Italien: Neuer Landwirtschaftsminister lehnt Nutri-Score ab
Während des ersten Treffens mit seinen europäischen Amtskolleg:innen hat Italiens neuer Landwirtschaftsminister den Widerstand des Landes gegen die EU-weite Einführung der farbcodierten Nährwertkennzeichnung Nutri-Score bekräftigt.
Während des ersten Treffens mit seinen europäischen Amtskolleg:innen hat Italiens neuer Landwirtschaftsminister den Widerstand des Landes gegen die EU-weite Einführung der farbcodierten Nährwertkennzeichnung Nutri-Score bekräftigt.
Das Treffen der Landwirtschaftsminister:innen der 27 EU-Mitgliedstaaten am Montag war für Francesco Lollobrigida, der seit Amtsantritt der Regierung Giorgia Melonis vor einem Monat Agrarminister ist, das Debüt auf dem Brüsseler Parkett.
Während Lollobrigida keinen ausgeprägten landwirtschaftlichen Hintergrund hat, ist er ein prominentes Mitglied von Melonis „Brüder Italiens.“
Bei seinem ersten Auftritt in Brüssel sprach er das für Italien sehr heikle Thema der Lebensmittel-Etikettierung für Endverbraucher:innen an und betonte, dass diese so umfassend wie möglich sein sollte.
„Wir sind jedoch nicht der Meinung, dass es Instrumente geben sollte, die in Bezug auf die Information unzureichend und in Bezug auf die Beeinflussung des Verbrauchers sogar gefährlich sind“, erklärte er nach der ersten Sitzung gegenüber der Presse.
Er bezog sich dabei auf das von Frankreich vorgeschlagene Nutri-Score-System, bei dem der Nährwert von Produkten in einen Code aus fünf Buchstaben von A bis E umgewandelt wird, die jeweils eine eigene Farbe von grün bis rot haben.
Italien hat bisher stets den Widerstand gegen den Nutri-Score angeführt – unter anderem mit der Begründung, das System benachteilige einige Kernprodukte der mediterranen Ernährung.
„Wir hatten keine offiziellen Stellungnahmen [von anderen Minister:innen], aber wir haben das Gefühl, dass sich alle bewusst sind, dass dies, wie es beschrieben wurde, kein Instrument sein kann, das den Endverbrauchern volle Sicherheit bietet oder der europäischen Wirtschaft wirklich objektiv nützlich ist“, sagte er weiter.
Es wird erwartet, dass die Europäische Kommission im Rahmen des Flaggschiffs der europäischen Lebensmittelpolitik, der „Farm-to-Fork“-Strategie, ein einheitliches, EU-weites Lebensmittelkennzeichnungssystem vorschlagen wird, das auch die ernährungswissenschaftlichen Aspekte von Lebensmitteln berücksichtigt.
Ursprünglich war die Vorlage bis Ende dieses Jahres geplant, doch die Kommission hat den Vorschlag auf das Frühjahr 2023 verschoben.
Lollobrigida betonte, solches Label müsse „mehr Informationen“ enthalten, ein einfaches Farbspektrum dagegen bringe „uns nicht weiter.“ Italien schlage stattdessen „eine gründlichere, klarere Art der Information der Endverbraucher vor, damit sie wissen, was sie essen.“
Die italienische Regierung hat der Europäischen Kommission ein anderes System mit der Bezeichnung NutrInform vorgeschlagen, das auf einem batterie-ähnlichen Symbol basiert, das Verbraucher:innen den Nährwertbeitrag zu ihrem täglichen Bedarf und ihren Ernährungsbedürfnissen anzeigt.
Meeting with 🇮🇹 Minister of Agriculture @FrancescoLollo1.
Main topics on the agenda:
▪️#NewCAP
▪️impact of Russian aggression in Ukraine🇺🇦
▪️industrial emissions directive
▪️sustainable use of pesticides regulation
▪️front-of-pack nutrition labelling of foods and beverages. pic.twitter.com/L4U11Jg0MV— Janusz Wojciechowski (@jwojc) November 21, 2022
Landwirtschaft als „strategischer“ Sektor
Lollobrigida sprach mit EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski auch über andere offene Fragen auf der politischen Agenda der EU, darunter die Richtlinie über Industrieemissionen (IED) und die Reform des Rechtsrahmens zum Pestizideinsatz.
Am Rande der EU-Ratstagung hatte er auch bilaterale Treffen mit den Landwirtschaftsministern Polens, Österreichs, Spaniens und Frankreichs.
„Mit all diesen Minister:innen haben wir festgestellt, dass es viele Berührungspunkte, Interessen und die Bereitschaft gibt, im Sinne der Qualität und der Entwicklung und natürlich im Sinne des Umweltschutzes zusammenzuarbeiten“, erklärte Lollobrigida gegenüber Reporter:innen.
„Italien wird im Rahmen der EU-Agrarpolitik zweifellos eine nachhaltige Politik verfolgen, die aber auch mit der Produktion, der Forschung und der Aufwertung eines Sektors vereinbar ist, den wir als strategisch betrachten“, sagte er.
In Anlehnung an einen ähnlichen Schritt der französischen Regierung fügte Lollobrigidas Ministerium den Begriff „Ernährungssouveränität“ in seinen Ministertitel ein, um die Bedeutung der strategischen Autonomie zu unterstreichen.
„Wir haben die Möglichkeit, die falschen Entscheidungen zu bewerten, die getroffen wurden, nämlich die Auslagerung jeder Art von Versorgung allein auf der Grundlage der Kosten“, sagte er und bezog sich dabei auf die kürzlich gestiegenen Preise für wichtige landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Düngemittel.
„Wir glauben, dass wir heute in Italien die Kapazitäten haben müssen, um das zu produzieren, was für unseren Verbrauch notwendig ist“, so Lollobrigida. In den Fällen, in denen dies nicht möglich sei, werde sein Land innerhalb Europas daran arbeiten, die Bündnisse mit anderen Mitgliedstaaten zu stärken.
[Bearbeitet von Alice Taylor]