dem Schluss, dass nationale Alleingänge beim Umstieg auf Ökostrom zur Kostenexplosion führen. Europäisch koordiniert könnten bis zu 2 Billionen Euro eingespart werden, rechnet die Studie vor (Handelsblatt vom 16. September 2010). Im optimalen Szenario würde Solarstrom im sonnenreichen Südeuropa gewonnen, Windstrom in den Küstenregionen. Teilen Sie die McKinsey-Kritik?
HEY: Langfristig mag eine behutsame Standortoptimierung in einer auf erneuerbare Energien setzenden EU ökonomisch sinnvoll sein, aktuell ist der Ruf nach Standortoptimierung jedoch verfrüht. Noch befinden sich die erneuerbaren Energien auf einer steilen Lernkostenkurve: Die Kosten sinken, wenn der Markt an erneuerbaren Energien zunimmt. Das ökonomische Standortoptimum in einigen Jahrzehnten ist ein gänzlich anderes als heute.
Wer zu früh auf Standortoptimierung setzt, würgt Entwicklungen und Lernprozesse zu früh ab. Deutschland hat mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im letzten Jahrzehnt viel zur Kostensenkung und damit zum globalen Wachstum der erneuerbaren Energien beigetragen, dies im Übrigen auch bei Technologien, bei denen es keine natürlichen Standortvorteile hat.
Auch wenn an der einen oder anderen Stelle aus Kostengründen erhebliche Korrekturen nötig sind, sollte man nicht vergessen, dass lokale Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten viel zur Akzeptanz von erneuerbaren Energien und vor allem auch der notwendigen Netzinvestitionen beitragen. Der Ruf nach Standortoptimierung führt zu Standortkonzentration und risikiert eine für die politische Akzeptanz der erneuerbaren Energien kritische Überzentralisierung.
Zum Thema "Alleingang": Es geht immer um kalkulierte Vorreiterrollen, nicht um Alleingänge. Die Zuspitzung von McKinsey scheint daher den Sachverhalt nicht zu treffen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist ein europaweiter Trend: in den letzen Jahren basieren über 60 Prozent aller neu hinzugekommenen Kraftwerkskapazitäten auf erneuerbaren Energien. Ein Anteil an der europäischen Stromversorgung von 30 bis 40 Prozent bis 2020 – auch als Folge der Erneuerbare-Energien-Richtlinie ist durchaus plausibel. Wer diesem Trend vorauseilt, ist auch ökonomisch auf der Gewinnerseite.
Gleiches gilt grundsätzlich für den Klimaschutz: Wer kurzfristig in Kraftwerke investiert, die langfristig wegen stark steigender Zertifikatspreise unrentabel werden, riskiert erhebliche Kapitalvernichtung. Politik hat daher die Verantwortung, langfristige Perspektiven und Orientierungssicherheit zu schaffen.
Europäisches EEG? Das Dilemma der Vergütungen
EURACTIV.de: Eine EU-Harmonisierung bei der Ökostrom-Förderung würde zur Standort-Optimierung beitragen. Sollte es ein europäisches einheitliches Einspeisevergütungssystem nach Vorbild des deutschen EEG geben?
HEY: Der praktische Mehrwert eines europäischen Einspeisevergütungssystems wäre fraglich. 21 EU Staaten haben in der einen oder anderen Form bereits Einspeisevergütungen eingeführt. Die vorhandenen Systeme zu harmonisieren, wäre sehr zeitaufwändig und konfliktintensiv. Hinzu kommt: Die Standortbedingungen und die Ausgangsbedingungen sind zwischen den Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich. Ein niedriger europäischer Fördersatz auf dem Niveau der günstigsten Standorte würde das Wachstum insgesamt ausbremsen, ein hoher harmonisierter Fördersatz wäre mit erheblichen Renten in den Gunstregionen verbunden.
Demgegenüber ist mit der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie eine vernünftige Mittellinie gefunden worden, die faktisch zu einer Konvergenz der Förderpolitik führt. Alle Mitgliedsstaaten müssen erhebliche Anstrengungen zum Ausbau unternehmen, um die vorgegebenen Ziele erreichen zu können. Die Ausbauziele sind diesmal rechtsverbindlich, ihre Einhaltung wird von der Europäischen Kommission genaustens verfolgt. Gleichzeitig haben die Mitgliedsstaaten Gestaltungsfreiheiten bei der Ausgestaltung und der Weiterentwicklung des Förderinstrumentariums.
Quoten wären teurer als die Einspeisevergütung
EURACTIV.de: Nach dem britischen Förderungsmodell werden Zielquoten für den Anteil der Erneuerbaren festgesetzt. Energieversorger müssen einen bestimmten Anteil ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen beziehen oder die entsprechenden Zertifikate erwerben. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) hat errechnet, Steuerzahler und Verbraucher könnten bis 2020 mehr als 100 Milliarden Euro sparen, sollte die EU auf ein einheitliches technologieneutrales Quotenmodell umsteigen (EURACTIV.de vom 23. April 2010). Wäre das sinnvoll?
