Wissenschaftlicher Austausch mit China birgt große Gefahren, warnen Experten
Die Übergabe von zivilen sowie militärischen Technologien durch den wissenschaftlichen Austausch mit China berge große Gefahren, warnen Experten. Denn die Volksrepublik könnte dadurch die Modernisierung ihres Militärs vorantreiben und neue Technologien zur Unterdrückung von Menschenrechten nutzen.
Die Übergabe von zivilen sowie militärischen Technologien durch den wissenschaftlichen Austausch mit China berge große Gefahren, warnen Experten. Denn die Volksrepublik könnte dadurch die Modernisierung ihres Militärs vorantreiben und neue Technologien zur Unterdrückung von Menschenrechten nutzen.
Einer neuen Studie der Association for International Affairs zufolge fehlt es der EU an einem kohärenten Konzept zum Schutz von Wissenschaft und Forschung vor chinesischer Spionage.
Dank der Finanzierung einzelner Forscher:innen in europäischen Ländern kann China leicht an sensible Daten und Kenntnisse über Technologien gelangen, die auch im militärischen Bereich nützlich sein könnten.
„In den chinesischen Dokumenten sind die Interessensbereiche Chinas sehr klar dargestellt. Dazu gehören künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, integrierte Schaltkreise, Weltraumforschung, Erforschung neuer Materialien, Neurowissenschaften und Biotechnologie“, so die Autorin der Studie, Ivana Karásková.
Die Autor:innen ermittelten 203 Forschungsergebnisse in der Tschechischen Republik, die ausschließlich aus chinesischen Quellen finanziert wurden. Mehrere Projekte wurden durch das Programm „Thousand Talents“ finanziert, das darauf abzielt, ausländische Forscher:innen in wissenschaftlichen Schlüsselbereichen zu rekrutieren. Eines der Forschungsergebnisse wurde auch von der Zentralen Militärkommission finanziert, der höchsten Behörde, die für die Verwaltung der chinesischen Streitkräfte zuständig ist.
„Angesichts der dünnen Grenze zwischen ziviler und militärischer Forschung könnten einige Technologien zur Modernisierung des chinesischen Militärs oder zur Unterdrückung der Menschenrechte eingesetzt werden“, warnte die Datenanalystin Veronika Blablova, die an der Studie mitgewirkt hat.
Neben Tschechien konzentrierte sich die Studie auf österreichische und slowakische Akademiker:innen. Die Daten zeigen, dass 284 österreichische Akademiker:innen ihre Forschung ausschließlich aus China finanzieren lassen, während es in der Slowakei nur 18 sind.
EU räumt mehr ausländische Einmischung ein
EU-Quellen räumten ein, dass in den letzten Jahren vermehrt über ausländische Einmischungen in das europäische Forschungs- und Innovationssystem berichtet worden sei.
Im Januar 2022 veröffentlichte die Europäische Kommission ein Toolkit zur Bekämpfung ausländischer Einmischung in den Forschungs- und Innovationssektor, das Einrichtungen dabei helfen soll, ihre akademische Freiheit, einschließlich Forschungsergebnisse und geistiges Eigentum, zu schützen.
Experten auf dem Gebiet des chinesischen Einflusses warnten jedoch, dass Wissenschaftler:innen in Mittel- und Osteuropa dazu neigen, Sicherheitsaspekte herunterzuspielen, wenn sie mit chinesischen Kolleg:innen oder chinesischen Instituten zusammenarbeiten.
Gegen den chinesischen Einfluss
Einige Länder sind bei der Bekämpfung des chinesischen Einflusses in der Wissenschaft einen Schritt weiter gegangen, wie EURACTIV erfuhr.
Laut der leitenden Ministerialrätin im finnischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Tiina Vihma-Purovaara, haben einige finnische Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen die Zusammenarbeit mit China endgültig eingestellt. Diejenigen, die sie noch pflegen, ziehen multinationale Projekte den bilateralen vor.
