Kommission und EU-Länder setzen auf Stickstoffdünger aus Gülle
Aus Gülle erzeugter Stickstoffdünger könnte aus Sicht der EU-Kommission und der 27 Agrarminister:innen angesichts der aktuellen Krise auf dem Düngemittelmarkt der Schlüssel dazu sein, Kosten zu dämpfen und mehr Unabhängigkeit von Drittstaaten zu erreichen.
Aus Gülle erzeugter Stickstoffdünger könnte aus Sicht der EU-Kommission und der 27 Agrarminister:innen angesichts der aktuellen Krise auf dem Düngemittelmarkt der Schlüssel dazu sein, Kosten zu dämpfen und mehr Unabhängigkeit von Drittstaaten zu erreichen.
Bei ihrem monatlichen Treffen am Montag (17. Oktober) sprachen die Minister:innen über die Verwendung von Stickstoffdüngern, die durch die Verarbeitung und Umwandlung von Tierdung gewonnen werden. Belgien hatte hierzu einen Antrag gestellt, der von Spanien, Ungarn, den Niederlanden und Portugal unterstützt wurde.
Das Verfahren mit der Bezeichnung „REcovered Nitrogen from manURE (RENURE)“, zu Deutsch etwa „aus Dung gewonnener Stickstoff“, wäre eine Möglichkeit, die Selbstversorgung mit Düngemitteln zu verbessern und einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft zu leisten, so der belgische Landwirtschaftsminister David Clarinval.
Seit einigen Monaten sehen Landwirt:innen in der gesamten EU sich mit stark gestiegenen Kosten für Düngemittel, einem zentralen landwirtschaftlichen Betriebsmittel, konfrontiert. Bis vor einigen Monaten machten Russland und Belarus 60 Prozent Düngemittelimporte in die EU aus, wie aus den Daten des Branchenverbands Fertilizers Europe hervorgeht.
Aus Sicht der fünf Länder, die den Antrag stellten, könnte die Lösung jedoch näher liegen, als erwartet.
„RENURE-Produkte sind ein vollständiger Ersatz für chemische Düngemittel. Sie können die Nahrungsmittelsysteme widerstandsfähiger machen, weil sie auf lokalen Ressourcen basieren“, sagte der niederländische Minister Guido Landheer, dessen Land von den steigenden Preisen besonders betroffen ist.
Die Gemeinsame Forschungsstelle der Kommission kam in einem kürzlich veröffentlichten Bericht zu dem Ergebnis, dass die Wirkung von Düngemitteln auf der Basis von Tierdung der von chemischen Düngemitteln entspricht. Expert:innen zufolge sind sie außerdem weniger umweltschädlich.
Nitratrichtlinie im Blickpunkt
Düngemittel auf Güllebasis stehen jedoch vor einem Hindernis: der Nitratrichtlinie von 1991.
Nach dieser Richtlinie ist die Verwendung solcher Düngemittel eingeschränkt, um die nitratbedingte Wasserverschmutzung zu verringern. Die Ausbringung von mehr als 170 Kilogramm tierischem Stickstoff pro Hektar und Jahr auf Feldern in gefährdeten Gebieten ist verboten.
Damit die Mitgliedstaaten über den Grenzwert von 170 Kilo hinausgehen können – wie es in den Niederlanden ab 2020 der Fall ist -, fordert Belgien seit Monaten, dass Düngemittel aus Gülle als chemische Abwässer und nicht mehr als Abwässer aus der Tierhaltung definiert werden, da sie damit in den Anwendungsbereich der Richtlinie fallen.
„Wir fordern die EU-Kommission auf, die erforderlichen Gesetzesvorschläge zu unterbreiten, damit RENURE-Dünger außerhalb der begrenzten Mengen an Viehdung in gefährdeten Gebieten verwendet werden können“, heißt es in dem Dokument, das Belgien vor der Ratstagung an die EU-Kommission geschickt hat.
Kommission zeigt sich offen
Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski erinnerte daran, dass diese Beschränkungen nur Risikogebiete beträfen und dass es daher „keine Beschränkung für den Einsatz von RENURE in 30 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in der EU“ gebe.
Die Kommission erkenne an, dass diese Düngemittel eine „Schlüsselrolle“ spielen können, wenn es darum gehe, die Abhängigkeit der Landwirt:innen von Importen und ihre Anfälligkeit für Preisschwankungen zu verringern, so Wojciechowski.
Die Verringerung des Einsatzes chemischer Kunstdünger ist auch Teil der „Farm to Fork“-Strategie der Kommission, die eine Verringerung des Düngemitteleinsatzes um 20 Prozent bis 2030 vorsieht.
Wie von der belgischen Delegation gefordert, will die EU-Exekutive daher das Thema biobasierte Düngemittel in ihre angekündigte Mitteilung über Düngemittel aufnehmen, die am 9. November vorgelegt werden soll. In den kommenden Wochen sollen „regulatorische“ und „nicht-regulatorische“ Vorschläge zur Förderung des Einsatzes der RENURE-Dünger geprüft werden.
Wojciechowski betonte jedoch auch die Notwendigkeit, „strenge Verwendungsbedingungen“ einzuhalten, insbesondere um Ammoniakemissionen in die Atmosphäre zu vermeiden.
„In diesem Bereich muss jeder Antrag auf eine Ausnahme begründet werden, um die Einhaltung der Rechtsvorschriften zur Luft- und Bodenqualität nicht zu untergraben“, warnte er.
Lesen Sie den französischen Originalartikel hier.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]