Schlechte Entscheidungen getroffen: Europas großes Flughafenchaos

Die europäische Luftfahrtinfrastruktur bricht derzeit unter der Belastung der massenhaften Rückkehr zum Fliegen zusammen, was zu Chaos auf den Flughäfen, verlorenem Gepäck, verpassten Anschlüssen und gestrandeten Passagieren führt.

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Die Luftfahrtindustrie hat ihrerseits teilweise die Politiker für das Chaos beschuldigt und darauf verwiesen, dass die verwirrenden und sich ständig ändernden Corona-Beschränkungen es dem Sektor schwer machten, angemessene Pläne zu erstellen. [EPA-EFE/Phil Nijhuis]

Die europäische Luftfahrtinfrastruktur bricht derzeit unter der Belastung der massenhaften Rückkehr zum Fliegen zusammen, was zu Chaos auf den Flughäfen, verlorenem Gepäck, verpassten Anschlüssen und gestrandeten Passagieren führt.

Überall auf dem Kontinent müssen Flugreisende bis zu sieben Stunden Schlange stehen, um die Sicherheitskontrollen zu passieren, die Abflugzeiten verzögern sich erheblich und die Zahl der Flugausfälle nimmt zu.

Grund für das Durcheinander ist das Versäumnis der Luftfahrtindustrie, den raschen Anstieg der Reisenachfrage infolge der EU-weiten Lockerung der Corona-Reisebeschränkungen einzuplanen.

Mit dem Ausbruch der Pandemie im Jahr 2020 kam der Flugverkehr zum Erliegen, da die Grenzen geschlossen wurden, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Die folgenden zwei Jahre sollten die schwierigsten in der Geschichte der europäischen Luftfahrt werden, da die Passagierzahlen stark zurückgingen.

In dieser noch nie zuvor erlebten Zeit wurden Zehntausende von Arbeitnehmern entlassen: Weltweit gingen rund 2,3 Millionen Arbeitsplätze in diesem Sektor verloren.

Schickt die Truppen

Der Flughafen Dublin hat Berichten zufolge rund ein Viertel seines Personals entlassen, während die verbleibenden Mitarbeiter mit Gehaltsstopps oder Lohnkürzungen belegt wurden.

Der irische Verkehrsminister Eamon Ryan kündigte an, dass die irische Armee bis Mitte August in Bereitschaft versetzt wird, um die Flughafensicherheit zu gewährleisten, da es aufgrund des Personalmangels zu erheblichen Verspätungen kommen kann.

Die Niederlande sahen sich mit einer ähnlichen Situation konfrontiert, als der Amsterdamer Flughafen das Verteidigungsministerium um Hilfe bat, was ihm aber die kalte Schulter zeigte.

Der Sprecher des Ministeriums sagte dazu: „Die Armee wird Schiphol nicht unterstützen, da Schiphol ein kommerzielles Unternehmen ist. … Wie Schiphol mit der Situation zurechtkommt, ist eine Frage für Schiphol selbst.“

„Das war keine realistische Option. Es ist bekannt, dass der Verteidigungsbereich mit offenen Stellen zu kämpfen hat und dass eine solche Unterstützung auf Kosten der eigenen Ausbildung und Bereitschaft gehen würde“, sagte ein Sprecher des Flughafens gegenüber EURACTIV.

Auch Deutschland schob die Verantwortung in erster Linie auf die Flughäfen. „Es steht außer Frage, dass die betroffenen privatwirtschaftlichen Unternehmen selbst für ihre Personalpolitik und deren Folgen verantwortlich sind“, sagte ein Sprecher des Verkehrsministeriums.

Dennoch: „Da die Sommerreisesaison beginnt, betrifft diese Situation in erster Linie die Bürgerinnen und Bürger, die nach der langen Phase der harten Pandemieeinschränkungen nun endlich wieder ihren Urlaub genießen wollen“, schaltete sich Verkehrsminister Volker Wissing ein.

Schließlich hat Deutschland eine Vereinbarung mit einem türkischen Bodenkontroll-Unternehmen getroffen, „um [Deutschland] kurzfristig bis zu 2.000 Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen“, wobei die Regierung in Berlin nun daran arbeitet, die Bedingungen für ihren Aufenthalt zu schaffen.

Die meisten EU-Regierungen sind jedoch (noch) nicht so weit gegangen, ihren Flughäfen zu tatkräftig beiseite zu stehen.

Obwohl die portugiesische Regierung am Montag (4. Juli) ankündigte, dass der Sommer-Notfallplan bereits eine „maximale Zuteilung“ an Verstärkung vorsieht, plant sie inzwischen lediglich, 55 weitere Inspektoren der Einwanderungs- und Grenzschutzbehörde zu den Flughäfen des Landes zu schicken.

