Fällt Frankreichs Eurotunnel-Monopol?
Der Eurotunnel ist die meistbefahrenste Zugstrecke der Welt. Bisher hat ein französisches Unternehmen das Monopol auf die Verbindung. Mit der Liberalisierung des europäischen Zugverkehrs und einer erfolgreichen Testfahrt eines ICE könnte sich das in Zukunft ändern. Experten räumen einer französischen Klage kaum Chancen ein.
Der Eurotunnel ist die meistbefahrenste Zugstrecke der Welt. Bisher hat ein französisches Unternehmen das Monopol auf die Verbindung. Mit der Liberalisierung des europäischen Zugverkehrs und einer erfolgreichen Testfahrt eines ICE könnte sich das in Zukunft ändern. Experten räumen einer französischen Klage kaum Chancen ein.
Mit der Probefahrt eines ICE durch den Kanaltunnel hat die Deutsche Bahn in der Nacht zum Sonntag (17. Oktober) zum Angriff auf das französische Monopol auf dieser Strecke geblasen. Die EU-Kommission will den europäischen Zugpassagierverkehr liberalisieren und öffnet die Strecke unter dem Ärmelkanal daher für Konkurrenzunternehmen.
Eine Evakuierungsübung mit rund dreihundert Passagieren sei am Wochenende erfolgreich abgeschlossen worden, teilte die Deutsche Bahn mit. Der Sicherheitstest gehöre zu einer Reihe von Voraussetzungen, die die Bahn für die ab 2013 geplanten Fahrten durch den Tunnel erfüllen müsse.
Französisches Monopol
Ein Sprecher sagte, damit habe man gezeigt, dass das Bahnkonzept grundsätzlich funktioniere. Die Bahn will zwei aneinander gekoppelte ICE-3 von jeweils zweihundert Meter Länge einsetzen. Bisher dürfen nur vierhundert Meter lange Züge, die durchgehend begehbar sind, durch den Tunnel fahren.
Der Zugverkehr unter dem Ärmelkanal war daher seit 1994 den vom französischen Alstom-Konzern konstruierten Eurostar-Zügen vorbehalten. Der Konzern hatte sich zuletzt verärgert gezeigt, weil Eurotunnel-Betreibergesellschaft Eurostar bei Siemens zehn Velaro-Hochgeschwindigkeitszüge kauft – eine Weiterentwicklung des ICE-3.
Frankreich klagt bei der Kommission
Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge will die französische Regierung bei der EU-Kommission Beschwerde einreichen. Sie argumentiert, die Eurostar-Ausschreibung habe zu schwache Sicherheitsanforderungen enthalten.
Der französische Verkehrsminister Dominique Bussereau sagte, die Entscheidung zum Kauf der Siemens-Züge sei daher "null und nichtig". Experten räumen der französischen Beschwerde allerdings geringe Chancen ein. Auch Eurostar teilte mit, man werde wie geplant mit den Tests fortfahren.
Der deutsche Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer (CDU) hat die französische Kritik scharf zurückgewiesen und die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert: "Die Haltung Frankreichs ist für mich nicht nachvollziehbar und nicht akzeptabel. Der Wettbewerb in Europa ist kein französisches Wunschkonzert."
Lohnendes Geschäft
Die fünfzig Kilometer lange Tunnelstrecke ist nach Angaben von Eurotunnel die am meisten befahrene Eisenbahnstrecke der Welt. Auf der lukrativen Strecke zwischen den Finanzzentren London und Frankfurt würde die Deutsche Bahn auch zu Fluggesellschaften wie der Lufthansa in Konkurrenz treten. Bahn-Chef Rüdiger Grube rechnet mit mehr als einer Million Fahrgäste pro Jahr.
Die Eurostar-Züge des Alstom-Konzerns nutzen die Kapazitäten des Tunnels derzeit nur zu etwa fünfzig Prozent aus. Das Ende des Monopols könnte daher auch für die Tunnelbetreiber zusätzliche Einnahmen bedeuten.
Schon 2012 bis London?
Nun muss die britisch-französische Tunnel-Sicherheitskommission entscheiden, ob sie den ICE zulässt. Der Eurostar Vorsitzende Jacques Gounon sagte, wenn die Tests weiterhin so erfolgreich verliefen, werde der ICE eventuell schon 2012 zu den Olympischen Spielen nach London rollen.
EURACTIV / rtr / hme
Links
EURACTIV.de: Der Brüsseler Eisenbahntraum (22. September 2010)
EURACTIV.de: Brüssel will Staatsbahnen schonen (7. September 2010)
Dokumente:
EU-Kommission: European railways in 2050 (21. September 2010)
EU-Kommission: Kommission legt Maßnahmen zur Verbesserung der Schienenverkehrsdienste vor (17. September 2010)
EU-Kommission: Häufig gestellte Fragen zu den Vorschlägen zur Neufassung des ersten Eisenbahnpakets (17. September 2010)
EU-Kommission: Transport – Rail Market
InnoTrans 2010: Website