Multikulturelle Schule in Vukovar: Ein Schlag ins Wasser
Der Bau einer modernen Schule in Vukovar sollte die Integration unterschiedlicher Nationalitäten unterstützen. Das Projekt wurde jedoch niemals vollständig umgesetzt.
Der Bau einer modernen Schule in Vukovar – das im kroatischen Unabhängigkeitskrieg 1991-1995 besonders zu leiden hatte – soll die Aussöhnung der lokalen kroatischen und serbischen Bevölkerungsgruppen unterstützen. Das Projekt wurde jedoch niemals vollständig umgesetzt. Jetzt verlangen die Investoren ihre Gelder zurück. EURACTIV Kroatien berichtet.
Die interkulturelle Schule Dunav [Donau] soll anders sein: Sie wäre die erste Schule in Kroatien, an der hunderte Kinder mit kroatischer, serbischer und anderer Nationalitäten gemeinsam den Unterricht besuchen und ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdecken könnten.
Doch wie es scheint, standen kroatisch- und serbischstämmige Lokalpolitiker nie mit vollem Elan hinter der Sache.
Im ersten Halbjahr 2014 hatte der damalige Premierminister Zoran Milanović mit der norwegischen Regierung eine Vereinbarung über die finanzielle Unterstützung für das Projekt unterzeichnet. Damit erklärten sich Norwegen und andere, kleinere Investoren (Island und Liechtenstein) bereit, 1,3 Millionen Euro für das Projekt zu spenden.
Eigentlich hätte die Schule in Borovo Naselje, einem Vorort von Vukovar im östlichsten Teil Kroatiens, im vergangenen Jahr eröffnet werden sollen. Das bereits fertiggestellte, zweistöckige Gebäude verfügt über Smart-Boards, Computer, Aufzüge für körperlich beeinträchtigte Schüler, moderne Lehrmittel und farbenfrohe Teppiche. Das Bildungsministerium stellte der Schule die Lehrerlaubnis aus, erarbeitete einen speziellen Lehrplan und bildete Dutzende von Lehrern für das Sonderprogramm aus.
Die Schule hat seit nunmehr einem Jahr und acht Monaten sogar einen Schulleiter. Sie wird aber wahrscheinlich auch in diesem Jahr nicht eröffnet werden, da die lokalen HDZ- und SDSS-Parteien die Idee einer interkulturellen Schule weiterhin boykottieren.
Geldgeber enttäuscht
Inzwischen ist Norwegen offenbar der Geduldsfaden gerissen. Die klare Ansage aus Oslo: Wenn ihr die Schule nicht wollt, dann gebt das Geld zurück.
Wie EURACTIV.hr erfahren hat, hat Norwegen Kroatien inzwischen tatsächlich aufgefordert, die Mittel zurückzuzahlen. Es liege einen deutlicher Verstoß gegen das Projektabkommen vor, so die norwegische Argumentation. Schließlich sei die Frist für den Abschluss des Projekts Ende April 2017 abgelaufen. Da das Vorhaben offensichtlich nicht pünktlich umgesetzt wurde und bisher rund 390.000 Euro ausgegeben wurden, habe Norwegen beschlossen, sich zurückzuziehen und die Gelder zurückzufordern.
Die norwegische Botschaft in Kroatien teilte mit, man bedauere, dass Kroatien seinen Teil der Vereinbarung über dieses „sehr wichtige Projekt“ nicht eingehalten habe.
„Wir waren bereit, dieses Projekt zu finanzieren. Wir haben dafür 1,3 Millionen Euro bereitgestellt. Auch die Lehrer engagierten sich für das Projekt; Eltern und Kinder zeigten Interesse an der Schule,“ so die norwegische Botschaft gegenüber EURACTIV.hr.
„Es tut uns leid, dass das Projekt nicht im Einklang mit der für beide Seiten verbindlichen Vereinbarung abgeschlossen werden konnte. Die Mittel müssen effizient und im Einklang mit den Vorschriften und Vereinbarungen verwaltet werden. Deshalb haben wir nun die Rückgabe unserer bisherigen Investitionen – rund 390.000 Euro – gefordert.“
Aussöhnung unerwünscht?
