Wettbewerbsfähigkeit: "Deutschland hat Frankreich abgehängt"

Auch Frankreich konsumiert derzeit mehr als es selbst erwirtschaftet, beobachtet das Centrum für Europäische Politik (CEP). "Das kann auf Dauer nicht gut gehen", so CEP-Experte Matthias Kullas gegenüber EURACTIV.de. Gegensteuern könne Paris mit einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes oder längeren Arbeitszeiten. Italien bleibe ein zeitlicher Puffer, seine gute Bonität noch zu retten. Das CEP kommt zu dem Schluss: Selbst in Gründerstaaten der EU erodiert die Kreditfähigkeit.

Das fehlte gerade noch. Selbst Frankreich muss langfristig Solvenzprobleme fürchten. Präsident Nicolas Sarkozy hat mit einer sinkenden Spar- und Investitionsquote zu kämpfen, wie aus dem CEP-Default-Index hervorgeht. Die Situation sei vergleichbar mit Ita
Das fehlte gerade noch. Selbst Frankreich muss langfristig Solvenzprobleme fürchten. Präsident Nicolas Sarkozy hat mit einer sinkenden Spar- und Investitionsquote zu kämpfen, wie aus dem CEP-Default-Index hervorgeht. Die Situation sei vergleichbar mit Ita

Auch Frankreich konsumiert derzeit mehr als es selbst erwirtschaftet, beobachtet das Centrum für Europäische Politik (CEP). „Das kann auf Dauer nicht gut gehen“, so CEP-Experte Matthias Kullas gegenüber EURACTIV.de. Gegensteuern könne Paris mit einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes oder längeren Arbeitszeiten. Italien bleibe ein zeitlicher Puffer, seine gute Bonität noch zu retten. Das CEP kommt zu dem Schluss: Selbst in Gründerstaaten der EU erodiert die Kreditfähigkeit.

Auf den ersten Blick steht Frankreich wirtschaftlich recht gut da. Allein innerhalb des ersten Quartals 2011 stieg die Wirtschaftsleistung (BIP) um 1 Prozent, wie die europäische Statistikbehörde im Juni mitteilte. "Wie in den Quartalen zuvor hat das starke Wachstum in Deutschland und Frankreich den Euroraum-Durchschnitt kräftig gesteigert. Spanien und Italien dagegen stagnierten weiterhin", heißt es in einer Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die EU-Kommission rechnet in Frankreich bis 2013 mit einem jährlichen BIP-Wachstum zwischen 1,6 und 2 Prozent.

Die guten Daten scheinen Gerüchten in Berlin zu widersprechen, wonach auch Frankreich in der europäischen Schuldenkrise längst kein Fels mehr in der Brandung ist. Der Ex-Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, spricht Frankreich gar ab, zu den stabilitätsorientierten Ländern der Euro-Zone zu gehören. Paris werde die Bonitäts-Bestnote "AAA" verlieren. "Auch Frankreich ist nicht mehr wettbewerbsfähig", so Henkel im Juni in Berlin (EURACTIV.de vom 15. Juni 2011).

Handelt es sich hierbei um Panikmache, oder stecken gar anti-französische Ressentiments hinter solchen Aussagen?

"Erosion der Kreditfähigkeit im Herzen Europas"

Das Centrum für Europäische Politik (CEP) hat angesichts der "existentiellen Krise" der Euro-Zone einen sogenannten "Default-Index" (Juli 2011) entwickelt, "mit dem sich die Erosion der Kreditfähigkeit der betroffenen Euro-Länder aufzeigen lässt". Der CEP-Default-Index misst, "wie sich die Fähigkeit der einzelnen Länder zur Rückzahlung der Auslandskredite und damit die Kreditwürdigkeit entwickelt." Die Volkswirtschaften werden in vier Risikokategorien eingeteilt.

