Europas Forscher brauchen Risikokapital

Europa veröffentlicht mehr Forschungsarbeiten als die USA oder Japan, benötigt jedoch einen Zustrom von Risikokapital, um Erfindungen kommerziell erfolgreich zu machen, so die EU-Kommissarin für Forschung, Innovation und Wissenschaft, Máire Geoghegan-Quinn.

Keine „Heuschrecken“, sondern echte Risikokapitalgeber könnten Wirtschaft und Wissenschaft voranbringen (Foto: dpa)
Keine "Heuschrecken", sondern echte Risikokapitalgeber könnten Wirtschaft und Wissenschaft voranbringen (Foto: dpa)

Europa veröffentlicht mehr Forschungsarbeiten als die USA oder Japan, benötigt jedoch einen Zustrom von Risikokapital, um Erfindungen kommerziell erfolgreich zu machen, so die EU-Kommissarin für Forschung, Innovation und Wissenschaft, Máire Geoghegan-Quinn.

Als Beispiel nannte Geoghegan-Quinn den MP3-Standard für die Komprimierung von Audiodateien, der zwar in Europa erfunden, jedoch in den USA kommerzialisiert wurde.

"Dies muss sich ändern. Wenn wir einen großen und harmonisierten Binnenmarkt für Dienstleistungen zusammen mit einem europäischen Markt für Risikokapital bieten könnten – was könnten wir dann nicht alles erreichen!", sagte sie in der Vertretung der amerikanischen Handelskammer (American Chamber of Commerce) in Brüssel.

Damit trägt die Kommissarin zu bestehenden Forderungen nach einer Verbindung von öffentlichen und privaten Risikokapitalfonds bei, um europäische Innovationen in einer gemeinsamen Anstrengung zu stärken.

Treffen von Investoren und Politikern

Am 2. März werden Privatinvestoren und hochkarätige Politiker in Brüssel zusammentreffen und besprechen, wie langfristige Risikokapitalinvestitionen in der EU gestärkt werden können. Jedoch bleibt Europa aufgrund eines erhöhten Risikobewusstseins und begrenzter Erfahrungen bei der Fondsverwaltung ein hartes Pflaster für innovative Unternehmen, die sich Finanzierung beschaffen wollen.

Die Veranstaltung am 2. März, zu der die Private Equity and Venture Capital Association (EVCA) geladen hat, findet einen Tag statt, bevor die EU-Kommissare bei einem Treffen am 3. März im Rahmen der "Europa 2020"-Strategie über Innovation sprechen werden.

Risikokapitalgeber setzen sich für eine Reihe privat verwalteter Dachfonds ein, die ihren Vorstellungen zufolge über genügend Sachverstand verfügen würden, um Milliarden Euro von internationalen Investoren anzulocken, die Unternehmen mit hohen Risiken, aber möglicherweise hohen Gewinnen unterstützen wollen.

Die vorgeschlagenen Fonds würden zusammen mit dem Europäischen Investitionsfonds arbeiten, der KMU und Unternehmern Risikofinanzierung aus Steuermitteln zur Verfügung stellt.

Wille zum Durchbruch

Geoghegan-Quinn geht davon aus, dass derzeit ein ausreichender politischer Wille vorhanden ist, um in der Frage des Zugangs zu Risikofinanzierung zu einem Durchbruch zu gelangen. So hat Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Innovationspolitik zum Schwerpunkt seiner zweiten Amtszeit erklärt.

Europa könne und werde auf einer Reihe wissenschaftlicher Gebiete – darunter Nanotechnologie und Biotechnologie – weltweit führend werden, sagte Geoghegan-Quinn heute. Sie wolle aus Europa eine lebendige Innovationswirtschaft, eine wahre Innovationsunion machen, in der Unternehmen wirtschaften und investieren und Forscher aus der ganzen Welt arbeiten wollen.

Überlegungen zu europäischen Risikokapitalstrukturen nehmen bereits seit einiger Zeit Fahrt auf.

