Libanons Freude an der Finanzkrise

Die EU ist Libanons wichtigster Partner, sagt Botschafter Ramez Dimechkié im Interview mit EURACTIV.de und hofft auf mehr Kooperationen. Von der internationalen Finanzkrise haben Libanons Banken bestens profitiert.

Ramez Dimechkiè, Botschafter eines kleinen Landes mit weltweit verstreuter Bevölkerung, im Gespräch mit EURACTIV.de (Foto: EURACTIV.de/Simon Harik)
Ramez Dimechkiè, Botschafter eines kleinen Landes mit weltweit verstreuter Bevölkerung, im Gespräch mit EURACTIV.de (Foto: EURACTIV.de/Simon Harik)

Die EU ist Libanons wichtigster Partner, sagt Botschafter Ramez Dimechkié im Interview mit EURACTIV.de und hofft auf mehr Kooperationen. Von der internationalen Finanzkrise haben Libanons Banken bestens profitiert.

EURACTIV.de: Wie weit ist der Libanon von der Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen?

Dimenchkié: Wir sind betroffen – aber positiv! Und zwar dank der Kapitalflucht. Wir profitierten sowohl von der globalen Finanzkrise als auch von der Dubai-Krise, die gleich danach kam. So kam eine Menge Fluchtkapital aus dem Golf nach Libanon. Dadurch haben unsere Banken außerordentlich profitiert. Unsere Zahlungsbilanz hat sich sehr positiv entwickelt.

Wir haben übrigens auch auf dem Tourismussektor profitiert, weil viele Leute aus der Golfregion nicht nach Europa oder nach Amerika reisen konnten. Daher kamen sie in den Libanon, wo das Klima angenehm ist und wo es trotz mancher Spannungen friedlich ist.

EURACTIV.de: Wieso ging das Fluchtkapital gerade in den Libanon?

Dimenchkié: Europa musste sich stark auf die globalen Aspekte der Finanzkrise kümmern, weil es auch stark davon betroffen war. Der Libanon ist auf der europäischen Skala eine kleine Nummer. Jedoch genießt unser Bankensektor außerordentlich hohes Vertrauen. Wir waren von der Krise nicht betroffen. Unsere Banken hatten mit den Subprime-Spielen im Gegensatz zu sehr vielen europäischen Banken nichts zu tun. Die libanesischen Banken waren da sehr vorsichtig und konnten es sich nicht erlauben, diese Spiele mitzumachen.

Unsere Banken haben sehr gute Leistungen erbracht und expandieren nun in der gesamten Region – im Sudan, in Syrien, in Ägypten, überall sind vier große libanesische Banken vertreten.

Nach der allgemeinen Finanzkrise hat auch die Kapitalflucht aus Dubai dazu beigetragen, dass unser Bankensektor einen zusätzlichen Aufschwung erlebte.

In den libanesischen Banken haben sie gut lachen. In Dubai und den anderen Emiraten wissen sie ganz genau, wenn es Krisen gibt, wohin das Kapital gehen muss, um in Sicherheit zu bleiben.

Das gehört zur menschlichen Natur. Das zeigte sich auch im Libanon-Krieg: Da floh eine Menge Geld nach Dubai. Sehr viel Kapital wurde aus der Region abgezogen. Das sind sehr gute Geschäftsleute.

Außerdem ist es ein Libanese, der die Entwicklungs- und Investitionsbehörde in Dubai leitet, unser früherer Wirtschaftsminister Nasser Sadi. Daher bin ich ganz zuversichtli

Neues Partnerschaftsabkommen mit der EU

EURACTIV.de: Der Libanon hat eine neue Regierung. Haben die Beziehungen zwischen dem Libanon und der EU einen neuen Anschub bekommen?

Dimenchkié: Wir haben jetzt ein Partnerschaftsabkommen mit der Europäischen Union. Die EU ist unser größter Handelspartner. Deutschland ist der viertgrößte Partner des Libanons. Von einer Vertiefung dieser Beziehung und Zusammenarbeit gäbe es eine Menge zu profitieren. Jede auch noch so bescheidene Verbesserung beim Handel unseres Landes mit der EU wäre für uns sehr nützlich.

Ich glaube, dass wir in der richtigen Richtung unterwegs sind. Aber wir müssen noch immer unsere Rolle in der modernen Weltwirtschaft finden. Wir haben sie noch nicht gefunden. Wir sind stark im Bankensektor, wir haben mit gewissen Dienstleistungssektoren angefangen, aber ich glaube, wir müssen uns mehr in Richtung High-Tech-Industrien bewegen.

