Trotz russischer Drohungen: Ukraine exportiert wieder mehr Getreide über Schwarzmeerhäfen
Die ukrainischen Getreideexporte könnten in den kommenden Monaten das Vorkriegsniveau wieder erreichen, da die strategisch wichtigen Seehäfen des Landes trotz Sicherheitsproblemen und Drohungen aus Russland wieder funktionieren.
Die ukrainischen Getreideexporte könnten in den kommenden Monaten das Vorkriegsniveau wieder erreichen, da die strategisch wichtigen Seehäfen des Landes trotz Sicherheitsproblemen und Drohungen aus Russland wieder funktionieren.
Im August exportierte die Ukraine 4,5 Millionen Tonnen Getreide mit allen verfügbaren Transportmitteln des Landes, wie Daten des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums zeigen.
Obwohl diese Zahl noch weit von den monatlichen fünf bis sechs Millionen Tonnen aus der Zeit vor dem Krieg entfernt ist, war der Ende Juli unterzeichnete „Getreide-Deal“, der die Exporte aus drei ukrainischen Seehäfen freigibt, ein wichtiger Durchbruch.
Gemäß den Bedingungen des Abkommens ist der Seekorridor für 120 Tage geöffnet, vom 22. Juli bis zum 19. November, und wird automatisch verlängert, sofern keine Seite Einwände erhebt.
Das Problem sei jedoch, dass Moskau an dem Abkommen rütteln könnte, sagte der ukrainische Landwirtschaftsminister Mykola Solsky während des informellen EU-Agrarrats am Freitag (16. September) in Prag.
Für Solsky deuten einige der letzten Äußerungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin darauf hin, dass die Seehäfen jederzeit blockiert werden könnten.
Anfang des Monats, am 7. September, hatte der russische Präsident Wladimir Putin auf dem Östlichen Wirtschaftsforum behauptet, dass nur drei Prozent des Getreides in ärmere Länder geliefert worden seien, während der Rest an die EU gegangen sei. Die Behauptung nutzte er als Rechtfertigung für die Beschränkung der ukrainischen Getreideexporte.
„Wir wurden grob über den Tisch gezogen, betrogen, und nicht nur wir, sondern auch die ärmsten Länder, unter dem Vorwand, die Interessen derer zu schützen, für die das alles geschah“, sagte Putin. Er deutete an, es könne notwendig sein, die ukrainischen Getreideexporte zu beschränken.
Putins Standpunkt wurde auch von der Türkei vertreten, die das Getreideabkommen vermittelt hatte. Ihr Präsident Recep Tayyip Erdoğan erklärte, dass „das Getreide, das im Rahmen dieses Getreide-Deals geliefert wird, leider an reiche Länder geht und nicht an arme Länder.“
Das ukrainische Ministerium für Infrastruktur hat jedoch Zahlen veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass Europa 0,85 Millionen Tonnen erhalten hat, während Asien und Afrika zusammen 1,5 Millionen Tonnen Getreide erhalten haben.
Mit den Märkten spielen
Putins Drohungen haben Fragen über zukünftige Seehafenexporte aus der Ukraine aufgeworfen.
Aus Sicht des Bundeslandwirtschaftsministeriums muss der Optimismus jedoch gedämpft werden: „Putin hat sein Wort zu oft gebrochen und könnte jederzeit wieder Weizen als Waffe einsetzen“, erklärte ein Sprecher Anfang des Monats während einer Pressekonferenz.
Oleg Nivievskyi, Professor und Vizepräsident für wirtschaftliche Bildung an der Kyiv School of Economics, erklärte jedoch gegenüber EURACTIV, dass Putin mit seinen Worten über den Getreidehandel lediglich eine Reaktion der Märkte begünstigt haben könnte, indem er den Spekulanten eine Hilfestellung bot.
Dennoch erklärte Nivievskyi, dass „es sinnvoll ist, diesen Dialog und den grünen Korridor so lange wie möglich fortzusetzen“ – da es unmöglich ist, ohne funktionierende Seehäfen die gleichen Exportmengen zu erreichen.
Alternative Routen
Laut einer Quelle aus Diplomatenkreisen, die an dem Treffen in Prag teilnahm, informierte Solsky die EU-Minister:innen, dass etwa 1,5 Millionen Tonnen über den Seehafen Odessa exportiert wurden.
Der „Getreide-Deal“ spielte bei diesem Anstieg eine entscheidende Rolle. Drei der 4,5 Millionen Tonnen, die im August exportiert wurden, wurden über die Häfen am Schwarzen Meer und an der Donau verschifft.
Im Vergleich dazu wurden im Juli nur 2,66 Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine über alle möglichen Routen ohne Seehäfen exportiert.
Eine Alternative zu den Seehäfen sind die sogenannten ‚Solidaritätskorridore‘ über die Getreide hauptsächlich über Schiene und Straße verfrachtet wird.
Taras Kachka, der stellvertretende ukrainische Wirtschaftsminister, sagte am 8. September, dass die Seehäfen zwar „der effizienteste Weg sind, um aus der Ukraine zu exportieren“, dass aber die Eisenbahn „ebenfalls attraktiv ist, was die Effizienz der Lieferketten in die EU angeht.“
Auch die Donauhäfen erweitern ihre Kapazität und transportieren 50 Prozent des exportierten Getreides, während die Bahn etwa 30 Prozent transportiert.
In seiner Rede in Prag unterstrich der ukrainische Landwirtschaftsminister Solsky, wie wichtig es sei, Eisenbahnstrecken für Getreide einzurichten, die auch an die Standards der EU-Eisenbahn angepasst sind.
Die derzeitige EU-Kapazität für den Transport von Getreide betrage etwa 12.000 Waggons und müsse erhöht werden, betonte Solsky.