EU muss mehr Anreize für Zementindustrie schaffen
Die Zementindustrie birgt ein enormes Potential für Emissionseinsparungen und Innovationen. Doch die derzeitigen Regeln des EU-Emissionshandels setzen keine Anreize für Spitzenreiter der Industrie. Ganz im Gegenteil: Die über die Maßen großzügige Zuteilung kostenfreier Verschmutzungszertifikate begünstigt die etablierten Großunternehmen und setzt negative Anreize für den Klimaschutz, sagt Donald O’Riain, CEO von Ecocem.
Wenn Not erfinderisch macht, dann ist Wohlstand womöglich ein Grund für Stillstand. Bei dem Versuch, die Widerstände der Unternehmen gegen Klimapolitik zu entschärfen, hat die EU es der äußerst profitablen Zementindustrie durchgehen lassen, Innovation und Wettbewerb zu ersticken und ihrem Beitrag zur Senkung der Treibhausgasemissionen zu entgehen. Am heutigen Montag können Europas Umweltminister die Chance ergreifen und die Spielregeln ändern, wenn sie über die Reform des europäischen Emissionshandels diskutieren.
Die Ironie dabei: Trotz der Annahme, der Zementsektor in der EU sei bereits ein ausgereifter Markt, so ist doch sein Potential für Innovationen – und damit für eine drastische Reduktion der Umweltbelastung – weiterhin erheblich. Mein Unternehmen, Ecocem, hat einen Zementersatz entwickelt, der den CO2-Fußabdruck von Beton mehr als halbieren kann.
In ganz Europa bieten Labore und Start-ups unzählige vergleichbare Möglichkeiten, den Zementsektor zu transformieren und gleichzeitig Emissionen einzusparen. Aber die Lobbyarbeit einflussreicher Großunternehmen hat die Wirkung des europäischen Emissionshandels kastriert und die Marktregeln zum Nachteil innovativer Unternehmen verschoben.
Die Zementindustrie muss die Emissionsreduktion jetzt anpacken
Die europäische Zementindustrie ist nicht nur groß und mächtig, sie ist auch für einen beträchtlichen Teil der Treibhausgase in der EU verantwortlich. Dem europäischen Fachverband für Zement Cembureau zufolge, beschäftigte unsere Branche im Jahr 2013 fast 45.000 Menschen, die 17.5 Milliarden Euro erwirtschaftet haben. Im Jahr 2015 erzeugte der Zementsektor ganze 144 Millionen Tonnen CO2 – mehr als doppelt so viel wie mein Heimatland, Irland, pro Jahr ausstößt.
Hier zeigt sich die Herausforderung, nun da das Pariser Klimaabkommen die Fahrtrichtung für die kommenden Jahrzehnte vorgegeben hat: Als eine der besonders energieintensiven Industrien mit historisch hohem CO2-Ausstoß muss unser Sektor nun drastisch Emissionen einsparen.
Angesichts der langen Laufzeiten für Investitionen im Zementsektor müssen die Anstrengungen zur Emissionsreduktion mittels technologischer Innovation sofort beginnen. Doch besonders die Großunternehmen haben wenig Interesse an Investitionen, die ihre eigenen höchst profitablen Geschäftsmodelle erschüttern könnten. Tatsächlich haben sie sich durch Ihre Lobbyarbeit bisher Veränderungen entgegengestellt und damit auch technologischen Neuerungen Steine in den Weg gelegt.
Der Emissionshandel ist für Großemittenten ein Glücksfall
Etablierte Unternehmen wie LafargeHolcim und Heidelberg Cement haben auf den Erhalt kostenlos zugeteilter Emissionszertifikate bestanden und behauptet, dass diese für ihre Wettbewerbsfähigkeit und das Überleben am Markt unabdingbar seien. Beispielsweise behauptete Lafarge im Jahr 2013, Unterschiede beim CO2-Preis würden den Zementsektor in besonderem Maße dem Risiko von Carbon Leakage aussetzten, also der Verlagerung des Standorts nach außerhalb der EU, um Zusatzkosten zu vermeiden.
Als Resultat ihrer starken Lobbyarbeit ist es dieser Gruppe von Unternehmen gelungen, sich eine weit mehr als großzügige kostenlose Zuteilung von Emissionszertifikaten zu sichern. Statt für die Verschmutzung zu zahlen, haben Zementunternehmen seit 2008 sogar über 7.4 Milliarden Euro Gewinn aus dem europäischen Emissionshandel erzielt.
Wir bekommen oft das Argument zu hören, dass Industrien Zeit für ihre Anpassung an neue politische Rahmenbedingungen benötigen. Reden wir doch Klartext: Dem Umwelt-Think-Tank Sandbag zufolge wird der Zementsektor ausreichend kostenlose Zertifikate erhalten, um unter den aktuellen Regelungen seine Emissionen bis 2030 abdecken zu können. Das würde bedeuten, dass der europäische Emissionshandel seit seinem Beginn im Jahr 2005 der Zementindustrie insgesamt rund 25 Jahre Schonfrist geben würde, bis sie über die Reduzierung von Treibhausgasen nachdenken muss. Doch der Wandel zum emissionsarmen Wirtschaften muss schon heute beginnen, wenn unsere Industrie wirklich eine Zukunft haben soll.
Schlimm genug, dass die Überschwemmung des Emissionshandelssystems mit einem Überschuss an Zertifikaten den dringend nötigen Wandel zu einer emissionsarmen Zementindustrie verzögert. Es werden darüber hinaus auch noch Unternehmen bestraft, die zeigen, dass klimafreundliche Lösungen machbar und dabei noch profitabel sind.
Neue Unternehmen, die mit einer sauberen Zementtechnologie auf den Markt kommen, erhalten im Rahmen des europäischen Emissionshandelssystems kaum einen zusätzlichen Anreiz für ihre Innovationen. Denn die von ihnen erzielten Emissionseinsparungen werden ihren weniger fortschrittlichen Mitbewerbern angerechnet, die zusätzliche kostenlose Emissionszertifikate bekommen. Das ETS belohnt somit Verschmutzer für den positiven Beitrag ihrer klimabewussten Mitbewerber! Wir bei Ecocem wissen, wovon wir sprechen: Seit unserer Gründung im Jahr 2002 haben wir die CO2-Emissionen um mehr als 6 Megatonnen reduziert und mussten mitansehen, wie der EU-ETS unseren Mitbewerbern zusätzliche Gutschriften im Wert von 40 Millionen Euro zuteilte.
Was also können die Institutionen der EU und die Mitgliedstaaten tun? Zuerst können sie sicherstellen, dass Emittenten einen angemessenen Preis für ihre CO2-Emissionen zahlen, indem sie einen steileren Dekarbonisierungs-Pfad einschlagen. So würden die Kosten für die traditionelle und emissionsintensive Zementherstellung steigen und einen Anreiz für Innovation setzten.
Als zweites sollte die EU sich bemühen, Regelungen abzubauen, die auf unfaire Weise bewährte neue Produkte beim Eintritt in den Markt behindern. Der öffentliche Sektor muss einen Markt für innovative Unternehmen und deren Produkte schaffen, um das in Europa bereits vorhandene Know-how auszuschöpfen und der Region wieder zu ihrer Rolle als einer der weltweiten Innovationsführer zu verhelfen.