Der Libanon ist nicht im Fokus der EU. Aber umgekehrt. Dass die EU unser wichtigster Außenhandelspartner ist, ist für uns von größter Bedeutung. Was für Deutschland wie eine ganz kleine Fliege aussieht, kann für uns bei der Verbesserung unserer Exporte ganz große Wirkung zeugen.  

Großer Marktanteil deutscher Automobile

EURACTIV.de: Wer sind denn die größten Investoren?

Dimenchkié: Wir haben nicht viele Investoren. Wir haben viele ausländische Unternehmen, die im Libanon tätig sind, in der Automobilbranche beispielsweise. Mercedes, Audi, BMW, sie alle haben einen großen Marktanteil.

Große Vertragspartner waren beim Bau des Beiruter Flughafens und der Entwicklung der Infrastruktur aktiv. Die deutsche Regierung leitet Entwicklungshilfeprojekte unter anderem bei Wasser und Wasseraufbereitung.

Aber Sie haben mit Ihrer Frage den Punkt getroffen: Es gibt ganz wenige Investitionen. Da sollte von den deutschen Unternehmen mit sehr geringfügigen Investitionen noch eine Menge getan werden.

EURACTIV.de: In welchen Branchen?

Dimenchkié: In allen Formen von erneuerbarer Energie, da sollte es Public Private Partnership geben, wo große Unternehmen wie Siemens und andere mit der libanesischen Regierung ein Joint Venture begründen.

Aber wir brauchen auch die deutsche Expertise in Infrastruktur und natürlich auf militärischem Gebiet bei Radarkontrollen, Grenzkontrollen und Ähnlichem, was für uns sehr wichtig ist. Wir sind auf der Suche nach Partnerschaften und wollen nicht nur die Ausrüstung kaufen oder verkaufen.

"Israel bricht ständig das Völkerrecht"

EURACTIV.de: Wie sind derzeit die Beziehungen zu Israel?

Dimenchkié: Es gibt keine Beziehungen.

EURACTIV.de: Wie werden die Beziehungen zu Israel in Zukunft aussehen?

Dimenchkié: Es wird so lang keine Beziehungen geben, solang Israel Teile unseres Territoriums besetzt hält. Es verletzt laufend die Resolutionen zu Luft, zur See und zu Land. Israel bricht ständig das Völkerrecht.

EURACTIV.de: Israel bemüht sich in Deutschland um den Ankauf eines vierten U-Bootes. Wie reagiert der Libanon darauf?

Dimenchkié: Man sollte ihnen das nicht verkaufen. Wir können ja nicht einmal Gewehre bekommen. Die Deutschen erklären allen, die nach Deutschland zum Ankauf von Verteidigungswaffen angereist kommen, sie würden nichts in Konfliktregionen liefern. Wenn aber Israel keine Konfliktregion ist, dann weiß ich nicht, wo sonst eine Konfliktregion ist.

EURACTIV.de: Vor kurzem gab es den diplomatischen Zwischenfall, als die israelische Regierung dem deutschen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel den Besuch des Gazastreifens verwehrte. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle haben dies kritisiert.

Dimenchkié: Die Blockade des Gazastreifens verstößt gegen das Völkerrecht. Die kollektive Bestrafung der gesamten Bevölkerung von eineinhalb Millionen Menschen, weil ein israelischer Soldat von der Hamas gefangen gehalten wird, ist unglaublich. Was noch unglaublicher ist, ist die Reaktion der internationalen Gemeinschaft. 

Das andere schreckliche Ereignis betreffend den Gazastreifen, wo die Leute obdachlos sind, keine medizinische Versorgung und keine Baumaterialien zum Wiederaufbau haben, war diese Flottille, die von der Türkei ihren Ausgang nahm und an der auch Leute aus dem Westen, auch aus Deutschland, sogar aus dem Bundestag, teilgenommen haben. Wir sollten den israelischen Angriff auf die Schiffe juristisch klären und nicht mit Raketen in Richtung Israel beantworten.

Nun heißt es, die Sanktionen sollen gelockert werden. Ich glaube es aber erst, wenn ich es sehen kann.

"Deutschland äußert sich endlich"

EURACTIV.de: Erwarten Sie durch diesen Vorfall eine Änderung der Situation, etwa durch mehr internationalen Druck auf Israel?

Dimenchkié: Ja, ich bin sicher, dass es dadurch in der offiziellen Haltung Deutschlands eine plötzliche, aber ausgewogene Haltungsänderung gegeben hat. Vor allem hat man sich einmal dazu geäußert. Bis jetzt hat ja niemand gegenüber Israel, was immer es auch getan hat, offiziell etwas Kritisches ausgesprochen.

