Lissabon: Verhofstadt zweifelt an Wirksamkeit nationaler Aktionspläne
Der belgische Ministerpräsident Guy Verhofstadt hat neue Ideen zur Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft vorgestellt: indirekte Steuern, so genannte „Sunrise Klauseln“ und mehr Geld für Forschung und Entwicklung.
Der belgische Ministerpräsident Guy Verhofstadt hat neue Ideen
zur Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft vorgestellt:
indirekte Steuern, so genannte „Sunrise Klauseln“ und mehr Geld für
Forschung und Entwicklung.
In einem zehnseitigen Papier mit der Überschrift ‚Fünfkampf’
für Europa. Eine innergemeinschaftliche Wachstumsstrategie für die
europäische Gemeinschaft stellt der belgische
Ministerpräsident den Nutzen der ‚offenen Koordinierungsmethode’ in
Bezug auf die Belebung der Reformagenda von Lissabon infrage. Er
äußert ebenfalls Zweifel daran, ob die Idee der Kommission, die
Mitgliedstaaten um die Anfertigung von Aktionsplänen zu bitten,
ausreichend sei.
Verhofstadt befürchtet, dass die EU Gefahr laufe
ihr Gesellschaftsmodell zu untergraben, indem
sie sich ausschließlich auf Maßnahmen der einzelnen
Mitgliedstaaten verlasse. „Die Gefahr droht, dass soziales
und steuerliches Dumping in nationalen Aktionsplänen einer
kohärenten und koordinierten, innergemeinschaftlichen Bewältigung
der Probleme vorgezogen wird. Und diese Gefahr ist seit der
Erweiterung der Union um so realer. Zusammengefasst: Nationale
Aktionspläne sind gut, sie können aber nie eine globale
Wachstumsstrategie ersetzen, die wir neben dem Stabilitätspakt und
den Lissabon-Zielen brauchen“, so Verhofstadt.
Das Papier von Verhofstadt identifiziert fünf strukturelle
Schwächen der europäischen Wirtschaft:
- Die Finanzierung des europäischen Gesellschaftsmodells
untergräbt die produktiven Kräfte der Gesellschaft. - Die Gefahr des „Dumpings“ beeinträchtigt nicht nur das
europäische Gesellschaftsmodell, sondern auch den Zusammenhang des
Binnenmarkts. - Der europäische Binnemarkt ist unvollendet und die Fortschritte
in diesem Bereich sind viel zu gering. - Der Forschungsbereich erhält nicht ausreichend
Unterstützung. - Die Politik trägt nicht zu einer adäquaten Antwort auf die
Herausforderungen bei.
Verhofstadt fasst zusammen, „dass Europa zurzeit
einen „Fünfkampf“ austrägt. Der Einsatz ist
die Entwicklung der wettbewerbsfähigsten Wissenswirtschaft der
Welt, wobei Europa diese Herausforderung ohne Doping (das heißt
Dumping) eingehen möchte. Europa möchte die weltweit
wettbewerbsfähigste Wissenswirtschaft entwickeln, ohne dabei ihr
Gesellschaftsmodell zu Grunde zu richten“.
Die Lösung der Probleme müsse Verhofstadt zufolge auf die
folgenden fünf ‚Bausteine’ beruhen:
-
Ein „europäischer Konvergenzcode“: Die
Mitgliedstaaten der EU sollten Höchst- und Mindestwerte (‚Maxima’
und ‚Minima’) festlegen, „innerhalb derer sich die Wirtschaften der
verschiedenen Mitgliedstaaten der Union entwickeln müssen“. Als
Beispiele führt Verhofstadt die Flexibilität/Rigidität des
Arbeitsmarktes an, die Dauer der Arbeitslaufbahn, der Grad des
Schutzes der Arbeitnehmer und den Umfang der staatlichen
Intervention. Die Mitgliedstaaten sollten einen gewissen Spielraum
bei der Anwendung dieser ‚Werte’ haben, der Abstand zwischen den
Höchst- und Mindestwerten dürfte jedoch nicht zu groß sein. - Reform der Steuersysteme und neuartige Finanzierung des
Gesellschaftsmodells durch die „massenweise
Verschiebung von direkten Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen
zu indirekten Steuern“: Dies sollte in zwei Phasen
geschehen: in der ersten Phase würden die indirekten Steuern auf 40
% der Gesamtsteuerbelastung (derzeit liegen sie im Durchschnitte
bei 33 %) angehoben werden und in der zweiten Phase würden die
indirekten und direkten Steuern jeweils 50 % ausmachen. - Vollendung des Binnenmarkts und ‘Sunrise Klauseln’ für
Binnenmarktrichtlinien: EU-Binnenmarktsgesetze würde
automatisch ab einem bestimmten Zeitpunkt in Kraft treten, „auch
dann wenn es keine vollständige formelle Umsetzung“ seitens der
Mitgliedstaaten gibt. - Eine drastische Erhöhung der Anstrengungen im
Forschungsbereich: 50 % sämtlicher Ausgaben zur
Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit (Abschnitt 1a) des Vorschlags
für die finanzielle Vorausschau) sollten an Forschung &
Entwicklung (FuE) gehen und 25 % der regionalen Ausgaben aus den
Strukturfonds sollten für FuE-Projekte ausgegeben werden. -
Neue politische Steuerung: die Kommission und
parlamentarische Sonderausschüsse in den Mitgliedstaaten, die sich
aus nationalen und europäischen Abgeordneten zusammensetzen,
sollten die Fortschritte bei der Durchsetzung von Reformen
beaufsichtigen (anstatt des ‚Mr’ oder der ‚Ms Lissabon’ der
Kommission).