Tatsächlich findet sich Frankreich unter den Ländern mit einem negativem CEP-Default-Index – in der zweithöchsten Risikokategorie, gemeinsam mit Italien und Spanien. "Die Erosion der Kreditfähigkeit ist folglich inzwischen im Herzen Europas angekommen, bei den Gründerstaaten der EU", heißt es von Seiten des CEP. 

CEP-Experte Matthias Kullas, einer der Autoren der Default-Index-Studie, hält es für besonders problematisch, dass in Frankreich seit Jahren die Sparquote sinkt. Hätten die Franzosen im Jahr 2001 noch 8,7 Prozent ihres BIP gespart, seien es im vergangenen Jahr nur noch 0,9 Prozent gewesen. Gleichzeitig sei die Investitionsquote seit 2007 konstant gesunken. "Nimmt man beides zusammen, lässt sich daraus schließen, dass ein immer größerer Anteil des BIP für Konsum verwendet wird", so Kullas am Dienstag gegenüber EURACTIV.de. Man könne zeigen, dass Frankreich mehr konsumiert als es selbst erwirtschaftet. "Das heißt Frankreich nimmt Kredite im Ausland auf, um seine Konsumbedürfnisse zu befriedigen", so Kullas. "Das kann auf Dauer nicht gut gehen."

Um gegenzusteuern, müsse der Staat sein Defizit abbauen, so der Ökonom. "Zum anderen bedarf es Reformen, die sicherstellen, dass das BIP steigt." Zu denken wäre hier an eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes oder längere Arbeitszeiten.

Frankreich fällt hinter Deutschland zurück

Deutschland habe seine französischen Nachbarn bei der Wettbewerbsfähigkeit mittlerweile abgehängt, so Kullas. Grund seien zahlreiche Arbeitsmarktreformen seit 2003 und die gleichzeitige Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften. "Dies hat die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erhöht und zahlt sich nun aus."

Mit Blick auf die Kreditwürigkeit und das französische AAA-Rating sagte Kullas: "Frankreich ist momentan solvent. Unsere Berechnungen zeigen jedoch, dass es gegenwärtig an Solvenz verliert, da es über seine Verhältnisse lebt." Auch für Frankreich gelte: "Wenn man auf Dauer mehr ausgibt als einnimmt, ist man über kurz oder lang insolvent."

"Italien und Frankreich könnten gute Bonität verlieren"

Auch das G8-Land Italien droht mittlerweile, in den Sog der Schuldenkrise zu geraten. Vergangene Woche verteuerten sich auch die Finanzierungskosten für Italien, das mit 1,842 Billionen Euro verschuldet ist (Stand 2010).

Von "griechischen" Verhältnissen sei Italien aber noch weit entfernt, meint Kullas. "Die Tatsache, dass Italiens Schulden erst mittelfristig fällig werden, verschafft dem Land einen zeitlichen Puffer", so der Ökonom. "Doch auch diese Schulden werden irgendwann fällig." Spätestens dann sollte Italien die Märkte überzeugt haben, da es mehr als fragwürdig sei, ob die italienischen Sparer das Geld aufbringen können, um den italienischen Staat zu refinanzieren. "Denn auch in Italien ist die Sparquote in den vergangenen Jahren deutlich gesunken." Gegenwärtig ist sie mit Minus 1,1 Prozent sogar negativ.

"Ich denke, dass die Situation in Italien mit der Frankreichs vergleichbar ist", so der CEP-Experte. "Sollte das Land offensichtlich notwendige Budgetkonsolidierungen und Reformen aufschieben, wird es ebenfalls seine gute Bonität verlieren."

Opens window for sending emailAlexander Wragge

Links

Dokumente

CEP: CEP-Default-Index (Juli 2011)

DIW: Sommergrundlinien 2011 (6. Juli 2011)

EU-Kommission: Europäische Wirtschaftsprognose – Frühjahr 2011. Länderübersicht.

EU-Kommission: Wirtschaftsprognose für Frankreich – Frühjahr 2011

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