Den Projektinitiatoren geht es nicht so sehr um die Mittel, sondern vor allem darum, einem verarmten, vom Krieg geplagten Gebiet wieder ein Gefühl der Normalität zu verleihen.
Auch die norwegische Botschaft in Zagreb stellte fest, Ziel des Projekts sei es, die gesellschaftliche Rehabilitierung einer multiethnischen Gemeinschaft nach dem Krieg zu fördern und ein höheres Maß an Verständnis, Respekt und Zusammenarbeit zwischen Minderheits- und Mehrheitsgruppen zu erreichen.
„Die interkulturelle Schule in Vukovar hätte eine moderne Schule sein können, in der die neuesten Methoden und Technologien eingesetzt werden. Sie hätte ein Beispiel dafür sein können, wie Schulen zur Integration und zum Dialog in Konfliktgebieten beitragen können,“ so ein sichtlich konsternierter Botschaftssprecher.
Die interkulturelle Schule war jedoch von Anfang an sowohl bei der Kroatischen Demokratischen Union (HDZ, die auch die führende Partei in der Regierungskoalition Kroatiens ist) als auch von der Unabhängigen Demokratischen Serbischen Partei (SDSS) unerwünscht.
Der amtierende Bürgermeister Ivan Penava (HDZ), der sich sowohl in der vorherigen Opposition als auch nach seiner Ernennung zum Bürgermeister gegen das Projekt ausgesprochen hatte, weigerte sich kürzlich, zu kommentieren, warum die Schule noch immer nicht eröffnet worden sei.
„Damals (in der Opposition) war ich der Meinung, das Projekt sei nicht gut für Kroatien und dass ein souveränes Land keine Fremdeinmischung in seinen gesetzlichen Bestimmungen, insbesondere im Bildungsbereich, zulassen sollte. Ich habe meine Meinung nicht geändert,“ sagte er lediglich.
Penava weiter: „Leider teilt unser Land anscheinend nicht meine Meinung. Die Regierung hat das Projekt gestartet und zum Abschluss gebracht, sodass wir die Schule in Vukovar mit oder ohne unsere Zustimmung bekommen hätten. Nun wird sich zeigen, ob die Bürger an dem Projekt wirklich interessiert sind.“
Željko Sabo, Sozialdemokrat (SDP) und ehemaliger Bürgermeister von Vukovar, kritisiert die beiden konservativen Parteien dafür, die Schule von Anfang an abgelehnt zu haben. Nach zähen Diskussionen hätten sie dem Projekt widerwillig zugestimmt und es dann immer wieder torpediert.
„Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, dass einige Leute in Vukovar nicht wollen, dass der Krieg wirklich vorbei ist. Zu den Grundvoraussetzungen für das Zusammenleben in Vukovar gehören gemischte Kindergärten und Schulen. Die aktuelle Situation ist grotesk. Ausländer, mit denen ich darüber spreche, können ihre Verblüffung darüber nicht verbergen,“ sagte Sabo gegenüber EURACTIV.hr.
Skepsis auch in der Bevölkerung
Der Schulleiter der immer noch geschlossenen Schule, Zlatko Hegeduš, versicherte, er habe alle Bedingungen erfüllt – von der Lösung technischer Probleme bis zur Genehmigung des Lehrplans und anderer notwendiger Genehmigungen durch das nationale Schulministerium.
Er betonte auch, man habe einen Aufruf zur Anmeldung auf der Website der interkulturellen Schule, auf der offiziellen Website von Vukovar sowie in der Lokalpresse veröffentlicht. Tatsächlich waren aber nur wenige Eltern auf diesen Aufruf eingegangen. Scheinbar ist die Skepsis gegenüber der multikulturellen Schule auch in der Bevölkerung verbreitet.
Hegeduš fasst zusammen: „Ich bin enttäuscht über das geringe Interesse von Seiten der Bürger und der jungen Eltern“.