Alternde Gesellschaft: EU-Kommissarin warnt vor Wohlstandsverlust

Millionen von Arbeitnehmern der sogenannten “Babyboomer” werden in den nächsten Jahren in Rente gehen. Dies stellt Europa vor große Herausforderungen, warnt die EU-Kommission – doch ihr Handlungsspielraum ist begrenzt.

Euractiv.de
EU Commission weekly college meeting
“Die Trends sind offensichtlich: Sinkende Geburtenraten, schnelle Alterung, die schrumpfende Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, Fachkräftemangel”, so die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Dubravka Šuica. [EPA-EFE/OLIVIER HOSLET/shutterstock]

Millionen von Arbeitnehmern der sogenannten “Babyboomer” werden in den nächsten Jahren in Rente gehen. Dies stellt Europa vor große Herausforderungen, warnt die EU-Kommission – doch ihr Handlungsspielraum ist begrenzt.

Die geburtenstarken Jahrgänge der späten 50er und 60er-Jahre gehen in den kommenden Jahren in Rente. Dies stellt viele Firmen vor große Herausforderungen: Gut ausgebildetes Personal geht und gleichzeitig ist es schwer, junge Leute zu gewinnen.

Die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Dubravka Šuica, schlägt Alarm.

“Die Trends sind offensichtlich: Sinkende Geburtenraten, schnelle Alterung, die schrumpfende Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, Fachkräftemangel”, sagte sie gegenüber Euractiv.

All dies führe zu einer “riesigen Lücke auf dem Arbeitsmarkt”, die nicht nur Unternehmen, sondern auch die öffentlichen Haushalte zunehmend belaste. Immer mehr Rentner stehen dabei immer weniger Beitragszahlern gegenüber.

Einige Regionen, vor allem im ländlichen Raum, erlebten zudem eine starke Abwanderung junger Menschen, was sie vor zusätzliche Herausforderungen stellt. Im schlimmsten Fall könnte dies dazu führen, “dass die Menschen sich zurückgelassen und verlassen fühlen”.

“Sie haben kein Vertrauen mehr in die demokratischen Institutionen und beginnen, anders zu wählen, das heißt, Populisten zu wählen”, warnt Šuica.

Am Mittwoch (11. Oktober) stellte sie eine Liste möglicher Gegenmaßnahmen vor. Dabei gehe es vor allem darum, “das vorhandene Humankapital bestmöglich zu nutzen”, so die Kommissarin.

Etwa solle Frauen der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert werden, indem ihnen bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten angeboten werden.

“8 Millionen Frauen sind nicht auf dem Arbeitsmarkt. Das ist das Humanpotenzial, von dem ich spreche”. Wenn Frauen nicht arbeiten könnten, weil sie sich um ihre Kinder oder Eltern kümmern müssten, sei dies “nicht hinnehmbar”, so die Kommissions-Vizepräsidentin.

Konkrete Vorgaben kann die EU-Kommission den Mitgliedsstaaten dabei jedoch nicht machen, denn letztlich liege die Verantwortung dafür “bei den Mitgliedsstaaten, den Regionen und Städten”.

Rentenpolitik zu sensibel

Ein weiterer Baustein sei es, ältere Arbeitnehmer dazu zu bewegen, freiwillig länger zu arbeiten.

“Wir leben heute viel länger als früher”, so Šuica. Sie betonte, dass steigende Lebenserwartung ein großer gesellschaftlicher Fortschritt sei.

“Wir denken, dass es ein großes Potenzial bei älteren Menschen gibt”, führte sie aus. “Es gibt viele Menschen, die gerne weiterarbeiten würden, aber bei denen es nicht möglich ist, weil wir nicht flexibel sind”.

Konkrete Vorschläge, etwa zur Anhebung des Rentenalters, macht die EU-Kommission dabei auch hier jedoch nicht, nicht zuletzt aus Angst vor Gegenreaktionen.

“Wir wollen keine Gelbwesten in allen europäischen Ländern”, sagte Šuica, in Anspielung auf die Proteste in Frankreich, wo eine Erhöhung des Rentenalters von 62 auf 64 Jahre landesweite Massenproteste ausgelöst hat.

In ihrem Bericht listet die EU-Kommission daher lediglich auf, mit welchen Maßnahmen EU-Staaten bereits heute auf das Problem reagieren – und bleibt ansonsten weitgehend vage.

Aus den vorgestellten Maßnahmen könnten die EU-Staaten letztlich “wählen, was am besten passt”, so die Kommissions-Vizepräsidentin.

Migration nicht vermischen

Auch Einwanderung spiele eine wichtige Rolle, sagte Šuica, betonte jedoch: “Wenn ich von Migration spreche, meine ich damit legale Migranten”.

Eine Vermischung von Flucht und Asyl mit Einwanderung in den Arbeitsmarkt solle dabei jedoch nicht stattfinden. “Ich würde nicht vorschlagen, dass wir das Illegale legal machen”, sagte sie und lehnte damit Vorschläge ab, abgelehnten Asylbewerbern den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern.

“Diejenigen, die illegal sind, sollten zurückgeschickt werden”, sagte sie und verwies auf die Verhandlungen zum EU-Migrationspakt, die durch solche Vorschläge nicht erschwert werden sollten.

(Bearbeitet von Oliver Noyan)