Fachleute warnen vor Cyberangriffen auf den ukrainischen Agrarsektor

Nachdem die russische Aggression die kritische Rolle der ukrainischen Agrarproduktion in der globalen Lebensmittelversorgungskette offengelegt hat, werden nach Ansicht von Expert:innenen voraussichtlich Cyberangriffe folgen.

EURACTIV.com
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Die Ukraine ist seit langem als die "Kornkammer Europas" bekannt. [[Kharaim Pavlo/Shutterstock]]

Nachdem die russische Aggression die kritische Rolle der ukrainischen Agrarproduktion in der globalen Lebensmittelversorgungskette offengelegt hat, werden nach Ansicht von Expert:innen voraussichtlich Cyberangriffe folgen.

Die am 24. Februar begonnene Invasion hatte dramatische Folgen für die Ernährungssicherheit. Angesichts der wichtigen Rolle, die sowohl die Ukraine als auch Russland im weltweiten Agrar- und Lebensmittelhandel spielen, hat der Krieg zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise geführt, sodass im globalen Süden die Gefahr einer Hungersnot droht.

Die Kontrolle über die Durchfahrt von Frachtschiffen durch die ukrainischen Häfen ist mittlerweile für Russland zu einem politischen Druckmittel geworden.

Allerdings könnte die ukrainische Agrarproduktion in Zukunft noch stärker behindert werden. Da der anhaltende Konflikt das Ausmaß der Auswirkungen dieser Störungen offenbart, rückt der Sektor in den Fokus von Cyber-Bedrohungsakteuren, warnt die Talos Intelligence Group von Cisco.

Nach Angaben des Technologieunternehmens ist die landwirtschaftliche Produktion aufgrund ihrer geringen Cyberabwehr, ihrer internationalen Abhängigkeiten und ihrer begrenzten Toleranz gegenüber Ausfällen besonders anfällig für Cyberangriffe. Dabei ist besonders der letzte Aspekt für Ransomware-Angriffe relevant, bei denen Hacker die Kontrolle über eine Anlage übernehmen und sie nur im Austausch gegen ein Lösegeld zurückgeben.

Der Zeitdruck und die Sensibilität der angegriffenen Anlagen werden als Waffe eingesetzt, um Druck auf die Organisation auszuüben, das Lösegeld zu zahlen. Daher richten sich böswillige Akteure häufig gegen kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser und Ölpipelines, und zwar zu besonders vulnerablen Zeitpunkten: Während der Pandemie nahmen beispielsweise die Angriffe auf Gesundheitssysteme zu.

Ähnliches könnte angesichts der Lebensmittelkrise auch auf die Landwirtschaft zukommen. Die Ukraine allein erwirtschaftet 10 Prozent der weltweiten Agrarproduktion.

„Fragilität schafft Möglichkeiten“, sagte Joe Marshall, ein leitender Sicherheitsstratege bei Cisco, gegenüber EURACTIV. Marshall betonte, dass es zwar noch keinen vertikalen Angriff auf den Agrarsektor an sich gegeben habe, die Landwirtschaft aber unter den Auswirkungen von Attacken auf anderen Sektoren zu leiden habe.

Im April dieses Jahres gab das US Federal Bureau of Investigation (FBI) eine Warnung heraus, in der es betonte, dass Hacker während der Ernte- und Aussaatsaison aktiv auf Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft abzielen, die keine hohe Zeittoleranz aufweisen, da schon wenige Tage Unterbrechung zu einem massiven Verlust der landwirtschaftlichen Produktion führen können.

Mit der zunehmenden Digitalisierung des Agrarsektors könnten die Produktion und die damit verbundene Logistik durch Cyberangriffe gefährdet sein, da der Großteil des in der Ukraine produzierten Weizens exportiert wird. Dennoch hat Kiew seit Beginn des Krieges eine beachtliche Widerstandsfähigkeit im Cyberbereich bewiesen.

„Das ukrainische Internet-Netzwerk ist recht robust, sodass ein Angriff sehr gut vorbereitet sein muss, um erfolgreich zu sein – und das kann Monate bis hin zu einem Jahr dauern, um sich zu entwickeln. Falls der Angriff nicht schon seit längerem geplant war, wird es wohl nicht so bald zu einer größeren Störung kommen“, so Iva Tasheva, Mitbegründerin von CyEn.

Zwar hat das Land seine Cybersicherheit in den letzten Jahren erheblich verbessert, dennoch stellt Marshall fest, dass die ukrainische Landwirtschaft bereits jetzt unter extremem Druck steht. Daher könnten selbst kleine Maßnahmen große Auswirkungen haben. Für Marshall besteht der erste Schritt darin, das Risiko anzuerkennen, um es anschließend bewerten zu können.

„Der Krieg in der Ukraine war aus Sicht der internationalen Gemeinschaft eine wunderbare Aufgabe, um Informationen über Cyber-Bedrohungen auszutauschen. Aus landwirtschaftlicher Sicht gibt es meiner Meinung nach Möglichkeiten für engere Zusammenarbeit“, so Mashall weiter.

Ein Vertreter der ukrainischen Regierung war nicht sofort für eine Stellungnahme zu erreichen.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]