HEY: Großbritannien kehrt selbst von seinem Quotenmodell ab, weil es nicht die erhofften Erfolge gebracht hat. Großbritannien setzt nun ergänzend auf Ausschreibungen für die Off-Shore-Windenergie und auf die Einspeisevergütung für On-Shore Wind. Das Problem des Quotenmodells ist die unsichere Erlössituation. Hohe Investitionsrisiken führen aber zu sehr hohen Risikoprämien bei der Kreditvergabe und machen das Modell wesentlich teurer als die Einspeisevergütung.
Das Quotenmodell wird seit über einem Jahrzehnt von den großen Energieversorgern hochgehalten, insbesondere, um das Wachstum der erneuerbaren Energien besser kontrollieren und deckeln zu können. Der Systemkonflikt zwischen einem relativ unflexiblen grundlastorientierten Energiesystem und dem erheblichen Flexibilisierungsbedarf eines auf erneuerbaren Energien aufbauenden Systems ist ja auch den großen Energieversorgern bekannt. Ab einem bestimmten Anteil von Erneuerbaren wird der Betrieb großer Grundlastkraftwerke wegen der stark sinkenden Kapazitätsauslastung nicht mehr rentabel. Deshalb wollen sie das Wachstum der erneuerbaren Energien deckeln.
Klimaschutz – Verschläft die EU das kommende Jahrzent?
EURACTIV.de: Die Bundesregierung widmet der europäischen Dimension in ihrem Energiekonzept 2050 ein eigenes Kapitel. Prinzipiell heißt es mit Blick auf die europäische Regelung zur Förderung erneuerbarer Energien, man werde prüfen, "inwieweit sich die Fördersysteme der Mitgliedstaaten weiter koordinieren und harmonisieren lassen" (EURACTIV.de vom 6.September 2010). Reicht dieser Anspruch aus oder hätten Sie sich mehr Engagement für eine europäische Lösung der Energiefrage gewünscht?
HEY: Die Bundesregierung erwähnt hinsichtlich der europäischen Dimension die wesentlichen Aufgaben: die "Planung eines europäischen Netzverbundes", die Verkoppelung des eigenen Zielnetzes 2050 mit dem europäischen Verbundnetz, Gespräche mit Norwegen und den Alpenländern zur Schaffung und Nutzung von Speicherkapazitäten, die Unterstützung der EU-Maßnahmen zur Energieeffizienz oder die Nutzung der Instrumente grenzüberschreitender Kooperation, die die Erneuerbare Energien-Richtlinie ermöglicht.
Lediglich in der Frage des Emissionshandels wäre das klare Bekenntnis nötig gewesen, dass zur Flankierung der nationalen Klimaziele ein europäisches Klimaschutzziel von 30 Prozent bis 2020 dringend notwendig ist. Andernfalls wird die EU das nächste Jahrzehnt klimapolitisch weitgehend verschlafen, und das kann nicht im Interesse des nationalen Energiekonzeptes sein.
Netzausbau: Investitionen brauchen Sicherheit
EURACTIV.de: Welche Schritte wären auf EU-Ebene notwendig, um die Ökostrom-Zukunft gemeinsam zu gestalten? Welche Rolle kann hier EU-Energiekommissar Günther Oettinger spielen?
HEY: Es gibt mittlerweile viele Studien, die aufzeigen, dass auch die EU eine regenerative Vollversorgung bis 2050 erreichen kann. Die große Herausforderung hierbei ist es, den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien vorhersehbar und dynamisch über 2020 hinaus zu stabilisieren und eng mit dem Netzausbau zu koordinieren.
Der Netzausbau und vor allem der Bau von hochleistungsfähigen Fernverbindungen wird zum kritischen Engpassfaktor für das Wachstum der erneuerbaren Energien. Er erfolgt aber nur, wenn auch mittelfristige Planungssicherheit für den Ausbau der erneuerbaren Energien besteht. Diese Koordination kann nicht ganz den Märkten überlassen werden. Die europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) zum Beispiel haben in ihrem Pilot-10-Jahres-Plan die nationalen Aktionsprogramme für die erneuerbaren Energien noch nicht angemessen berücksichtigen können.
Zu der notwendigen Verzahnung gehört als erster Schritt ein möglichst klares Bekenntnis für ein Ausbauziel für das Jahr 2030, eine Road Map für die erneuerbaren Energien. Bei Fortsetzung der aktuellen Entwicklungsdynamik sind Anteile von signifikant über 50 Prozent am Strommarkt bis 2030 erreichbar. In der übernächsten Dekade wird sich zeigen, ob dieser Siegeszug der erneuerbaren Energien anhält oder gestoppt wird. Dafür werden in den nächsten Monaten wichtige Weichen gestellt. Die geplante Infrastrukturinitiative der Europäischen Kommission muss solche Trends antizipieren: Infrastrukturen werden für viele Jahrzehnte in der Zukunft gebaut.
