Junge Europäer kämpfen mit hohen Mietkosten und knappem Wohnraum

Steigende Energiepreise, hohe Inflationsraten und eine stetig wachsende Zahl von Studierenden haben die jungen Menschen Europas in eine Wohnungskrise gestürzt.

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Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Aussichten sind viele junge Menschen gezwungen, heimzukehren [PA-EFE/HANNAH MCKAY]

Steigende Energiepreise, hohe Inflationsraten und eine stetig wachsende Zahl von Studierenden haben die jungen Menschen Europas in eine Wohnungskrise gestürzt. Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Aussichten mussten viele von ihnen ins Haus der Eltern zurückkehren oder länger als erwartet in Wohngemeinschaften unterkommen.

In ganz Europa sind die jüngeren Generationen mit einer Wohnungskrise konfrontiert. Laut dem europäischen Statistikamt Eurostat sind die Mieten in der EU im zweiten Quartal 2022 um 1,7 Prozent und seit 2010 um 18 Prozent gestiegen, wobei die Preise in 25 EU-Mitgliedstaaten insgesamt gestiegen sind.

Neben den Preissteigerungen nimmt die Zahl der Studierenden weiterhin schneller zu als der Wohnungsbau, und der Wettbewerb um angemessenen Wohnraum ist stärker denn je, insbesondere in den städtischen Ballungszentren.

Manon Deshayes, Referentin für soziale und wirtschaftliche Eingliederung beim Europäischen Jugendforum, erklärte gegenüber EURACTIV: „Junge Menschen haben in der Regel ein geringeres Einkommen als andere Bevölkerungsgruppen, was es ihnen erschwert, eine angemessene Wohnung zu finden.“

Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Aussichten hätten viele von ihnen ins Haus der Eltern zurückkehren oder länger als erwartet in Gemeinschaftsunterkünften wohnen müssen, fügte sie hinzu.

Stetig ansteigende Preise

Die Preiserhöhungen sind auf dem ganzen Kontinent zu spüren.

Laut einer Deloitte-Studie vom August 2022 liegt Paris mit 29,10 Euro pro Quadratmeter im Monat weiterhin an der Spitze, während Vermieter:innen in Brüssel mit durchschnittlich 14,1 Euro pro Quadratmeter und Monat weniger als die Hälfte verlangen.

Während die Niederlande mit einem historisch hohen Preisniveau in Amsterdam konfrontiert sind, haben Städte, in denen viele Studierende leben, wie Den Haag und Rotterdam, im letzten Jahr laut dem Bericht einen Anstieg von 6,7 und 9,7 Prozent verzeichnet.

In Deutschland stiegen die Mieten in den Städten in der ersten Hälfte des Jahres 2022 laut einer Studie des Immobilienverbands IVD um 3,4 bis 3,9 Prozent.

Österreich wurde derweil von der Krise besonders hart getroffen: Die Mieten sind im letzten Jahr um 16 Prozent und in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen, da keine strukturelle Reform der Mietpreiskontrolle durchgeführt wurde.

Auch in Italien haben es junge Leute nicht leicht, eine Wohnung zu finden – vor allem angesichts niedriger Löhne.

Mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt junger Menschen unter 35 Jahren von nur 10.000 Euro, sei es „schwierig, eine Miete zu zahlen, die beispielsweise in Mailand – für ein Einzelzimmer – bis zu 600 Euro pro Monat kosten kann“, sagte die Präsidentin des Nationalen Jugendrats Italiens, Maria Cristina Rosaria Pisani, gegenüber EURACTIV.

Kaufen keine Option

Wenn es aufgrund eines Missverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage nach Wohnraum und der Prekarität der Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor immer schwieriger werde, eine Wohnung zu mieten, sei auch der Kauf einer Immobilie keine Option, erklärte Gonzalo Paz-Pardo, leitender Ökonom bei der Europäischen Zentralbank, Anfang des Jahres in einem Grundsatzpapier.

„Viele junge Haushalte können oder wollen nicht das Risiko eingehen, eine so große, illiquide Investition wie den Kauf einer Immobilie zu tätigen“, schrieb er.

Dies habe weiterreichende, gesellschaftliche Auswirkungen: „Wenn junge Menschen von den Wohnungsmärkten ausgeschlossen werden, kann dies ihre Heirats- und Geburtenentscheidungen verzerren, und die Wohneigentumsquote steht in direktem Zusammenhang mit der Stärke lokaler Gemeinschaften, dem sozialen Kapital und dem politischen Engagement“, so Paz-Pardo.

Studierende besonders betroffen

Auch Studierende leiden unter der Krise.

So sehen sich Studierende in Belgien oft gezwungen, bei ihren Eltern zu wohnen oder sogar ins Elternhaus zurückzukehren, nachdem sie bereits ausgezogen waren. Solche Fälle werden im Land scherzhaft als „Bumerang-Kinder“ bezeichnet.

Französische Studierende haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Nach Angaben des französischen Statistikamtes ist die Zahl der Studierenden in Frankreich von 2,3 Millionen im Jahr 2010 auf 2,785 Millionen im Jahr 2020 gestiegen, während für 2022 ein Nettozuwachs von 162.000 Studierenden erwartet wird.

Dies hat dazu geführt, dass die Studierenden aus den Stadtzentren in die Außenbezirke verdrängt werden, da sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Dort stehen ihnen jedoch weniger soziale Angebote und Unterstützung zur Verfügrung und sie sind mit höheren Transportkosten konfrontiert, wie die linksgerichtete Studentenorganisation UNEF betont.