Nach Angaben des finnischen Ministeriums hat sich das Bewusstsein für die Möglichkeiten und Gefahren der Zusammenarbeit mit China im gesamten Hochschulbereich durchgesetzt. Das Ziel ist nach wie vor, die Zusammenarbeit zu ermöglichen und sie auf intelligente Weise zu gestalten, indem europäische Werte und Prinzipien eingebracht werden.
Im März 2022 veröffentlichte auch das finnische Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Empfehlungen für die akademische Zusammenarbeit mit China.
Risto Vilkko, ein leitender wissenschaftlicher Berater an der Finnischen Akademie, betonte, dass sich die Situation um 2015 herum geändert habe und beschrieb die Zeit davor als eher „wild.“
Seitdem und aufgrund der Annäherung des chinesischen Präsidenten Xi Jinping haben politische Sorgfalt und Vorsicht gegenüber China Einzug gehalten. Aus Sicht der Akademie hat die Aktivität auf beiden Seiten abgenommen, und Projekte zwischen einzelnen Forscher:innen werden derzeit stärker gefördert.
Der blinde Fleck Italiens
Andere Länder hingegen sehen in der Zusammenarbeit mit China noch keine Risiken. In Italien hat China stark in Forschung und Entwicklung investiert.
Laut der Studie der Denkfabrik Istituto Affari Internazionali (IAI) über den chinesischen Einfluss auf die italienische Forschung war Italien eines der ersten westlichen Länder, das 1978 ein Regierungsabkommen über wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit mit China unterzeichnete und seine Universitäten für chinesische Wissenschaftler:innen und Student:innen öffnete.
Die Zusammenarbeit wurde mit der Absichtserklärung zwischen den beiden Ländern zur Unterstützung der „Neuen Seidenstraße“ (Belt and Road Initiative) im Jahr 2019 verstärkt.
China hat viel in die Förderung des Austauschs investiert, und auch italienische Universitäten haben akademische Partnerschaften mit den Chines:innen geschlossen. Ein Beispiel für die Zusammenarbeit ist die Nationale Agentur für neue Technologien, Energie und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung (Enea) und die Chinesische Akademie der Wissenschaften (Cas).
In der IAI-Studie wird auch darauf hingewiesen, dass Italien im Gegensatz zu anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Deutschland oder den Niederlanden, die Maßnahmen ergriffen haben, um den wachsenden Einfluss Chinas einzudämmen, seine Zusammenarbeit oder Projekte mit dem asiatischen Land auf nationaler Ebene in keiner Weise eingeschränkt hat.
„Ich denke, dass jede Zusammenarbeit mit chinesischen Universitäten von einer globalen Bewertung der Risiken für die nationale Sicherheit begleitet werden sollte, da diese offensichtlich vorhanden sind“, sagte der niederländische Europaabgeordnete Bart Groothuis (Renew) und Mitglied des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie gegenüber EURACTIV.com.
Laut dem China-Experten Olivier Afiron sollte ein Screening-Mechanismus auf EU-Ebene eingerichtet werden, um chinesische Spionage im Forschungs- und Entwicklungssektor zu bekämpfen.
Nächstes Jahr wird die Kommission eine „Mutual Learning Exercise“ (Übung zum gegenseitigen Lernen) starten, um den Erfahrungsaustausch zwischen den Beteiligten zu erleichtern, das Bewusstsein zu schärfen und ausländische Einmischung in den Forschungssektor zu verhindern.
Wie EU-Quellen gegenüber EURACTIV erklärten, werden auch Instrumente entwickelt, die EU-Forschungseinrichtungen dabei unterstützen sollen, ihre Sorgfaltspflicht zu erfüllen und Risiken zu erkennen, die sich aus internationalen Partnerschaften ergeben können.
(Aneta Zachová | EURACTIV.cz, Sofia Stuart Leeson | EURACTIV.com, Pekka Vanttinen | EURACTIV.com, Federica Pascale | EURACTIV.it)