Die europäische Stadt der Zukunft – Zukunft der europäischen Städte
Standpunkt von Sabine Drewes (Heinrich-Böll-Stiftung)Genau wissen wir nicht, wie sie aussehen wird, die europäische Stadt im Jahr 2050. Im besten Fall hat sie die Energiewende, Schrumpfungsprozesse und den demographischen Wandel bewältigt - und ist kein Ort großer Spaltungen. Ein Standpunkt von Sabine Drewes (Heinrich-Böll-Stiftung).
Standpunkt von Sabine Drewes (Heinrich-Böll-Stiftung)Genau wissen wir nicht, wie sie aussehen wird, die europäische Stadt im Jahr 2050. Im besten Fall hat sie die Energiewende, Schrumpfungsprozesse und den demographischen Wandel bewältigt – und ist kein Ort großer Spaltungen. Ein Standpunkt von Sabine Drewes (Heinrich-Böll-Stiftung).
Zur Person
Sabine Drewes ist Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung bei der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Weitere Informationen: www.boell.de.
Hinweis: Der Text erschien zunächst im EURACTIV.de-YellowPaper "Stadt der Zukunft" (Dezember 2011), das Analysen, Standpunkte und Interviews zur europäischen Stadtentwicklung versammelt.
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Die größte Herausforderung für alle Städte, auch die europäischen, ist der Klimawandel. Es ist derzeit mehr als fraglich, ob das Ziel, die Erderwärmung unter ein Niveau von 2° C zu halten, erreicht werden kann. Der EU kommt als einem Wirtschaftsraum, der sich tendenziell auf den Pfad der "De-Karbonisierung" begeben hat, eine besondere Bedeutung zu. Zahlreiche Kommunen sind Vorreiter im Klimaschutz, aber auch europäische Städte haben mit bis zu 9 t pro Kopf jährlich immer noch einen deutlich zu hohen CO2-Ausstoß Urbane Nachhaltigkeit muss von der Ökologie aus gedacht und angesteuert werden: in Richtung der "regenerativen Stadt".
Europa altert und schrumpft. Beides ist bekannt, letzteres wird dennoch häufig, besonders von den Kommunen, die von Schrumpfung betroffen sind, geleugnet. Besonders gesundheitliche Infrastrukturen und die bauliche Beschaffenheit unserer Städte sind nicht auf eine große Zahl alter Menschen eingestellt. Die Alterung stellt auch ein Problem der Wirtschaftsentwicklung dar, da es keine Kultur der Altersarbeit gibt und die Konkurrenz um qualifizierte, junge Arbeitskräfte zunehmen wird.
Europa ist eine im globalen Maßstab wenig gespaltene Weltregion, allerdings nehmen Spaltungen zu, die sich stark in den Städten manifestieren: zwischen prosperierenden und Krisen-Regionen, zwischen Quartieren der Wohlhabenden und Armutsghettos, in denen häufig auch Konflikte zwischen ethnischen Gruppen rumoren. Eine europäische Kohäsionspolitik muss sich daran messen lassen, wie stark sie soziale Mischung zu bewahren in der Lage ist.
Was ist zu tun?
Eine Energiewende ist möglich – auch in Städten. Das zeigen zum Beispiel die Strategie der Stadtwerke München, bis 2025 vollständig in die CO2-freie Stromerzeugung einzusteigen – und die Bereitschaft der Bürger, gestützt durch das EEG, in den Ausbau der regenerativen Energien zu investieren. Deutschland hat sich gerade mit dem Beschluss zum Ausstieg aus der Atomkraft auf einen ambitionierten Weg der Energiewende gemacht. Es gilt nun, den europäischen Nachbarn zu zeigen, dass dies auch ohne Ausbau von Kohlekraftwerken geht. Gas- und Biomassekraftwerke sind die geeigneteren Brückentechnologien und reichen erwiesenermaßen aus. Eine solche Energiewende, gerade in Städten, braucht massive Investitionen in intelligente lokale Smartgrids und in ein europaweites leistungsstarkes Verbundnetz. Der Strommarkt muss insgesamt so reguliert werden, dass der Netzzugang für Regenerative Priorität hat. Ferner gilt es Energieerzeuger zu stärken, die einem öffentlichen Zweck unterliegen, wie etwa in Deutschland die Stadtwerke. Europa kann aber keine Energiewende schaffen, wenn die Energieeffizienz nicht erhöht wird, besonders im Gebäudesektor. Hier muss die Forschung in neue, umweltfreundliche, ressourcenschonende Dämmstoffe verstärkt werden. Da die europäische Stadt im Wesentlichen gebaut ist, kommt es auf einen intelligenten regenerativen Stadtumbau an. So kann die erforderliche regenerative Wärmeversorgung mit Blick auf demographische und soziale Erfordernisse und auf die notwendige bessere Isolierung der Gebäudehülle optimiert werden. Die Energiewende erfordert massive Investitionen, bringt aber, intelligent angegangen, auch regionale Wertschöpfung und green jobs.
Ganz entscheidend für die europäischen Städte der Zukunft ist die Raumnutzung. Die stetige Ausweitung der Siedlungsfläche ist der größte Faktor nicht-nachhaltiger Entwicklung. Die kompakte Stadt spart Ressourcen und CO2, trägt zur Qualität von Naturräumen und zur Qualität der Stadt als Lebens- und Erlebnisraum bei. Der voranschreitende Flächenverbrauch ist in schrumpfenden Gesellschaften nicht nachvollziehbar. Auf europäischer Ebene gilt es, Weichen für eine Flächenkreislaufwirtschaft zu stellen, die neue Flächeninanspruchnahme spürbar verteuert und Brachflächenrecycling priorisiert. Das Auto muss Straßenraum an nachhaltigere Formen der Mobilität abgeben.
Europäische Städte sind sozial und ethnisch relativ gemischt, allerdings mit größeren nationalen Unterschieden. In Deutschland sind beispielsweise keine "Banlieues" entstanden. Das tolerante, gemischte Quartier muss das Leitbild europäischer Stadtentwicklungspolitik bleiben. Dazu gehört u.a. auch, möglichst viele Räume in der Stadt für öffentliche Nutzungen offenzuhalten – etwa für Zwischennutzungen, Kultur, kreative Start-ups und interkulturelle Gärten.
Wie die Zukunft aussieht, hängt von heutigen Entscheidungen ab. Es kommt darauf an, heute die Weichen richtig zu stellen.