So hat eine von der Europäischen Kommission eingerichtete Sachverständigengruppe letztes Jahr Risikokapital als einen Engpass ausgemacht (EURACTIV vom 14. Oktober 2009). Risikokapital spielte zudem eine Rolle im Innovationsmanifest der EU (EURACTIV vom 12. November 2009).

Die Kommission entwickelt derzeit einen Aktionsplan zu Innovationen, der detailliert untersuchen soll, wie Europa mit den USA mithalten kann, um Forschungsergebnisse zu vermarktbaren Produkten weiterzuentwickeln.

USA bei Risikokapital weit voraus

Im Gegensatz zu den USA steht institutionellen Investoren wie Renten- und Versicherungsgesellschaften in Europa weniger Risikokapital zur Verfügung. Traditionell sind sie zudem weniger geneigt, risikoreiche KMU zu unterstützen.

Wirtschaftsvertreter verweisen zwar auf Erfolgsgeschichten wie die internetbasierte Telefongesellschaft Skype, die aufgrund von Risikokapitalinvestitionen erfolgreich wurde und 2005 für etwa 2,43 Milliarden Euro verkauft wurde. Allerdings muss man nach solchen Beispielen lange suchen. Experten zufolge fehlt europäischen Fondsmanagern derzeit noch der nötige Sachverstand.

Georges Noël, Direktor der European Private Equity and Venture Capital Association, forderte staatliche Förderregelungen um sicherzustellen, dass professionelle Risikokapitalgeber ihre Rolle ausüben könnten, auf sehr selektiver Basis die besten europäischen Innovationen zu fördern.

Neues Leben für schwächelnde Wirtschaft

Dem Verband zufolge wird etwa 90 Prozent des europäischen Risikokapitals in KMU investiert. Er vertritt die Auffassung, dass die Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor der schwächelnden Wirtschaft neues Leben einhauchen könnte.

"Wir schlagen ein konkretes Programm vor, mit dem langfristige Finanzierung aus dem Privatsektor für europäisches Risikokapital angezogen werden soll, indem ein privat verwalteter Dachfonds die besten europäischen Risikokapital-Manager aussucht und ihr Potenzial an weltweite Investoren verkauft", so Noël.

Das Programm werde mit bereits bestehenden Quellen öffentlicher Finanzierung wie dem Europäischen Investitionsfonds zusammenarbeiten und dazu führen, dass die derzeitige Grundlage an Risikokapital ausgedehnt wird.

Der Dachfonds könnte Großbanken, Rentenfonds und Versicherungsgesellschaften ermöglichen, ihre Investitionen in viel versprechende Neugründungen zu kanalisieren und gleichzeitig das Risiko zu streuen. Sie könnten sich zudem zu spezialisierten Fonds – etwa für saubere Technologien oder Biotechnologie – weiterentwickeln, obwohl diesbezüglich Einzelheiten noch geklärt werden müssten.

Hintergrund:

Bei einem Gespräch mit der Presse an ihrem ersten Arbeitstag nannte die neue EU-Innovationskommissarin Máire Geoghegan-Quinn fehlendes Risikokapital als ein Hindernis für Innovationen in Europa (EURACTIV vom 11. Februar 2010).

Risikokapital hat sich in den vergangenen Monaten zu einem zunehmend wichtigen Tagesordnungspunkt entwickelt, nachdem seine Bedeutung von einer Sachverständigengruppe hervorgehoben wurde, die letztes Jahr für die Europäische Kommission den Zustand der europäischen Innovationsinfrastruktur untersuchte (EURACTIV vom 14. Oktober 2009).

Der Europäische Investitionsfonds (EIF) stellt kleinen Unternehmen Risikokapital und Bürgschaften zur Verfügung und hat seit Beginn der Finanzkrise seine Aktivitäten deutlich ausgeweitet.

Nächste Schritte:

2. März: Veranstaltung der Private Equity and Venture Capital Association (EVCA) über die Mobilisierung von Finanzierung für Innovationen.

3. März: Treffen der europäischen Kommissare, um über die zukünftige Innovationspolitik im Rahmen der "2020-Strategie" der EU zu beraten.

EURACTIV Brüssel