Und das, nachdem auf dem Flughafen von Lissabon am Wochenende mehr als hundert Flüge gestrichen wurden.

Einige Länder haben die Pandemie allerdings besser überstanden als andere.

„Dank der Kurzarbeit konnte der Flughafen Wien die sehr verkehrsarmen Corona-Krisenjahre ohne Stellenabbau überbrücken und ist nun für den zu erwartenden Sommerreiseverkehr gut aufgestellt“, erklärte Tourismusstaatssekretärin Susanne Kraus-Winkler gegenüber EURACTIV.

Doch auch in Wien „spricht die Zahl der Mitarbeiter Bände“, wie Hansjörg Miethling von der Gewerkschaft Vida betonte, wo die Beschäftigung der Flughafen Wien Group 2021 bei etwa 70 Prozent der Zahlen von 2019 liegt.

Der verschleppte Personalmangel

Die Luftfahrtindustrie hat ihrerseits teilweise die Politiker:innen für das Chaos verantwortlich gemacht und darauf verwiesen, dass die verwirrenden und sich ständig ändernden Corona-Beschränkungen es dem Sektor schwer machten, angemessene Pläne zu erstellen.

Ein wichtiger Grund sei jedoch die Entscheidung derjenigen, die die Branche infolge der Pandemie verlassen haben, ihre Tätigkeit nicht wieder aufzunehmen.

In der Slowakei „wechselten einige Arbeitnehmer:innen während der Pandemie den Beruf und kehrten nach Abklingen der Krise nicht zurück“, so ein Sprecher des M.R. Štefánik Flughafens in Bratislava gegenüber EURACTIV.sk.

Neueinstellungen kommen nur langsam voran, da viele der zuvor beschäftigten Arbeitnehmer:innen- von Sicherheitsbeamten über Bodenabfertiger bis hin zum Kabinenpersonal – sich weigern, wieder einzusteigen.

Als Gründe werden die niedrigen Gehälter, die unbequemen Arbeitszeiten und die schlechten Arbeitsbedingungen genannt, so Livia Spera, Generalsekretärin der Europäischen Transportarbeiter-Föderation.

„Die Leute, die den Sektor verlassen haben, weil sie in der ersten oder zweiten Corona-Welle entlassen wurden, haben beschlossen, nicht zurückzukehren. Und der Grund, warum sie nicht zurückkehren, ist, dass der Sektor keine attraktiven Bedingungen bietet“, sagte Spera gegenüber EURACTIV.

In Deutschland hat man das Gefühl, dass das Problem noch tiefer liegt.

Laut einem Vertreter von Ver.di, Deutschlands größter Dienstleistungsgewerkschaft, sei das, was die Passagiere derzeit erleben, nicht allein das Ergebnis der Pandemie. Vielmehr sei es „hausgemacht durch den Verdrängungswettbewerb der Billigfluggesellschaften an den Flughäfen, den damit verbundenen Preiskampf bei Ausschreibungen und die Mentalität, immer das Billigste vom Billigen zu nehmen.“

„Das Motto ‚Geiz ist geil‘ führt kausal zu Chaos und Flugausfällen“, fügten sie hinzu und forderten die Politik auf, sich auf die Ticketpreise zu konzentrieren.

Als langfristige Lösungen forderten sie bessere Arbeitsbedingungen in allen Bereichen des Luftverkehrs, „die Rücknahme der in den letzten 25 bis 30 Jahren praktizierten Deregulierungs- und Liberalisierungspolitik“ und ein Ende der sich verschlechternden Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten von Billigfluggesellschaften.

Die Aufforderung an das Personal, mehr zu arbeiten, oft zu einem geringeren Gehalt, hat zu zahlreichen Streiks in der gesamten EU geführt. Diese Streiks haben sich auf die Fluggäste ausgewirkt, da die Beschäftigten ihre Flüge aussetzen, um angesichts der steigenden Inflation höhere Löhne zu fordern.

Einige Länder haben sich jedoch schneller angepasst. Finnland bekam die Auswirkungen des Arbeitskräftemangels bereits Anfang Juni zu spüren und stellte mehr Personal ein und rüstete seine Technologie auf.

„Der Rekrutierungsprozess für Flughafen- und Sicherheitskontrollpersonal hat früh begonnen, und derzeit wird ununterbrochen Personal eingestellt“, sagte Ulla Lettijeff, Direktorin des Flughafens Helsinki.

Die Rekrutierung von Personal geht oft mit technologischen Upgrades einher. So hat der finnische Flughafen vor kurzem in eine brandneue, moderne Sicherheitskontrolltechnologie investiert, die es ihm nach eigenen Angaben ermöglicht, „doppelt so effizient zu arbeiten wie vor der Pandemie.“

Insgesamt bleibt Fliegen in Europa wohl noch länger spannend.