Stadt des Wohlklangs
Standpunkt von Michael Jäcker-Cüppers (ALD)15 Millionen Menschen in der EU sind heute so stark durch Lärm belastet, dass für sie langfristig ein Gesundheitsrisiko besteht. Die Stadt der Zukunft muss gegensteuern. Ein Standpunkt von Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender der Leitung des Arbeitsrings Lärm (ALD).
Standpunkt von Michael Jäcker-Cüppers (ALD)15 Millionen Menschen in der EU sind heute so stark durch Lärm belastet, dass für sie langfristig ein Gesundheitsrisiko besteht. Die Stadt der Zukunft muss gegensteuern. Ein Standpunkt von Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender der Leitung des Arbeitsrings Lärm (ALD).
Zur Person
Michael Jäcker-Cüppers ist Vorsitzender der Leitung des Arbeitsrings Lärm (ALD) der Deutschen Gesellschaft für Akustik e.V. (DEGA). Die Fachgruppe setzt sich seit 2009 dafür ein, den Lärmschutz in Deutschland und Europa zu verbessern und die Lärmproblematik vermehrt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen.
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Die Städte der Zukunft sind Orte der wohltuenden Klänge und der stimulierenden Geräusche. Sie erlauben eine entspannte Kommunikation der Bewohner im öffentlichen Raum, sie ermöglichen Entspannung und Erholung im Wohnumfeld und sie gewährleisten einen ungestörten Schlaf. Sie sind gekennzeichnet durch eine ausgewogene und allseits akzeptierte Balance zwischen Orten der Ruhe und des lebendigen Zusammentreffens der Stadtbewohner und ihrer Gäste. Sie hat – auch aus wirtschaftlichen Gründen – keine Stadtquartiere, die durch Lärm entwertet sind. In den Städten der Zukunft gehen die Menschen, z. B. als Nachbarn, rücksichtsvoll miteinander um.
Gefährdete Nachtruhe in Europa
Von diesem Zustand sind wir aktuell noch weit entfernt. In Deutschland fühlt sich die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger durch Lärm, vor allem in Folge des Straßenverkehrs gestört. Allein in den großen Ballungszentren der Europäischen Union (ab 250.000 Einwohner) sind nach neuesten Berechnungen 56 Millionen Menschen bzw. 54 Prozent der EU-Bevölkerung erheblich belästigenden Pegeln ausgesetzt. 15 Millionen Menschen – das sind über 15 Prozent der Bevölkerung – sind darunter so stark belastet, dass bei langjähriger Exposition mit gesundheitlichen Risiken wie der Schädigung des Herz-Kreislauf-Systems gerechnet werden muss. Die Nachtruhe in Europa ist besonders gefährdet. Mit dem Slogan "Die Fracht braucht die Nacht" drängt die Wirtschaft auf mehr nächtlichen Verkehr, um die Infrastrukturengpässe während des Tages zu umgehen und um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Dabei wird für viele Menschen zum Problem, dass partikuläre Interessen einseitig zu ihren Lasten gehen. Verkehrslärm ist auch ein Problem der sozialen Gerechtigkeit: Untersuchungen zeigen, dass an den hoch belasteten Straßen Menschen mit niedrigem sozialen Status überrepräsentiert sind.
In Deutschland geben in Umfragen auch 37 Prozent der Befragten an, durch den Lärm der Nachbarn gestört zu werden, ein Indiz dafür, dass beim rücksichtsvollen Zusammenleben noch Defizite bestehen.
Betroffene fühlen sich im Stich gelassen
Was muss getan werden, um die "Stadt des Wohlklangs" zu erreichen? Vor allem müssen nicht nur die Betroffenen, sondern auch Politik, Wirtschaft und die Bevölkerung allgemein die Problematik des Lärms deutlich ernster nehmen. Die Gesellschaft muss sich über Zumutbarkeit von Geräuschimmissionen verständigen, wobei die aktuellen Befunde der Lärmwirkungsforschung – z. B. der Weltgesundheitsorganisation – hinsichtlich gesundheitlicher Risiken zu berücksichtigen sind. Hier hat der Staat mit gesetzlichen Regelungen seinem Auftrag nachzukommen, die grundgesetzlich garantierte körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten.
Erforderlich ist eine Strategie auf allen Handlungsebenen (EU, Bund, Länder, Gemeinden), die die vielen möglichen Minderungsmaßnahmen optimal aufeinander abstimmt. Lärmschutzpolitik muss aber auch immer Kommunikation und Beteiligung der Betroffenen. sein. So lässt sich vermeiden, dass sich Beeinträchtigungen durch Lärm verstärken, weil sich die Betroffenen bei der Bewältigung ihrer Lärmprobleme – mitunter seit Jahrzehnten – im Stich gelassen fühlen.
Stadt der kurzen Wege
Für den Verkehrslärm gilt: Unnötiger Verkehr ist zu vermeiden, die "ruhigen" Fortbewegungsarten wie Zufußgehen und Radfahren sind zu fördern. Verkehrsmittel wie Luft-, Kraft- und Schienenfahrzeuge können leiser gemacht und betrieben werden. Auch leise Fahrbahnbeläge und optimal gepflegte Schienen können erheblich zur Lärmminderung beitragen. Die Kommunen sollten in ihrer Stadtplanung das Leitbild der "Stadt der kurzen Wege" verwirklichen.Beim Problem des Nachbarschaftslärms wird deutlich: Lärmschutz und Bewahrung von Ruhe sind stets auch eine kulturelle Aufgabe.
Lärmkosten anlasten
Viele Lärmschutzmaßnahmen kosten Geld. Besonders die Kommunen sehen sich oft nicht in der Lage, aufwändigere Maßnahmen zu finanzieren. Es wird unumgänglich sein, dass die Erzeuger von Lärm – und dass sind letzten Endes wir Bürgerinnen und Bürger durch unser Mobilitäts- und Konsumverhalten selbst – gemäß dem Verursacherprinzip stärker an der Finanzierung des Lärmschutzes beteiligt werden, indem die externen Lärmkosten verursachergerecht durch Steuern und Abgaben – z. B. durch lärmabhängige Entgelte für die Nutzung der Verkehrsinfrastrukturen – angelastet werden.
Links
Arbeitsring Lärm (ALD): Internetseite
Deutsche Gesellschaft für Akustik e.V. (DEGA): Internetseite
Noise Observation and Information Service for Europe (NOISE): Internetseite