Zeitgeschichte ist keine Nebensächlichkeit
In Österreich wird seit Jahren mit Nachdruck die Aufarbeitung der Zeitgeschichte der letzten 100 Jahre gefordert. Die Debatte über ein "Haus der Geschichte" reicht bis 1988 zurück. Dabei wäre in der Alpenrepublik die Auseinandersetzung mit der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Geschichte sehr gefragt.
In Österreich wird seit Jahren mit Nachdruck die Aufarbeitung der Zeitgeschichte der letzten 100 Jahre gefordert. Die Debatte über ein „Haus der Geschichte“ reicht bis 1988 zurück. Dabei wäre in der Alpenrepublik die Auseinandersetzung mit der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Geschichte sehr gefragt.
Auslösendes Moment für die laufende Diskussion war ein Statement von Kanzleramtsminister Josef Ostermeyer. So soll es in der an Museen reichen Bundeshauptstadt künftig fünf Museen in der Neuen Burg geben: die Sammlung alter Musikinstrumente, die Hofjagd-und Rüstkammer, das Ephesos-Museum, das Weltmuseum und das „Haus der Geschichte“. Letzteres soll aber nun doch „kein eigenständiges Museum“ werden, sondern aus Gründen der Kosteneffizienz bloß an bestehende Strukturen angedockt werden. Diese Idee hat freilich bei den Protagonisten und Historikern wenig Begeisterung ausgelöst. Schon seit Jahren wird nämlich mit Nachdruck die Aufarbeitung der Zeitgeschichte der letzten 100 Jahre gefordert. So gibt es vor allem, was die Sicht der Ersten Republik bis hin zum Beginn des Zweiten Weltkriegs betrifft, erhebliche Unterschiede zwischen den beiden großen politischen Lagern.
Die endlose Diskussion über ein „Haus der Geschichte“
Die Debatte über ein „Haus der Geschichte“ reicht bis 1988 zurück. Damals im 50-sten Gedenkjahr der Okkupation Österreichs durch Hitler-Deutschland bekam diese Idee erste Konturen. Zehn Jahre später begab sich die Präsidialkonferenz des Nationalrates bereits auf Standortsuche. Aus dem ins Auge gefassten Objekt wurde dann freilich eine Parlamentsdependance und keine Unterkunft für die Behandlung der Zeitgeschichte. Dafür kamen immer wieder neue Vorschläge auf den Tisch. 2003 fand das Projekt sogar Eingang in das Regierungsprogramm (der schwarz-blauen Regierung übrigens). Der damalige Nationalratspräsident Andreas Khol formierte daraufhin ein Proponentenkomitee und Bundespräsident Heinz Fischer nahm das Thema sogar in seine Neujahrsansprache auf. Bloß, außer Reden geschah nichts. Bis zur Regierungserklärung im Dezember 2013 (diesmal unter rot-schwarzen Vorzeichen), wo es wiederum als ein zu realisierendes Vorhaben der laufenden Legislaturperiode präsentiert wurde.
Deutschland ist in punkt öffentlicher Aufarbeitung der Zeitgeschichte bereits weiter vorangekommen. Und war vor allem bei der Umsetzung wesentlich schneller. Im Oktober 1982 schlug der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl vor, eine Sammlung zur Deutschen Geschichte seit 1945 aufzubauen. Ein 1983 erstelltes Gutachten wurde nach breiter gesellschaftlicher Diskussion im Juli 1984 dem Deutschen Bundestag vorgelegt, 1986 eine Stiftung gegründet, 1989 nach umfassenden Planungsarbeiten mit dem Bau in Bonn begonnen und 1994 schließlich eröffnet. Mit 850.000 jährlichen Besuchern zählt es zu den meistbesuchten Museen Deutschlands und demonstriert wie spannend Geschichte nicht nur präsentiert werden kann sondern zudem auch ein Publikumsmagnet ist.
Bonn als Vorbild für Europa – und Wien
Das Haus der Geschichte in Bonn, mittlerweile mit Zweigstellen in Berlin und Leipzig, gilt als Vorbild für europäische Museumsgestaltung schlechthin. So etwa empfahl der Europarat, überall in Europa zeitgeschichtliche Museen nach dem Bonner Vorbild zu errichten. Die Gestalter und Veranstalter bemühen sich tatsächlich um eine lockere und anschauliche Darstellung der Geschehnisse seit 1945. An Hand von 800.000 Objekten wird der Werdegang Deutschlands in den letzten 60 Jahren gezeigt. Geschichte wird so lebendig gemacht, sagt etwa Hans Walter Hütter, der Präsident des Hauses der Geschichte.
Denkt man in Bonn laufend daran, wie man die Attraktivität des zeitgeschichtlichen Museums weiter ausbauen könnte, weiß der österreichische Kulturminister bloß zu jammern, dass ihm für ein Haus der Geschichte Geld fehlt. Dabei wäre auch in der Alpenrepublik die Auseinandersetzung mit der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Geschichte sehr gefragt. Bislang hat sich nur eine Institution am Bonner Modell ein Beispiel genommen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 hatte der damalige Vizekanzler Alois Mock die Idee einen so genannten „Lehrpfad“ an der ehemals toten Grenze zu Tschechien beziehungsweise Ungarn zu errichten. Sein damaliger Medienchef begann das Projekt, unter anderem in Zusammenarbeit mit den Bonner Experten zu realisieren. Und so befindet sich heute im Renaissanceschloss der Fürstenberger, in Weitra, der „Schauplatz Eiserner Vorhang“. Vor dem Schlosseingang steht ein Originalstück der Berliner Mauer.
Politische Bildung als Unterrichtsfach gefordert
Von den Bonner Besucherzahlen kann man hier nur träumen. An die 15.000 Menschen unternehmen alljährlich einen Lokalaugenschein – und sind nachher schwer beeindruckt, wie packend Zeitgeschichte gestaltet sein kann. Was die Besucher betrifft, so mangelt es dabei vor allem am jüngeren Publikum. Schulklassen finden selten den Weg in eine Gegend, die fast zwei Fahrstunden von Wien und eineinhalb von Linz entfernt ist. Auch die Lehrkräfte werden nicht zu Exkursionen ermutigt. Schließlich gibt es kein eigenes Unterrichtsfach „politische Bildung“. Nachholbedarf ist dringend gefragt. Nicht zuletzt auch, weil man im politischen Alltag auf viel Gleichgültigkeit, ja falsche Vorstellungen und noch mehr Vorurteile unter breiten Kreisen der Öffentlichkeit stößt.
In Österreich forderte nun Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz „politische Bildung“ als Pflichtfach ab der fünften Schulstufe, stieß damit aber bei Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek auf wenig Gegenliebe. Ganz im Gegensatz zu den Wissenschaftern. So etwa sagt der Innsbrucker Politikwissenschafter Reinhold Gärtner: „Das Interesse der Jugend ist da. Vor kurzem besuchte ich eine Schulklasse. Wir haben zwei Stunden über Politik geredet. Die Fragen reichten von Demokratiequalität bis zu Islamophobie“. Und er betont, dass es nicht nur am Unterrichtsfach sondern auch an den dazu befähigten Lehrkräften fehlt: „Man müsste endlich eine strukturierte Ausbildung auf die Beine stellen. In Latein und Mathematik gibt es ein Lehramt. Für Politische Bildung derzeit nicht.“