Rente mit 63 "grottenschlechtes Signal"
Europa erlebt gerade die Ruhe vor dem Sturm: Bereits in wenigen Jahrzehnten werden die alternden Bevölkerungen zur gewaltigen Herausforderung für die Rentensysteme.
Europa erlebt gerade die Ruhe vor dem Sturm: Bereits in wenigen Jahrzehnten werden die alternden Bevölkerungen zur gewaltigen Herausforderung für die Rentensysteme.
In Deutschland herrsche gerade „demografische Pause“: Die Belastungen für die Rentenkassen werden in den kommenden Jahren nur langsam ansteigen, da demnächst lediglich die geburtenschwachen Jahrgänge nach dem „Pillenknick“ in Rente gehen werden. Hinzu kämen prall gefüllte Rentenkassen durch die gute Wirtschaftslage. Der Reformdruck sei dementsprechend gering, erklärt Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute, beim diesjährigen DIA-Forum zum Thema „Rente auf Pump? – Sozialsysteme in Europa“ in Berlin. Die Politik habe die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und Geschenke an „einige Klientel in der deutschen Bevölkerung“ vergeben. Gemeint sind die Mütterrente sowie die Rente mit 63, welche laut Rürup „ein grottenschlechtes Signal“ sei.
Doch das deutsche Rentensystem ist nicht das einzige, auf das mittelfristig gewaltige Herausforderungen zukommen werden. Die Situation sei nämlich in sämtlichen EU-Mitgliedsstaaten mehr oder weniger die gleiche, erklärt Michael Bräuninger, Forschungsdirektor am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI): Die Lebenserwartung der Menschen nehme zu, so dass es immer mehr alte Menschen gebe. Gleichzeitig seien die Geburtenraten sehr niedrig. Dadurch stünden den zahlreichen alten Menschen immer weniger Erwerbstätige gegenüber, die in die Rentenkassen einzahlen und damit die Alten finanzieren könnten.
Trotz dieser europaweiten Gemeinsamkeiten gibt es deutliche Unterschiede zwischen den EU-Ländern, und auch die Entwicklungstrends verlaufen unterschiedlich: Irland und die Slowakei wiesen 2013 EU-weit das günstigste Verhältnis zwischen alten und jüngeren Menschen auf, Deutschland und Italien dagegen das ungünstigste. Bis 2060, so die HWWI-Prognose, werde sich das Verhältnis in sämtlichen EU-Ländern weiter verschlechtern, jedoch werde dann die Slowakei – wie übrigens die meisten ehemaligen Ostblockländer – schwächer als Deutschland und Italien dastehen.
Wenn die Politik nicht gegensteuere, könnte der demografische Wandel die Sozialausgaben für alte Menschen in vielen EU-Ländern bald steil in die Höhe treiben, warnt Bräuninger. Besonders schwierig könnte es in Italien werden, wo die öffentlichen Ausgaben für die Alters- und Hinterbliebenenrenten bereits heute schon über 15 Prozent liegen. Wichtig sei deshalb, das Rentenalter in Europa nach oben anzupassen und gleichzeitig die Frühverrentung zu erschweren. Generell müssten die Erwerbsquoten der Älteren steigen, fordert Bräuninger.
Besonders gefährdet sind Niedrigverdiener und Frauen
In Deutschland geschieht dies bereits seit 2003, wie der aktuelle OECD-Bericht „Renten auf einen Blick“ zeigt: Die Arbeitsmarktbeteiligung „älterer Arbeitnehmer“ (zwischen 55 und 64) stieg seither von unter 50 auf fast 70 Prozent an. Trotzdem gehen deutsche Arbeitnehmer im Schnitt bereits mit 62 Jahren in Rente, erklärt Monika Queisser, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der OECD. Hinzu kommt: Die Über-65-Jährigen in Deutschland beziehen rund 70 Prozent ihres Einkommens aus öffentlichen Transferleistungen – also den Rentenkassen. Dank dieses kostspieligen Systems liegt die Altersarmut in Deutschland mit gut 10 Prozent zwar leicht unter dem OECD-Schnitt. Allerdings setzen sich diese 10 Prozent größtenteils aus ehemaligen Niedrigverdienern zusammen. Diese beziehen in Deutschland nach dem Renteneintritt lediglich rund 58 Prozent ihres früheren, ohnehin niedrigen Einkommens. Deutschland ist in dieser Hinsicht EU-weites Schlusslicht. Auch beim Rentengefälle zwischen Männern und Frauen schneidet Deutschland am schlechtesten ab: Die gesetzliche Altersrente der männlichen Über-65-Jährigen liegt 45 Prozent über derjenigen der weiblichen. In Estland und der Slowakei beträgt der Unterschied lediglich 5 Prozent.
Angesichts des vergleichsweise frühen Renteneintrittsalters der Deutschen und des zunehmenden Altersarmutsrisikos hält auch Queisser die Signalwirkung der jüngsten Rentenbeschlüsse der Bundesregierung für bedenklich.