Galileo-Manager wegen Wikileaks entlassen
Der Vorstandsvorsitzende des Bremer Unternehmens OHB, Berry Smutny, ist mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben freigestellt worden. Er soll das Galileo-Projekt gegenüber US-Diplomaten als "Verschwendung von Steuergeldern" und "Unfug" bezeichnet haben. Der Aufbau des Satellitensystems wird für die europäischen Steuerzahler indes wesentlich teurer als bislang kalkuliert.
Der Vorstandsvorsitzende des Bremer Unternehmens OHB, Berry Smutny, ist mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben freigestellt worden. Er soll das Galileo-Projekt gegenüber US-Diplomaten als „Verschwendung von Steuergeldern“ und „Unfug“ bezeichnet haben. Der Aufbau des Satellitensystems wird für die europäischen Steuerzahler indes wesentlich teurer als bislang kalkuliert.
Nachdem die Hauptversammlung der OHB Berry Smutny das Vertrauen entzogen hatte, beschloss der Aufsichtsrat einstimmig, seine Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden der Gesellschaft zu widerrufen. Dies geschah nachdem in den vergangenen Wochen wiederholt Protokolle eines Gespräches zwischen Smutny und Diplomaten der US-Botschaft in Berlin durch die norwegische Tageszeitung "Aftenposten" veröffentlicht und kommentiert wurden.
"Der Aufsichtsrat missbilligt die Gespräche und die Herrn Smutny zugeschriebenen Zitate", heißt es in einer Pressemitteilung des Bremer Unternehmens. Der Technologiekonzern hatte Anfang Januar 2010 den prestigeträchtigen und rund 566 Millionen Euro schweren Auftrag erhalten, 14 Satelliten zu bauen, die das Rückgrat des Satelliten-Navigationssystems Galileo bilden sollen (EURACTIV.de vom 7. Januar 2010). Damit setzte sich OHB in der hart umkämpften Ausschreibung gegen den weit größeren Konkurrenten EADS-Astrium durch. OHB soll die ersten Satelliten 2012 liefern.
Smutny bestreitet an Eides statt
Smutny soll das Galileo-Projekt gegenüber US-Diplomaten als "Verschwendung von Steuergeldern" und "Unfug" bezeichnet haben, was er dem Unternehmen zufolge an Eides statt bestreitet. Wikileaks zufolge soll das Gespräch Anfang Oktober 2009 stattgefunden haben. Smutny war zu diesem Zeitpunkt erst kurz bei OHB.
Hauptversammlung und Aufsichtsrat hätten keine Alternative zu diesem Schritt gesehen. Bis auf weiteres wird der Vorstandsvorsitzende der Muttergesellschaft OHB Technology AG, Marco Fuchs, den Vorsitz des Vorstands der OHB-System AG in Personalunion übernehmen und sich die Aufgaben von Smutny mit den Vorstandskollegen Fritz Merkle und Frank Negretti teilen.
Insgesamt 5,3 Milliarden Euro
Der Aufbau des Satellitensystems wird für die europäischen Steuerzahler indes wesentlich teurer als bislang kalkuliert. Dies geht aus der Halbzeitbilanz für die Satellitenprogramm Galileo und EGNOS – das System zur genauen Ortung von Satellitensignalen – hervor, welche die EU-Kommission am Dienstag vorgelegt hat.
Der Kommission zufolge wird das Projekt bis 2020 mit insgesamt 5,3 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Hinzu kommen jährlich noch einmal 800 Millionen Euro für den Betrieb und die Instandhaltung des Systems, mit dem Europa unabhängiger werden will vom amerikanischen Konkurrenten GPS.
Tajani: Europa wird international wettbewerbsfähig
EU-Industriekommissar Antonio Tajani erklärte: "Mit Galileo wird Europa auf dem Markt für Weltraumtechnologie international wettbewerbsfähig und kann sich in einer Wachstumsbranche behaupten, die durch zunehmende Globalisierung und den Markteintritt von Schwellenländern geprägt wird. Wir begrüßen die bisherigen Fortschritte und sind fest entschlossen, dieses Projekt zum Erfolg zu führen."
Die Kommission finanziert die europäischen Satellitennavigationsprogramme Galileo und EGNOS im Zeitraum von 2007 bis 2013 mit 3,4 Milliarden Euro. Zur Fertigstellung der Galileo-Infrastruktur in den Jahren 2014 bis 2020 könnten 1,9 Milliarden Euro erforderlich sein. Diese vorläufigen Schätzungen greifen dem künftigen mehrjährigen Finanzrahmen des EU-Haushalts nicht vor. Der wirtschaftliche Nutzen von Galileo und EGNOS in den kommenden 20 Jahren wird auf 90 Milliarden Euro beziffert. Die Satellitennavigationssysteme sollen Europa eine größere Unabhängigkeit und einen größeren Marktanteil bei der Weltraumtechnologie sichern.
dto
Links
Dokumente
OHB-System AG: Aufsichtsrat der OHB-System AG stellt Vorstandsvorsitzenden, Berry Smutny, mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben frei (17. Januar 2011)
EU-Kommission: Galileo und EGNOS: Kommission legt Halbzeitüberprüfung der europäischen Satellitennavigationsprogramme vor (18. Januar 2011)
EU-Kommission: Halbzeit für Galileo und EGNOS (18. Januar 2011)
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