"Die Diskreditierung Deutschlands ist nicht hilfreich"
EURACTIV.de: Eine Orientierung an geographischen Potenzialen bei der Förderung erneuerbarer Energien würde die deutsche Ökostrombranche vor Probleme stellen. Sie müsste fürchten, dass Solarstrom künftig in Südeuropa gewonnen wird, Windstrom vor allem in Nordeuropa und Biomasse in Osteuropa. Muss man sich eingestehen, dass Deutschland kein optimaler Produktionsstandort für die Erneuerbaren ist, und der Subventionierung hierzulande Einhalt gebieten?
HEY: Eine Fundamentalkritik am EEG oder die Diskreditierung Deutschlands als Ungunststandort ist nicht hilfreich, um die Ziele der Bundesregierung für den Ausbau der erneuerbaren Energien zu erreichen, geschweige denn die mögliche Vollversorgung. In den Szenarien für den Umweltrat (SRU) lassen sich bis 2050 für einige erneuerbare Energien, zum Beispiel die Windenergie, wettbewerbsfähige Kostenniveaus erreichen. Sonne und Biomasse werden höchstwahrscheinlich auch eine Rolle bei einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien haben, auch wenn diese aus Kostengründen nicht so dominant sein sollte, wie es sich manche Branchenvertreter vorstellen. Aus diesem Grunde ist auch eine Förderung für Photovoltaik und Biomasse, wenn auch eine deutlich modifizierte, sinnvoll.
Die Photovoltaik ist überfördert worden
EURACTIV.de: Speziell die deutsche Photovoltaik-Branche steht vermehrt in der Kritik. Die Technologie wird über das EEG massiv subventioniert, kann aber auf absehbare Zeit mit den niedrigen Produktionskosten der Windenergie nicht mithalten. Auch das industriepolitische Argument, das EEG garantiere Deutschland im Solarsektor die Technologieführerschaft, scheint nicht mehr zu ziehen. Asiatische Hersteller dominieren zusehends den Weltmarkt, deutsche Anbieter verlagern ihre Arbeitsplätze ins Ausland. Muss die Photovoltaik-Förderung zurückgefahren werden?
HEY: Die Photovoltaik ist in den letzten Jahren sicher überfördert worden, und man muss genau Acht geben, dass ihr sehr dynamisches Wachstum in Deutschland nicht zu einem überteuerten Mix an erneuerbaren Energien führt.
Es war daher grundsätzlich richtig, die Förderung zurückzufahren und den Ausbau zu deckeln. Der zukünftige Mix an erneuerbaren Energien muss sicher auch kostensensibler als bisher angegangen werden. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass die erneuerbaren Energien mittelfristig ihren potenziellen Wettbewerbsvorteil gegenüber den konventionellen Energien ausspielen können.
Links
Presse
Handelsblatt: EU-Energiepolitik: Nationale Alleingänge verschleudern Milliarden (16. September 2010)
FTD: EU will Ökostrom regulieren (6. August 2010)
Mehr zum Thema
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EURACTIV.de: Wie europäisch ist das Energiekonzept 2050? (6. September 2010)
EURACTIV.de: Fischer: "Europäisches EEG ist unrealistisch" (10. August 2010)
EURACTIV.de: Oettinger drängt auf europäische Ökostromförderung (6. August 2010)
EURACTIV.de: Oettinger: "Wir brauchen ein europäisches EEG" (9. Juli 2010)
EURACTIV.de: Experten für "vollständig integrierte Energiepolitik" (23. April 2010)
In der Reihe "EU Quo Vadis – Standpunkte zur Energiepolitik" sind auf EURACTIV.de erschienen:
Christian Hey: Europas Weg zu 100 Prozent Ökostrom (11. März 2010)
Manuel Sarrazin: Autonomie oder Verflechtung? (10. März 2010)
Rebecca Harms: Kein Platz für Kohle und Atom (10. März 2010)
Lutz Mez: Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
Michaele Schreyer: Weg zur EU-Energiewende (8. März 2010)
Reinhard Loske: "Den Konsumismus überlisten" (8. März 2010)
Fritz Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution" (1. März 2010)
Hans-Josef Fell: "Weitgehendes Versagen der EU-Energiepolitik" (1. März 2010)
Hinweis: Mehr zur zukünftigen EU-Energiepolitik finden Sie im EURACTIV.de YellowPaper. Die Sonderpublikation versammelt Analysen, Visionen, Ideen und Forderungen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
Wichtige Dokumente und Internetseiten
EU-Kommission: Die Europäische Energiestrategie 2011 bis 2020. Rede von Energiekommissar Günther Oettinger (30. Juni 2010)
EU-Kommission: Speech at the Presentation of Greenpeace/DLR – Study "Energy [R]evolution" on the future of European energy use (8. Juli 2010)
EU-Kommission: Transparenzplattform zu den Nationalen Energieaktionsplänen
EU: Richtlinie 2009/28/EG zur Förderung Erneuerbarer Energien
Energiewirtschaftliches Institut Köln (EWI): European RES-E Policy Analysis. A model based analysis of RES-E deployment on the conventional power market (26. April 2010)
Bundesregierung: Energiekonzept. Neun Punkte für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung (6. September 2010)
Bundesregierung: Energieszenarien für ein Energiekonzept der Bundesregierung (August 2010)