Tausende Briten strömen für medizinische Behandlungen nach Litauen
Immer mehr Menschen aus dem Vereinigten Königreich und anderen Ländern reisen für medizinische Behandlungen und Operationen nach Litauen. Da sie zu Hause lange Wartezeiten und hohe Kosten in Kauf nehmen müssen, wird erwartet, dass der Medizintourismus in Litauen weiter an Beliebtheit gewinnen wird.
Immer mehr Menschen aus dem Vereinigten Königreich und anderen Ländern reisen für medizinische Behandlungen und Operationen nach Litauen. Da sie in ihrem Heimatland oft lange Wartezeiten und hohe Kosten in Kauf nehmen müssen, dürfte der Medizintourismus in Litauen weiter zunehmen.
Cathy Rice, eine 68-jährige Britin, kämpfte 18 Monate lang mit unerträglichen Schmerzen in ihrem Knie, als sie sich schließlich entschloss, zur Behandlung nach Litauen zu fliegen, so The Guardian.
Die Frau benötigte aufgrund einer durch Arthrose verursachten Verletzung einen Kniegelenkersatz, konnte aber weder auf eine Operation durch den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) warten noch die Kosten für die private Operation zu Hause tragen.
Im litauischen Kaunas wurde die Operation innerhalb weniger Wochen arrangiert und kostete Rice 6.800 Euro – etwa die Hälfte der Kosten im Vereinigten Königreich. Ein Jahr nach der ersten Operation kehrte sie nach Litauen zurück, um den gleichen Eingriff an ihrem anderen Knie vornehmen zu lassen, da sie erneut mit einer dreijährigen Wartezeit bei der NHS konfrontiert war.
Um die Kosten für die Operationen in Litauen zu decken, musste Rice ihr Haus verkaufen.
„Die Leute denken, dass man eine wunderbare Rente hat oder wohlhabend ist, wenn man so etwas tut. Aber hier geht es darum, dass die Menschen Schmerzen haben. Das ist kein Medizintourismus, das ist medizinische Verzweiflung“, erklärte sie.
Ein zunehmender Trend
Nach Angaben des Guardians ist Rice Teil eines wachsenden Trends im Vereinigten Königreich, sich im Ausland privat behandeln zu lassen. Medizinische Einrichtungen in Litauen bestätigen diesen Trend.
Demnach behandelt das Medizinische Diagnose- und Behandlungszentrum in Vilnius jährlich rund 150.000 Patient:innen, darunter etwa 5.000 aus dem Vereinigten Königreich.
Nach Angaben von Rasa Petrikienė, der medizinischen Direktorin von Gijos Klinikos, die ein Netz von Privatkliniken betreibt, wurden im vergangenen Jahr 2700 Operationen von ihren Chirurg:innen durchgeführt, wobei 30 Prozent der Patient:innen aus dem Ausland kamen.
„Die meisten unserer ausländischen Patient:innen kommen aus dem Vereinigten Königreich und Irland, aber wir haben auch eine Reihe von Patient:innen aus Dänemark und den Niederlanden. Obwohl es einige litauische Emigrant:innen gibt, sind die meisten dieser Patient:innen ausländische Staatsbürger:innen ohne Verbindung zu Litauen“, sagte Petrikienė.
Ihr zufolge entscheiden sich ausländische Patient:innen für Litauen wegen der Qualität der medizinischen Verfahren und des Preises, der um ein Vielfaches niedriger ist als in Privatkliniken in den jeweiligen Ländern. Litauen sei außerdem günstig gelegen und mit kurzen und billigen Direktflügen aus dem Vereinigten Königreich, Dänemark oder den Niederlanden leicht zu erreichen, fügte sie hinzu.
Die meisten ausländischen Patient:innen kommen für orthopädische Operationen und Rehabilitationsbehandlungen nach Litauen, so der Vertreter von Gijos Klinikos.
„Die häufigsten Operationen sind arthroskopische (minimalinvasive) Gelenkoperationen sowie Hüft- und Kniegelenkersatzoperationen. Auch die Zahl der plastischen Operationen und der bariatrischen Operationen (Magenverkleinerung und Behandlung von Adipositas) nimmt jedes Jahr zu“, so Petrikienė.
Die Wartezeit in der Gijos Klinikos beträgt derzeit je nach Zeitpunkt der Operation zwischen einem und vier Monaten.
Keine Rückerstattungen
Mehrere litauische Privatkliniken bieten Dienstleistungen für internationale Patient:innen an, darunter Gijos Klinikos, Kardiolita, Nordclinic, Medical Diagnostic and Treatment Centre.
Dabei stoßen ausländische Patient:innen meistens durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf ihre Dienste. Die Kliniken arbeiten aber auch mit Agenturen für Medizintourismus zusammen. Dadurch erhöhen sich jedoch die Kosten für Patient:innen.
Die Patient:innen werden in der Regel vor ihrer Ankunft in Litauen aus der Ferne konsultiert, müssen einen Fragebogen über ihren Gesundheitszustand ausfüllen und manchmal Röntgenbilder und Bluttestergebnisse vorlegen. Treten Komplikationen auf, haben die Patient:innen Anspruch auf weitere kostenlose Behandlung, bis die Probleme behoben sind.
Laut Šarūnas Tarasevičius, orthopädischer Chirurg an der Nordclinic, waren, als er vor zehn Jahren in die Klinik kam, keiner der von ihm behandelten Ausländer:innen aus dem Vereinigten Königreich gekommen.
„Sie sind oft älter und sollten in ein Krankenhaus in der Nähe ihres Heimatlandes gehen. Aber irgendwie treffen sie trotzdem diese Entscheidung [nach Litauen zu gehen], manche leihen sich Geld von ihren Kindern“, sagte er.
Vor dem Brexit konnten Patient:innen aus dem Vereinigten Königreich die Erstattung der Kosten für eine Operation im Ausland beantragen, wenn die NHS ihnen den Eingriff nicht innerhalb eines angemessenen Zeitraums, in der Regel etwa sechs Monate, anbieten konnte, so Tarasevičius.
Heute gibt es keine Erstattung mehr, aber die Patient:innen kommen dennoch zur Behandlung nach Litauen.
Was die Preise für medizinische Behandlungen betrifft, so konkurriert Litauen laut Karolis Šulcas, einem Vertreter des Medizintourismusunternehmens Wellness Travels, mit Polen und der Türkei.
„Die Qualität der Dienstleistungen in Litauen ist jedoch besser. […] Hier sprechen nicht nur die Chirurg:innen, sondern auch das medizinische Personal Englisch, und jeder Patient hat seinen persönlichen Manager, an den er sich mit allen Fragen wenden kann“, sagte er.
Dieser Artikel erschien ursprünglich bei EURACTIVs Medienpartner LRT.lt.