Die durchschnittliche Monatsmiete für Studierende in Paris und Umgebung stieg von 634 Euro im Jahr 2017 auf 670 Euro im Jahr 2022 (Anstieg um 5,68 Prozent), in anderen Regionen von 465 Euro im Jahr 2017 auf 508 Euro im Jahr 2022 (Anstieg um 9,25 Prozent). Viele Studierende sehen sich auch gezwungen, neben dem Studium zu arbeiten, was ihre akademischen Leistungen beeinträchtigen kann.

In den Niederlanden hat der Mangel an Wohnraum für Studierende alarmierende Ausmaße angenommen. Nach Angaben der Vermietungsplattform ROOM stehen Studierende, die eine Wohnung bei einer Wohnungsbaugesellschaft in Leiden mieten wollen, im Durchschnitt sechs Jahre und neun Monate auf der Warteliste.

In Amsterdam, Delft und Wageningen müssen Studierende, die sich für ein Zimmer oder ein Studio anmelden, zwischen fünf und fünfeinhalb Jahren warten, berichtet das niederländische Medium RTL Nieuws.

Lösungsansätze

In Belgien bemühen sich die Regionen um Lösungen.

Am 1. Oktober kündigte das flämische Parlament eine sofortige Mietpreisbremse an, auch die wallonische Regierung zog wenige Tage später mit ähnlichen Maßnahmen nach, die ab 1. November gelten sollen.

Die Bundesregierung hat derweil seit Amtsantritt die Wohnungskrise zu einer ihrer Prioritäten gemacht. Im Koalitionsvertrag haben SPD, FDP und Grüne Pläne für den Bau von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr skizziert, von denen 100.000 öffentlich finanziert werden sollen.

Ein Bericht der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass es in den Großstädten an 1,9 Millionen bezahlbaren Wohnungen fehle.

In Portugal ist der Präsident des Nationalen Jugendrates der Ansicht, dass es Lösungen geben sollte wie „eine Obergrenze für die Mieten, Zugeständnisse für junge Menschen, die sich dafür entscheiden, in großen städtischen Zentren zu leben, und mehr Investitionen.“

Von den Regierungen mehr erwartet

Doch nicht alle Maßnahmen sind zweckmäßig.

So hatte die französische Regierung im vergangenen Juni angekündigt, die Mieterhöhungen für ein ganzes Jahr um 3,5 Prozent zu begrenzen – doch das reicht aus Sicht der Studierendenorganisation UNEF nicht aus, um den Betroffenen wirklich zu helfen.

Stattdessen fordert die Organisation die Einführung einer universellen finanziellen Unterstützung in Höhe von 1.110 Euro pro Monat (35 Milliarden Euro pro Jahr an öffentlichen Ausgaben).

Was den Plan der französischen Regierung betrifft, zwischen 2018 und 2022 60.000 neue Studierendenwohnungen zu bauen, so wurden „bis Ende 2021 nur 36.000 davon gebaut“, erklärte FAGE, eine weitere Studentenorganisation, gegenüber EURACTIV.

In Polen habe der Staat derweil den gesamten Wohnungsbau in die Hände von Bauträgern gelegt, erkärte Ewa Andruszkiewicz, Aktivistin des Warschauer Mietervereins und pensionierte Journalistin, gegenüber EURACTIV.

„Der Profit ist [der Regierung] wichtiger als die Bewohner, denen er nichts zu bieten hat“, kritisierte Andruszkiewicz. „Es gibt in Polen keine Möglichkeit, preisgünstige Wohnungen zu bauen, zumindest nicht für junge Leute.“

Mitschuld an der Situation hätte jedoch nicht nur die Regierung, sondern auch beispielsweise Stadtverwaltungen, fügte sie hinzu.

Ein weiteres Problem in einigen europäischen Ländern, darunter vor allem EU-Beitrittskandidaten wie Albanien, ist die Korruption

Es wird geschätzt, dass jedes Jahr mehr als 700 Millionen Euro an illegalen Geldern in das Land fließen. In den letzten drei Jahren flossen etwa 1,6 Milliarden Euro in den Bausektor, wobei die Globale Initiative gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität (GITOC) im Jahr 2020 zu dem Ergebnis kam, dass neue Wohn- oder Gewerbebauten ein beliebter Weg zur Geldwäsche seien.

Eine europäische Lösung?

Mehr als zwei Drittel der jungen Europäer:innen sind der Meinung, dass die EU für angemessenen Wohnraum für alle sorgen sollte. Dies geht aus einem von der Foundation For European Progressive Studies und ThinkYoung veröffentlichten Bericht hervor, für den rund 19.000 Teilnehmer:innen im Alter von 16 bis 38 Jahren befragt wurden.

In dem Bericht heißt es weiter: „Die EU sollte nach Ansicht der jungen Menschen dafür sorgen, dass menschenwürdige Arbeitsplätze entstehen und dass die sozioökonomischen Mindestanforderungen stets erfüllt werden, indem sie beispielsweise den Bedürftigsten hilft und ein EU-weites Mindesteinkommen, Arbeitslosenunterstützung und EU-weit angemessenen Wohnraum einführt.“

„Wenn man keine gute Wohnung hat, wirkt sich das auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden aus, was wiederum bedeutet, dass man keine gute Arbeit findet, und wenn man keine gute Arbeit hat, findet man auch keine gute Wohnung. Das ist eine Art Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen“, so Deshayes gegenüber EURACTIV.