Koch-Mehrin beklagt sich über Uni Heidelberg

Die Universität Heidelberg wirft Silvana Koch-Mehrin mit Blick auf die Urheberschaft ihrer Doktorarbeit "schwerwiegend falsche Angaben" vor. Die FDP-Politikerin will sich das nicht bieten lassen und kündigt eine rechtliche Prüfung an. EURACTIV.de dokumentiert die Erklärungen von Silvana Koch-Mehrin und der Universität Heidelberg.

„Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört (…) auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen“, sagt die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin zu ihrer in Teilen abgeschriebenen Dissertation. Hatte also die Uni daran schuld, dass Koch-Mehrin jahrelang
"Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört (...) auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen", sagt die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin zu ihrer in Teilen abgeschriebenen Dissertation. Hatte also die Uni daran schuld, dass Koch-Mehrin jahrelang

Die Universität Heidelberg wirft Silvana Koch-Mehrin mit Blick auf die Urheberschaft ihrer Doktorarbeit „schwerwiegend falsche Angaben“ vor. Die FDP-Politikerin will sich das nicht bieten lassen und kündigt eine rechtliche Prüfung an. EURACTIV.de dokumentiert die Erklärungen von Silvana Koch-Mehrin und der Universität Heidelberg.

Die ehemalige FDP-Spitzenpolitikerin Silvana Koch-Mehrin kritisiert die Aberkennung ihres Doktortitels durch die Universität Heidelberg (EURACTIV.de vom 15. Juni 2011). "Die Entscheidung kommt auch überraschend, weil ich bisher keine Akteneinsicht hatte", so Koch-Mehrin am Mittwoch in einer Erklärung (s. u.). Sie werde prüfen lassen, ob die Entscheidung rechtswidrig ist.

In der Erklärung unterstellt Koch-Mehrin der Universität, sie habe von Anfang an gewusst, mit was für einer Arbeit sie es zu tun hatte. Der Promotionsausschuss habe ihr im Jahr 2000 in "voller Kenntnis aller eklatanten Schwächen" ihrer Arbeit den Doktortitel verliehen, so die FDP-Politikerin. Ihr sei auch im nun erfolgten Prüfungsverfahren niemals der Vorwurf der Täuschung gemacht worden. 

Die Universität fühlt sich von der FDP-Politikerin allerdings sehr wohl hinters Licht geführt. Die Zulassung zur Promotion und die Aushändigung der Doktorurkunde seien aufgrund "schwerwiegender falscher Angaben" über die Eigenständigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistung erfolgt, so das Fazit des Promotionsausschusses. Dies habe zur Folge, dass Frau Koch-Mehrin der Doktorgrad zu entziehen sei.

Anfang Mai war Koch-Mehrin von allen Spitzen-Ämtern zurückgetreten. Plagiatsjäger hatten auf rund einem Drittel der Seiten von Koch-Mehrins Dissertation verdächtige Stellen gefunden. Die Internetplattform Vroni-Plag kommt zu dem Ergebnis, dass sich auf 34 Prozent der Seiten Plagiate finden.

Koch-Mehrin: Meine Doktorarbeit ist nicht frei von Schwächen

Die Erkärung von Silvana Koch-Mehrin im Wortlaut:

"Dass meine Doktorarbeit kein Meisterstück ist, weiß ich bereits seit elf Jahren. Ich habe deswegen dafür auch nur eine mittelmäßige Note bekommen: "cum laude". Ein einfaches Lob, wohl eher für den Fleiß als für die Sorgfalt.

Meine Doktorarbeit ist nicht frei von Schwächen, nicht selten ungenau, oberflächlich und manchmal geradezu fehlerhaft. Es wäre auch zu wünschen gewesen, dass ich deutlich gemacht hätte, auf welche Literatur ich mich jeweils stütze. Es werden Aussagen gemacht, ohne dass auch nur ein einziger Beleg genannt würde.

Dies alles ist aber auch der Universität Heidelberg seit elf Jahren bekannt. Denn alle diese Worte finden sich im Erstgutachten meines Doktorvaters. Seinen hochkritischen Ausführungen hat sich der Zweitgutachter ausdrücklich angeschlossen.

