"Herr Katainen wird die Euro-Rettung nicht gefährden"

Finnen arbeiten hart im kalten Winter, um die Schulden sonnenbadender Griechen zu bezahlen - mit solchen Klischees konnten Populisten in Finnland Stimmen fangen, sagt der Korrespondent Risto Tähtinen im EURACTIV.de-Interview. Am Ende seien die Finnen aber zu pragmatisch, um die Euro-Rettung ernsthaft zu gefährden.

Koaliert die konservative Partei des finnischen Finanzministers Jyrki Katainen mit den euroskeptischen „Wahren Finnen“? Foto: Der Rat der Europäischen Union.
Koaliert die konservative Partei des finnischen Finanzministers Jyrki Katainen mit den euroskeptischen "Wahren Finnen"? Foto: Der Rat der Europäischen Union.

Finnen arbeiten hart im kalten Winter, um die Schulden sonnenbadender Griechen zu bezahlen – mit solchen Klischees konnten Populisten in Finnland Stimmen fangen, sagt der Korrespondent Risto Tähtinen im EURACTIV.de-Interview. Am Ende seien die Finnen aber zu pragmatisch, um die Euro-Rettung ernsthaft zu gefährden.

Zur Person


Risto Tähtinen
ist Deutschland-Korrespondent der
"Turun Sanomat",  Finnlands drittgrößter Tageszeitung .
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EURACTIV.de: Die euroskeptische Partei "Wahre Finnen" konnte am Sonntag ihr Ergebnis bei den Parlamentswahlen im Vergleich zu 2007 auf 19 Prozent nahezu verfünffachen (EURACTIV.de vom 18. April 2011). Wie erklärt sich der große Erfolg der "Wahren Finnen"?

TÄHTINEN: Die Menschen sind generell mit den großen Parteien unzufrieden. Diese haben lang in verschiedenen Koalitionen in der Regierung gesessen, und ihre Politik ist für viele immer die gleiche gewesen. Die "Wahren Finnen" hatten schon in den 60er und 70er Jahren großen Erfolg, damals unter einem anderen Namen. Das ist eine typische Protestpartei. Natürlich haben die EU-Hilfen für Griechenland, Irland und jetzt für Portugal viele Finnen gestört. Auch aus Protest gegen diese Form der Euro-Rettung haben viele für die "Wahren Finnen" gestimmt.

EURACTIV.de: Wie wahrscheinlich ist es, dass Finnland nach dieser Wahl seine Beteiligung an der Portugal-Hilfe verweigert und damit den ganzen Euro-Rettungsschirm in Frage stellt?

TÄHTINEN: Das hängt von der Regierungsbildung ab. Die Koalitionsverhandlungen werden in dieser Frage sehr spannend. Sie werden aber noch einige Wochen dauern. Am Ende sind die Finnen sehr pragmatisch, und ich denke, dass in dieser Frage eine Lösung gefunden wird, mit der auch die EU leben kann. Vielleicht stellen die Finnen neue Bedingungen für ihren Beitrag, und es müssen vertragliche Änderungen vorgenommen werden, aber ich rechne nicht damit, dass die Portugal-Hilfe oder der ganze Rettungsschirm an Finnland scheitert.

"Katainen wird sein Bestes tun"

EURACTIV.de: Würden sich die Wahlsieger, die konservative Nationalpartei des derzeitigen Finanzministers Jyrki Katainen, auf ein Nein zur Portugal-Hilfe einlassen, falls sie mit den "Wahren Finnen" koalieren?

TÄHTINEN: Herr Katainen hat als Finanzminister an den Verhandlungen zur Euro-Rettung teilgenommen. Er und seine Partei wissen ganz genau, wie die Lage aussieht. Finnland ist ein exportabhängiges Land, dem der Euro sehr viel wirtschaftlichen Nutzen gebracht hat. Herr Katainen wird die Euro-Rettung sicher nicht gefährden.

EURACTIV.de: Die EU kann sich auf Katainen verlassen, wenn es um die Euro-Rettung geht?

TÄHTINEN: Er wird sein Bestes tun. Aber es gibt nun einmal viele Skeptiker in Finnland. Man muss die Frage der Euro-Rettung mit ihnen diskutieren. Bisher wurde die Euro-Rettung den Bürgern nicht ausreichend vermittelt. Die Politik muss erklären, warum wir Portugal retten müssen und warum wir uns damit auch selbst retten. Die Menschen wissen das nicht.

EURACTIV.de:
Die "Wahren Finnen" fordern Finnlands Austritt aus der Eurozone. Ist diese Forderung mehrheitsfähig?

TÄHTINEN: Nein, sie ist nicht mehrheitsfähig. Das ist eine populistische Forderung. Es gibt das Klischee, dass Finnen im kalten Winter hart arbeiten, um die Schulden von Griechen zu bezahlen, die faul in der Sonne baden. Mit solchen Sprüchen können Populisten vielleicht vorübergehend Stimmen fangen. Aber wenn die Menschen ernsthaft nachdenken, erkennen sie, dass der Euro Finnland viele Vorteile gebracht hat.

EURACTIV.de:
Wurden die Euro-Rettungsmaßnahmen von den EU-Führungspolitikern insgesamt schlecht vermittelt?

TÄHTINEN: Man hat bisher nicht den Mut für eine wirkliche Gesamtlösung der Schuldenkrise aufgebracht, sondern ist die Probleme immer nur scheibchenweise angegangen, von Krise zu Krise. Besser wäre – wie es auch viele Wirtschaftsforscher in Deutschland fordern -, ein wirkliches Gesamtpaket gegen die Schuldenkrise zu schnüren.

Interview: Opens window for sending emailAlexander Wragge

Links


Presse

Handelsblatt.de: Märkte glauben nicht an Umschuldungs-Dementi (18. April 2011)

Dokument

Bundesbank: Monatsbericht April 2011 (18. April 2011)

Bundesfinanzministerium: Zu den Schlussfolgerungen der Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten des Euro-Währungsgebiets vom 11. März 2011. Brief des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen an den Bundesminister der Finanzen, Dr. Wolfgang Schäuble (18. März 2011)

Bundesfinanzministerium: Ohne Finanzmarktreformen
keine Lösung der europäischen Staatsschuldenkrise. Brief des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen an den Minister Dr. Schäuble
(Juli 2010)

Europäischer Rat: Schlussfolgerungen des EU-Gipfels 24. / 25. März (25. März 2011)

Europäischer Rat: Remarks by Herman Van Rompuy President of the European Council following the meeting of the European Council (24. März 2011)

Mehr zum Thema auf EURACTIV

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True Finns election gains cast fresh doubts on EU (18. April 2011 auf EURACTIV.com)

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Wahlerfolg der "Wahren Finnen" stellt EU erneut in Frage (18. April 2011 auf EURACTIV.com/de)

Finnland: Widerstand gegen Euro-Rettung für Portugal (14. April 2011)

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