Jetzt spricht Deutschland eine deutlichere Sprache. Es lässt Israel wissen, dass es mit seinen Aktionen nicht glücklich ist. Das ist schon mal gut. Die Haltung hat sich also geändert. Die Bundeskanzlerin und der Außenminister haben sich sehr positiv geäußert. Diese Art, sich so deutlich zu äußern, war bisher nicht bekannt. Deutschland schien da vorher sehr schüchtern.

Alles, was wir von Deutschland erwarten, ist, dass es sich ans Recht hält und dazu steht. Ich meine damit nicht das, was ich für Recht halte, sondern das Völkerrecht und die UN-Resolutionen.

EURACTIV.de: Wie viele Libanesen leben in Europa?

Dimenchkié: Im EU-Raum mindestens 350.000, vielleicht sogar 400.000. In Deutschland leben etwa 80.000 Libanesen, 10.000 davon in Berlin. Die Bevölkerung im Libanon selbst beträgt vier Millionen – aber in Brasilien haben wir zehn Millionen Libanesen! Das geht auf das späte 19. Jahrhundert zurück.

EURACTIV.de: Sie erwähnten vorher den Tourismus, von dem der Libanon profitiert. Tourismus aus Europa spielt aber keine Rolle?

Dimenchkié: Es gibt schon Touristen aus Europa, aber nicht großartig viele. Wir sind kein Markt für den Massentourismus wie Ägypten oder Tunesien oder Marokko. Wir sind eher ein Nischenmarkt.

EURACTIV.de: Der Libanon galt früher als die Schweiz des Orients…

Dimenchkié: Ja, das waren wir einmal. Oder von mir aus: wie Österreich. Ich hoffe, wir sind das eines Tages auch wieder.

EURACTIV.de: Wann?

Dimenchkié: Sobald wir wieder Frieden haben. Wann das sein wird? Fragen Sie die Israelis, nicht mich.

Multikulturelle Gesellschaft

EURACTIV.de: Wohin orientiert sich die junge Generation des Libanons – eher in Richtung Europa oder in Richtung Islam?

Dimenchkié: Beides, alles zusammen. Wir sind eine total multikulturelle Gesellschaft. Die einen sind auf den Osten ausgerichtet, die anderen auf den Westen. Die einen wenden sich dem Islam zu, die anderen dem Christentum.

EURACTIV.de: Was sind die speziellen Interessen des Libanons in der EU, welche Rolle kann das Land dabei spielen?

Dimenchkié: Unser Interesse definiert sich aus der sehr großen Gemeinschaft der Libanesen, die im Ausland leben. Libanesen leben fast überall auf der Welt. Aber wir sind ein sehr kleines Land.

Wir brauchen daher Märkte und Möglichkeiten für unsere heranwachsenden Generationen. Diese Situation hatten wir immer schon. Es waren immer die Libanesen, die Palästinenser und die Syrer, die stets die Architekten, die Ingenieure und anderen Fachleute für die ganze Region am Golf gestellt haben. Wir brauchen diese Märkte und brauchen daher auch gute Beziehungen mit diesen Ländern – aus ganz eigennützigen Gründen.

Das gilt auch gegenüber Europa. Wie gesagt, da leben mehr als 350.000 Libanesen. Viele von ihnen haben es auf allen möglichen Gebieten zu etwas gebracht. Darauf kann man durchaus stolz sein. Diese Menschen unterstützen die libanesische Wirtschaft. Dabei handelt es sich um eine wirklich starke Unterstützung, an der wir größtes Interesse haben.

EURACTIV.de: Wie weit ist der Wiederaufbau in Ihrem Land vorangeschritten?

Dimenchkié: Wir machen immer zwei Schritte vorwärts, doch Israel bringt uns wieder einen Schritt zurück. Das war auch so beim letzten Krieg im Jahr 2006. Ich war da gerade auf Posten in den Niederlanden. Alles wurde zerstört, Brücken, Straßen, Krankenhäuser, Kraftwerke, ganze Stadtviertel. 1.400 Menschen wurden getötet.

Aber da war von der internationalen Gemeinschaft nichts zu hören. Da war alles ganz ruhig. Wenn ich mir also jetzt die Reaktionen aus Europa auf Israel ansehe, dann muss ich sagen: Gott sei Dank wachen sie jetzt auf und sehen, was Israel tut.

Interview: Ewald König