Die Gutachten, in denen handfeste Kritik an meiner Arbeit geübt wurden, waren die Entscheidungsgrundlage für den Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg dafür, mir im Jahr 2000 den Doktorgrad zu erteilen oder nicht.

Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es, in einer Doktorarbeit ordentlich zu zitieren. Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es aber sicher auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen. Wenn in den beiden Gutachten zu einer vorgelegten Doktorarbeit derart massive Kritik geäußert wird, dann ist ganz sicher davon auszugehen, dass bei den Mitgliedern des Promotionsausschusses im Jahr 2000 alle Alarmglocken geklingelt haben und meine Arbeit einer besonders kritischen Untersuchung unterzogen wurde. Der Promotionsausschuss hat mir im Jahr 2000 in voller Kenntnis aller eklatanten Schwächen meiner Arbeit den Doktortitel verliehen.

Heute sieht der Promotionsausschuss das anders. Diese Entscheidung bedauere ich außerordentlich und umso mehr, als dass mir über mehr als zwei Monate weder im schriftlichen Anhörungsverfahren noch während meiner eineinhalbstündigen mündlichen Anhörung in Heidelberg am Dienstag, dem 14. Juni 2011, jemals der Vorwurf der Täuschung gemacht worden ist. Im Gegenteil: die wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Arbeit sind bis heute unstrittig und beruhen auf meiner eigenen wissenschaftlichen Leistung. Die Entscheidung kommt auch überraschend, weil ich bisher keine Akteneinsicht hatte. Ich werde prüfen lassen, ob sie rechtswidrig ist."

Uni Heidelberg: Substanzielle Teile der Arbeit sind Plagiate

Die Erklärung von Manfred Berg, Vorsitzender des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg, zu Aberkennung des Doktortitels von Koch-Mehrin:

Das vom Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät geprüfte Material belegt eindeutig, dass die im Jahre 2000 von Frau Koch-Mehrin vorgelegte und von der Philosophisch-Historischen Fakultät angenommene Dissertation ,Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: Die Lateinische Münzunion 1865-1927′ in substanziellen Teilen aus Plagiaten besteht." Auf rund 80 Textseiten der Dissertation finden sich über 120 Stellen, die nach Bewertung des Promotionsausschusses als Plagiate zu klassifizieren sind. Diese Plagiate stammen aus über 30 verschiedenen Publikationen, von denen zwei Drittel nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt worden sind.

Die Quantität und Qualität der nachweisbaren Plagiate lege zwingend die Schlussfolgerung nahe, dass diese Dissertation keine "selbstständige wissenschaftliche Arbeit" im Sinne der Promotionsordnung der Fakultät und des Landeshochschulgesetzes Baden-Württemberg darstelle, so Dekan Berg. "Angesichts der Vielzahl und des systematischen Charakters der Plagiate kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich Frau Koch-Mehrin in ihrer Dissertation fremdes geistiges Eigentum angeeignet und als das eigene ausgegeben hat." Die Zulassung zur Promotion und die Aushändigung der Doktorurkunde seien damit aufgrund schwerwiegender falscher Angaben über die Eigenständigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistung erfolgt, lautet das Fazit der Mitglieder des Promotionsausschusses. Dies habe zur Folge, dass Frau Koch-Mehrin der Doktorgrad zu entziehen sei.

Der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg hat die gegen Frau Koch-Mehrin erhobenen Plagiatsvorwürfe über mehr als zwei Monate eigenständig und unabhängig geprüft und sie dabei fortlaufend über den Stand des Verfahrens sowie die einschlägigen Bestimmungen der Promotionsordnung unterrichtet. Dekan Berg: "Der Promotionsausschuss ist sich darüber im Klaren, dass der Entzug des Doktortitels eine schwerwiegende Maßnahme darstellt, und hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht." Auf der Grundlage der dargelegten Prüfungsergebnisse halte der Ausschuss die Aberkennung des Doktorgrades jedoch für zwingend.

awr

Links


Dokumente

Universität Heidelberg: Silvana Koch-Mehrin – Universität Heidelberg beschließt die Entziehung des Doktorgrades (15. Juni 2011) 

VroniPlag Wiki: Internetseite

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

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