Kroatischer Zentralbankchef: EZB wird Zinsen weiter erhöhen

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Zinssätze in diesem Jahr weiter anheben, abhängig vom Inflationsdruck und den Auswirkungen früherer Zinserhöhungen, erklärte der Zentralbankgouverneur des jüngsten Mitglieds der Eurozone, Kroatien, in einem Exklusivinterview mit EURACTIV.

EURACTIV.com reporting from Zagreb
Croatian National Bank Governor Boris Vujcic and Finance Minister Marko Primorac take the first euro banknotes at ATM
"Wir befinden uns in der Zinserhöhungsphase, und dieser Zyklus ist mit der letzten Erhöhung um 50 Basispunkte nicht zu Ende gegangen, sondern wird weitergehen. Bis wann, hängt davon ab, wie sich die Inflation entwickelt und wie sich frühere Erhöhungen auswirken, die von einer geldpolitischen Sitzung zur nächsten bewertet werden", sagte Gouverneur Boris Vujčić. [[ EPA-EFE/LANA SLIVAR / POOL]]

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Zinssätze in diesem Jahr weiter anheben, abhängig vom Inflationsdruck und den Auswirkungen früherer Zinserhöhungen, erklärte der Zentralbankchef des jüngsten Mitglieds der Eurozone, Kroatien, in einem Interview mit EURACTIV.

„Wir befinden uns in der Zinserhöhungsphase, und dieser Zyklus ist mit der letzten Erhöhung um 50 Basispunkte nicht zu Ende gegangen, sondern wird weitergehen“, so der Chef der kroatischen Zentralbank, Boris Vujčić.

„Bis wann, hängt davon ab, wie sich die Inflation entwickelt und wie sich frühere Erhöhungen auswirken, die von einer geldpolitischen Sitzung zur nächsten bewertet werden“, fügte er hinzu.

Vujčić, der seit dem Jahr 2000 zunächst Vizepräsident und dann Präsident der Zentralbank wurde, gehört seit dem Beitritt Kroatiens zur Eurozone am ersten Januar offiziell dem EZB-Rat an, dem obersten Beschlussorgan der Europäischen Zentralbank.

Er lehnte es ab, sich einem der Lager innerhalb des Gremiums anzuschließen, den sogenannten Falken oder Tauben, die jeweils eine restriktivere oder expansivere Geldpolitik befürworten.

„Ich versuche, eine vernünftige Politik zu machen, wie ich es in den letzten 23 Jahren getan habe, weder als ‚Falke‘ noch als ‚Taube‘, und das werde ich auch weiterhin tun. Ich mag es nicht, Probleme unter den Teppich zu kehren. Wenn ich Probleme sehe, versuche ich, sie zu lösen.“

Inflation: Nicht nur externe Faktoren

Vujčić wies darauf hin, dass die Inflation, die Europa im Jahr 2022 überrollte, nicht nur durch externe Faktoren verursacht wurde – Russlands Einmarsch in der Ukraine und die anschließende Energiekrise – sondern auch durch eine Kombination aus Druck auf der Angebots- und Nachfrageseite.

„Ein beträchtlicher Teil [der Inflation] war das Erbe der Maßnahmen während der Pandemie, als sowohl die Geld- als auch die Fiskalpolitik außerordentlich expansiv waren und es so gelang, den durch die Abriegelung verursachten Schock zu neutralisieren.“

Nach dem Ende der Lockdowns erholte sich die Wirtschaft schnell, und auch die Nachfrage, „da die Menschen während der Pandemie gespart hatten und die Löhne und Gehälter nicht stark betroffen waren, während sich das Angebot nicht so schnell erholen konnte, was zu einem zunehmenden Preisdruck führte“, erklärte Vujčić.

„Was wir aus dieser Episode lernen können, ist, dass die Inflation das Ergebnis einer Kombination aus externen Faktoren, das heißt aus Angebotsschocks, aber auch aus Nachfragefaktoren war, die durch einen außergewöhnlich expansiven Mix aus Geld- und Fiskalpolitik in einer früheren Periode verursacht wurden“, sagte er.

„Die Zentralbanken müssen handeln, um sogenannte Zweitrundeneffekte zu verhindern“, sagte er weiter. „Wenn die Inflation ein höheres Niveau erreicht, müssen wir verhindern, dass sie sich in Inflationserwartungen verankert, was die Bemühungen um eine Rückkehr der Inflation auf 2 Prozent erschweren würde“.

