Zeitung: Koch-Mehrin verliert Doktortitel
Die Vize-Präsidentin des EU-Parlaments und FDP-Spitzenpolitikern Silvana Koch-Mehrin könnte bald die Doktorwürde verlieren - das berichtet zumindest der "Tagesspiegel".
Die Vize-Präsidentin des EU-Parlaments und FDP-Spitzenpolitikern Silvana Koch-Mehrin könnte bald die Doktorwürde verlieren – das berichtet zumindest der „Tagesspiegel“.
Die Universität Heidelberg habe ein Verfahren zur Aberkennung der Doktorwürde Koch-Mehrins eingeleitet, meldet am Dienstag der Berliner "Tagesspiegel" unter Berufung auf Universitätskreise. Anlass seien mehrere Plagiate in ihrer Dissertation. Die Universität Heidelberg und das Brüsseler Büro der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments wollten sich offiziell nicht zu dem Bericht äußern. Koch-Mehrin gehört als Präsidiumsmitglied zur Führungsspitze der FDP.
Auf ihrer Website weist sich Koch-Mehrin weiterhin als "Dr." aus.
Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) musste wegen Plagiaten bereits seinen Doktortitel abgeben und zurücktreten. Die Universität Bayreuth stellte fest, dass Guttenberg bei seiner Arbeit absichtlich täuschte.
Hintergrund
Plagiats-Ermittler der Internet-Plattform "VroniPlag Wiki" hatten den Fall "Koch-Mehrin" ins Rollen gebracht. In ihrem Prüfbericht zu Koch-Mehrins Doktorarbeit kommen sie zu dem Schluss: "Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden im Hauptteil der Dissertation auf 56 von 201 Textseiten Plagiatstellen dokumentiert. Das entspricht einem Anteil von 27,9 Prozent."
Die Internet-Fahnder dokumentieren unter anderem ein sogenanntes Komplettplagiat, bei dem ein ganzer Abschnitt wörtlich und ohne Zitat übernommen wird, und das kopierte Werk auch nicht im Literaturverzeichnis auftaucht.
Der Prüfbericht kommt zu dem Ergebnis:
– "In der untersuchten Dissertation wurden in erheblichem Ausmaß fremde Quellen verwendet, die nicht oder nicht hinreichend als Zitat gekennzeichnet wurden. Dies stellt eine eklatante Verletzung wissenschaftlicher Standards dar."
– "Die zahlreichen textuellen Anpassungen der Plagiate sowie die Tatsache, dass Plagiate über die gesamte Dissertation hinweg zu finden sind, lassen darauf schließen, dass die Textübernahmen kein Versehen waren, sondern bewusst getätigt wurden."
– "Es stellt sich die Frage, ob es durch die Förderung der Arbeit durch die Friedrich-Naumann-Stiftung mit Mitteln des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie zu einer Zweckentfremdung von Steuergeldern gekommen ist."
Doktortitel "rücksichtslos erschuftet"?
Der Publizist Christian Bommarius kritisiert die FDP-Politikerin in einem Kommentar in der Frankfurter Rundschau: "Nach der jetzt veröffentlichten Analyse der Plagiatsjäger des Internet-Projekts VroniPlag Wiki hat Koch-Mehrin in ihrer Doktorarbeit nicht ganz so viel und nicht ganz so systematisch abgeschrieben wie der vormalige Bundesverteidigungsminister, aber selbst damit bestätigt sie die Ansicht ihrer zahlreichen Gegner, nie mehr zu tun als unbedingt erforderlich und das Wenige nicht systematisch". Koch-Mehrin gelte – nicht nur unter ihren Kollegen im Europa-Parlament – als faul und inkompetent und habe sich den Doktortitel offenbar nicht redlich erarbeitet, sondern rücksichtslos erschuftet, so Bommarius.
"Frau des Jahres"
Koch-Mehrin hat zwischen 1998 und 2000 mit der Arbeit "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: die Lateinische Münzunion 1865 – 1927" promoviert.
Koch-Mehrin sitzt seit 2004 im EU-Parlament und galt bislang als Hoffnungsträgerin der Liberalen. Mit ihr als Spitzenkandidatin holte die FDP bei der Europawahl 2009 das Rekordergebnis von 11 Prozent. Seit 1999 gehört Koch-Mehrin zum Bundesvorstand der FDP.
Koch-Mehrin ist außerdem Mitglied der Europa-Union und des Fördervereins der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Vor ihrem Einzug ins EU-Parlament war Koch-Mehrin Mitgründerin und Geschäftsführerin einer Unternehmensberatung. 2000 erhielt sie die Auszeichnung "Frau des Jahres", verliehen durch die Zeitschrift "Freundin", 2004 den Preis "Nachwuchspolitikerin des Jahres".
Die Internetseite "VroniPlag Wiki" befasste sich ursprünglich nur mit der Arbeit von Veronica Saß, Tochter von EU-Bürokratiebekämpfer Edmund Stoiber. Bisheriges Ergebnis in diesem Fall: Saß soll 45 Prozent ihrer Dissertation abgeschrieben haben.
In der Gruppe der Ertappten liegt Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg weit vorn. In seiner Arbeit sollen 64 Prozent das geistige Eigentum anderer sein.
awr mit EURACTIV/rtr
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Plagiatsvorwurf gegen Koch-Mehrin hat sich erhärtet (20. April 2011)
Dokumente
VroniPlag Wiki: Prüfbericht zur Disseration von Silvana Koch-Mehrin (19. April 2011)
Silvana Koch-Mehrin (FDP): Internetseite