Mahnende Worte zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs
Der 28. Juli gibt nicht nur Anlass zum Gedenken, sondern auch zum Nachdenken. EURACTIV sprach über einige Aspekte mit dem Militärhistoriker Wolfgang Etschmann.
Der 28. Juli gibt nicht nur Anlass zum Gedenken, sondern auch zum Nachdenken. EURACTIV sprach über einige Aspekte mit dem Militärhistoriker Wolfgang Etschmann.
Heute vor 100 Jahren begann mit der Kriegserklärung von Österreich-Ungarn (und Rückendeckung des deutschen Kaisers) an Serbien, als Folge des Attentats auf den Thronfolger Franz Ferdinand, der Erste Weltkrieg. Aus einem Regionalkrieg entwickelte sich plötzlich ein weltweiter Konflikt, in den schließlich gut 40 Staaten involviert werden.
Damit nicht genug. Der Erste Weltkrieg bereitete auch noch den Boden für den Zweiten Weltkrieg. Dieser begann nur 25 Jahre später – und dieser Jahrestag folgt bereits am 1. September. An die 100 Millionen Menschen mussten zwischen 1914 und 1945 ihr Leben lassen. Ein Zitat des neuen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker zeigt die bis heute nachwirkende Dramatik auf: „Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der besuche die Soldatenfriedhöfe“. Appelle wie jener der ersten Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner („Die Waffen nieder“) vor und des Publizisten Richard Coudenhove-Kalergie mit dem Plädoyer für eine Vereinigung Europas nach dem Ersten Weltkrieg verhallten fast ungehört. Bis 1949 der Europarat gegründet und drei Jahre später mit der so genannten Montanunion der Grundstein für die Europäische Union gelegt wurde.
Ein Ausspruch jenes österreichischen Politikers, der sein Land vor mittlerweile 20 Jahren in die EU führte, nämlich Alois Mock, gibt Stoff zum Nachdenken: „Noch nie hat der europäische Kontinent eine so lange und friedvolle Zeit wie jetzt durchlebt. Der europäische Einigungsprozess ist weit fortgeschritten, aber nicht unumkehrbar.“ Der Erste Weltkrieg war letztlich eine Initialzündung für eine tiefgreifende Umgestaltung der Machtverhältnisse und der Weltgesellschaft. Der 28. Juli gibt nicht nur Anlass zum Gedenken, sondern auch zum Nachdenken. EURACTIV sprach über einige Aspekte mit dem Militärhistoriker Wolfgang Etschmann.
EURACTIV.de: War der Erste Weltkrieg eigentlich ein unvermeidbares Ereignis?
Der Erste Weltkrieg war sicher kein „unvermeidlicher Krieg“. Die vorhandenen Spannungen in Europa hätten sich zumindest – wie viele Konflikte seit 1849 – vermindern lassen können. Noch wenige Wochen vor dem Attentat von Sarajevo wurde ein großer Krieg in Europa für wenig wahrscheinlich bis unmöglich eingeschätzt. Die entscheidenden Tage waren jene zwischen 22. Juli und 4. August 1914, als die politischen und militärischen Führungen durch die Fehleinschätzungen der jeweiligen Gegenseite wie die „Schlafwandler“ in den Krieg taumelten.
ETSCHMANN: Was sind für einen Historiker zentrale Auslösemomente für diesen Krieg gewesen?
Der Traum vom kurzen Krieg. Der sich nicht erfüllte, weil aus einem Regionalkonflikt ein weltweiter Flachenbrand wurde. Die noch im August 1914 geäußerte Hoffnung der Soldaten „zu Weihnachten (gemeint war 1914) wieder zuhause“ zu sein und „at home again, when the leaves fall“, sollte sich für die meisten Überlebenden und nicht in Gefangenschaft Geratenen erst zu Weihnachten 1918 erfüllen.
Worin liegt die besondere Dramatik des Ersten Weltkriegs?
Es ist die menschliche Tragödie auf der einen Seite und dass man keine Lehren aus den vorangegangenen Kriegen gezogen hatte. Mehr als zehn Millionen Soldaten waren ums Leben gekommen, mehr als doppelt so viele Zivilisten starben allerdings weltweit an Entbehrungen und Krankheiten, so zum Beispiel durch die „Spanische Grippe“. Oder denken wir nur an die Armenier im Osmanischen Reich, die nicht durch direkte Kriegseinwirkungen sondern durch die Übergriffe gegnerischer Truppen, von Deportationen und Massakern im Jahr 1915 betroffen waren. Die Kriegserfahrungen in den USA von 1861 bis 1865, im Burenkrieg von 1899 bis 1902, im russisch-Japanischen Krieg 1904/05 und in den Balkankriegen 1912/13 waren viel zu wenig berücksichtigt worden. 1859, 1866 und 1870/71 fanden eigentlich jeweils nur kurze Kriege von acht bis bis 24 Wochen statt. Letztlich hoffte man 1914 – bei allen kriegführenden Mächten – auf die rasche militärische Entscheidung. Eine totale Fehleinschätzung.
Wann wäre theoretisch noch ein Schlussstrich, eine Wende möglich gewesen?
Eine internationale Konferenz im Sommer 1914 wäre theoretisch möglich gewesen. Ob sie aber rechtzeitig einberufen hätte werden können und ob sie ein vernünftiges Ergebnis gebracht hätte, erscheint mir wenig wahrscheinlich.
Sind die durch die Friedensverträge 1918/19 erfolgten Grenzziehungen Problemverursacher vieler Krisen, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Europa beschäftigen?
Die Grenzkonflikte und -ziehungen durch die Siegermächte hatten mehr als ein Dutzend Kriege in den Jahren von 1918 bis 1922 zwischen den Nachfolgestaaten in Europa und Kleinasien zu Folge. Ich erwähne nur beispielhaft, die Annexionskriege in der entstehenden Sowjetunion, vier Kriege um die neuen Staaten im Baltikum, die tschechische militärische Besetzung der „Sudetengebiete“, den polnisch-deutschen Krieg um Oberschlesien und die Danzig-Frage, den Kärntner Abwehrkampf gegen slowenische und südslawische Truppen, den albanischen Aufstand gegen italienische Besatzungstruppen und den griechisch-türkischen Krieg. Alle diese Auseinandersetzungen waren „ideale“ Vorbedingungen für die Ereignisse ab 1938/39, die zum Teil noch bis in unsere Tage nachwirken. Dies kommt jetzt auch im Konflikt um die Ukraine zum Tragen, wo eine Wurzel des Problems in der Schaffung eines unabhängigen ukrainischen Staates nach 1918 begründet liegt.
Könnte man wirklich aus der Geschichte lernen oder ist das mehr Rhetorik?
Christopher Clark hat bei der Eröffnung der diesjährigen Salzburger Festspiele gesagt, man könnte – ohne gleich Analogieschlüsse zu ziehen – lernen. Allerdings hat er aber bei Prognosen zur Vorsicht gemahnt. Niemand hätte jeweils schon drei Monate zuvor den sogenannten „Arabischen Frühling“, der mittlerweile eigentlich ein „Spätherbst“ geworden ist, oder die Ereignisse in der Ukraine und Russland vorausgesehen. Eines aber ist sicher: Aufmerksamkeit und Vorsicht ist laufend geboten.