Baldige gemeinsame Finanzpolitik der Eurozone nicht realistisch

Während die EZB eine gemeinsame Geldpolitik für die gesamte Eurozone betreibt, ist die Finanzpolitik bisher Sache der Mitgliedsstaaten. Viele Ökonom:innen kritisieren die Währungsunion daher als „unvollständig“ und warnen vor Instabilität.

„Natürlich wäre es gut, eine gemeinsame Finanzpolitik zu haben, aber es ist nicht realistisch, das in absehbarer Zeit zu erwarten“, sagte Vujčić hierzu.

„Das Zweitbeste ist eine mittel- bis langfristige Annäherung der 20 bestehenden Finanzpolitiken auf einen weitgehend gemeinsamen Nenner, die Konvergenz der öffentlichen Schulden im Verhältnis zum BIP, sodass die Länder den fiskalischen Kurs auf harmonisierte Weise einhalten. Hier würde eine Koordinierung wirklich helfen.“

In Bezug auf EU-Länder, die nach wie vor zögern, der Eurozone beizutreten, etwa Polen, Tschechien oder Ungarn, sagte er, dies sei „größtenteils das Ergebnis politischer Entscheidungen“, während Kroatien mit seiner hochgradig europäisierten Wirtschaft „mehr zu gewinnen“ habe.

„Das ist in Ordnung, jedes Land kann selbst entscheiden, was es will“, sagte er. „Aber es ist schwer vorstellbar, dass man eine völlig unabhängige Geldpolitik haben kann und dennoch so eng mit dem zweitgrößten Währungsraum der Welt verbunden ist“, sagte er.

Vorteile für Kroatien: Mehr Krisenresistenz, weniger Währungsrisiko

Kroatien werde vom Euro-Beitritt profitieren, weil er das Land krisenfester mache, das Währungsrisiko verringere und das Land für Investitionen attraktiver mache, sagte er.

„Wir können es bereits jetzt sehen, wenn wir die Dinge mit der Krise von 2009 und der Schuldenkrise in der Eurozone vergleichen“, sagte er und betonte, dass es dieses Mal keine spekulativen Währungsangriffe gegeben habe und sich die Spreads auf Staatsanleihen im Vergleich zu deutschen Bundesanleihen nicht stark ausgeweitet hätten.

Vujčić sagte, dass die kroatischen Banken mit einer Eigenkapitalrentabilität von 13 Prozent in den ersten neun Monaten weiterhin sehr gut dar stünden und über einen großen Liquiditätsüberschuss verfügten, für den sie ab diesem Jahr Zinsen von der EZB erhalten würden.

Die EZB hat den Zinssatz für Bankeinlagen im Oktober 2022 um 75 Basispunkte auf 1,5 Prozent, den höchsten Stand seit 2009, und im Dezember auf 2 Prozent erhöht.

Gleichzeitig hatten die lokalen Banken, von denen sich die meisten in italienischem und österreichischem Besitz befinden, einmalige Kosten für die Umstellung auf den Euro im Jahr 2022 in Höhe von 900 Millionen Kuna (rund 132 Millionen Euro).

„Sie werden auch Einnahmen aus Transaktionen in harter Währung verlieren, von denen die meisten in Euro abgewickelt wurden und die sich auf etwa 200 Millionen Euro pro Jahr beliefen“, sagte er.

„Der Vorteil ist jedoch, dass das Währungsrisiko wegfällt, das sehr hoch war, da rund 50 Prozent der Einlagen auf Euro lauteten und die Kredite an den Euro gebunden waren. Außerdem sank die Mindestreserveanforderung von 9 Prozent [der Bankbilanz] auf 1 Prozent, und die Anforderung an die Banken, mindestens 17 Prozent der Hartwährungsaktiva vollständig liquide zu halten, entfällt nun.“

Bei den Mindestreserven handelt es sich um Mittel, die die Banken als Reserven auf ihren Konten bei der nationalen Zentralbank halten müssen.

Trotz einiger Preiserhöhungen aufgrund der Aufrundung der Euro-Preise, die viele Kroat:innen in den ersten Januartagen verärgerte, sagte Vujčić, dass die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Einheitswährung weiter wachsen dürfte.

„In unserer letzten Umfrage sprachen sich 65 Prozent für den Euro aus, und die Erfahrung zeigt, dass die Unterstützung nach der Einführung des Euro wächst, sobald die Menschen sehen, dass die Preise nicht wirklich so stark gestiegen sind, wie sie befürchtet hatten.“

[Bearbeitet von Janos Allenbach-Ammann/Benjamin Fox]